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Die Welt · 1900-09-07 · 36 (7.9.1900) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
36 (7.9.1900)
Article
Rede Dr. Alexander Marmoreks
Date
1900-09-07
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr. 36 sondern auch den Hochschüler und Arzt zu diesem Schritte getrieben hat. Ja, wenn solches geschieht, so muss die Existenz in diesem Lande zur unerträglichen Qual geworden sein. Rumänien besass vor kurzem 270.000 Juden. Von diesen haben nach der geringsten Angabe mindestens 18.000, nach anderen Angaben sogar 30.000 in diesem Jahre das Land verlassen. Ungefähr 1000 Juden sind in Rumänien naturalisiert. Alle anderen aber leben unter einer Gesetzgebung, die in ihrer Art einzig in der Welt ist, denn sie erklärt diesen grossen Theil der Einwohner des Landes kurzweg als Fremde, behandelt sie aber in Bezug auf das Tragen der Lasten als vollgiltige Einheimische und hasst sie als Feinde. Sie verwehrt ihnen die meisten Berufe und klagt über die Abneigung der Juden gegen Arbeit, wirft ihnen Mangel an Vaterlandsliebe vor, zwingt sie aber, Soldaten zu sein, begründet die Handlungsweise den Juden gegenüber mit deren Unwissenheit, versperrt ihnen aber die Schulen. Rumänien ist aus einem Vasallenstaate eine unabhängige Macht geworden, rühmt sich, ein Rechtsstaat zu sein, nennt sich stolz „Hüter heiligerFreiheitsprincipien im Osten Europas", aber noch immer ist sein Vorgehen gegen die Juden von der Ueberzeugung geleitet, die im rumänischen Code des Jahres 1832 der Ausgangspunkt der Gesetze gegen die Juden war. Es heisst dort wörtlich: „Es ist unzweifelhaft, dass die Juden hauptsächlich auf Kosten der Eingeborenen leben und fast alle Hilfsquellen zum Schaden des öffentlichen Wohles ausbeuten. u Zwei Motive leiten die Handlungen des rumänischen Volkes wie der rumänischen Regierung gegen die Juden: der Hass und die Furcht. Der Hass gegen ihre Religion und Rasse, und die Furcht vor ihrer ökonomischen Goncurrcnz. In allen Büchern, welche Rumänen über die religiösen und wirtschaftlichen Fragen in ihrem Lande geschrieben haben, liest man die stolzen Worte, dass die Rumänen keinen Religionshass kennen, dass sie ein tolerantes Volk seien und den Andersgläubigen darum nie verfolgen. Zwar ist es den bedrückten Juden so ziemlich gleichgiltig, in welche Unterabtheilung, in welche wohlclassificierte Kategorie die rumänische Antipathie ihnen gegenüber einzureihen wäre, aber es ist doch unzweifelhaft, dass das religiöse Motiv wirklicheine Rolle dabei spielt und geschickt von den antisemitischen Führern ausgebeutet wird. Die führenden Rumänen verfolgen die Juden mit jenem Hasse, der nichts anderes, nichts Sehnlicheres wünscht, als die völlige Zerstörung und Vernichtung des Gegners, einem Hasse, welcher in seinen Mitteln nicht wählerisch ist, der sich selbst sogar schädigt, um nur seine Leidenschaft zu stillen. Dieser Hass, sei er nun gegen die jüdische Religion oder Rasse gerichtet oder gegen beide zusammen, wird stets frisch angefacht, wie ein heiliges Feuer stets gehütet und brennend erhalten. Der rumänische Antisemitismus ist wohl organisiert und geleitet, seine zahlreichen Zeitungen sind sehr stark verbreitet und gelesen, seine Agitation findet nirgends Widerstand, und offen unterstützen und fördern höchste Würdenträger des Staates die Bewegung, welche zur nationalen Devise, ja zu einer Art nationaler Industrie sich entwickelt hat. Junge Studentlein, sowie nach Abgeordneten-Mandaten dürstende Lehrer durcheilen in Scharen das ganze Land, ziehen von Ort zu Ort, um in alien Kreisen der Bevölkerung unterschiedslos den alten Judenhass nicht erlöschen zu lassen und ihm stets neue Nahrung zuzuführen. Es genügt, dem ungebildeten