Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-09-07 · 36 (7.9.1900) · p. 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
36 (7.9.1900)
Article
Rede Dr. Alexander Marmoreks
Date
1900-09-07
Page
1 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315888-3372215--21639-3372322
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Redaction und Administration: IX., Törkenstrasse Nr. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag von 3—4- Uhr. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Peützeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg.. halbjährig 7 Shg-, Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. Nr. 36. Wien, 7. September 1900. 4. Jahrgang ber vierte Zionisten-