Volke, jenem Theile, welcher nur Knüttelargumente kennt, die antisemitischen Leistungen der politischen Parteiführer stets von neuem vor Augen zu führen, um die blinden Instincte in ihm wachzurufen : Plünderung, Misshandlung, ja Ermordung der Juden sind dann das schönste, das erhoffte Resultat für die Mühen der Mitglieder der Antisemitenliga. Hören Sie nur einen Aufruf, den wir als Beispiel herausgreifen, um zu sehen, welcher Mittel sich die rumänischen Antisemiten bedienen, um nicht mehr erstaunt zu sein, welche Früchte sie ernten. Dieser Aufruf wurde auf den Mauern des kleinen rumänischen Städtchens Alexandria angeschlagen und ist gezeichnet: „Das Antisemiteu-Comite.a Er lautet: „Christliche Brüder von Alexandria! Wenige Tage trennen uns von dem Zeitpunkte, wo die Juden Jesus Christus, unseren Gott, gerichtet haben. Wir alle wissen, wie die Juden es verstanden haben, unseren christlichen Gott zu verhöhnen, wie sie ihn geplagt und gequält haben, damit er ihnen den Weg der Gerechtigkeit zeige, weil er ihre schwiridelhaften Kaufleute verurtheilt hat, weil er es nicht zugelassen, dass sie ihren schamlosen Handel im Hause des Herrn weiter betreiben, weil er sie schliesslich mit der Peitsche aus den Kirchen vertrieben, welche sie zu Schenken verwandeln wollten. Nachdem die Juden stets unsere Religion verlacht haben und dies noch heute thun, warum sollen wir ihnen Freundschaft entgegenbringen und ihnen den Vorzug in unserem Lande geben? Warum sollen wir ihnen unsere christlichen reinen Hände darbieten? Es ekelt uns, ihre Hände zu berühren, die noch von dem Blute unseres heiligen Jesus Christus triefen. Vergessen wir nicht, dass es ihre Hand war. die mit Hammer und Nägeln unseren christlichen Gott ans Kreuz geschlagen, demzufolge sie dazu verdammt wurden, von Aussatz befallen zu werden. Darum, Brüder von Alexandria. bei unserer ein istlichen Ehre beschwören wir Euch, Euch vor allen Juden zu hüten, Eure Kinder zu belehren, dass sie keine jüdische Schenke besuchen und ihre Kleider und andere Bedarfsartikel nicht mehr bei ihnen kaufen. Es wäre eine Schande, wenn die Stoffe dieser Kleider, in welchen Ihr in den Kirchen niederkniet, von den Händen dieser krätzigen Juden entweiht würden. Belehret Eure Kinder schon in ihrer Jugend, die Juden zu meiden, nichts, selbst nicht das Geringste, sich von diesem verfluchten Volke schenken zu lassen. Denn nur dann werdet Ihr wahre Christen, gute Rumänen sein." Unter diesem Hasse, der ihn von allen Seiten blutrünstig ansieht, lebt und leidet der Jude. Daher kommt es, dass jede Generation der rumänischen Juden von Jugend an sich an das Klirren eingeschlagener Fensterscheiben, an das Wuthgeheul betrunken gemachter Volksmassen bei ihrem Sturme auf jüdische Geschäftsläden und Häuser erinnert, dass keiner aus seinem Gedächtnisse den lauten Klageruf misshandelter Greise und das Angstgeschrei zitternder Mütter wegwischen kann. Aber was in den letzten Jahren in Rumänien an Misshandlungen und Roheiten gegen die Juden geleistet wurde, überschreitet weit das landesübliche Normalmass. Alle jüdischen Zeitungen brachten ununterbrochen Berichte darüber, die rumänischen konnten nicht leugnen. Wir wollen Ihnen als Beispiel den empörenden Fall des Marco Leibe, eines Bukarester Juden, erzählen. Er war naturalisiert, weil er am Unabhängigkeitskriege als Soldat theilgenommen hatte. Das anhaltende Elend und die Aussichtslosigkeit, sich in Rumänien sein Brot zu verdienen, führten ihn zum Entschlüsse, auszuwandern. Am frühen Morgen des Tages, wo er die Reise antreten sollte, wurde er von Polizei-Agenten in seiner Wohnung abgeholt, auf die Polizeiwachstube gebracht, daselbst einem Verhöre unterworfen und

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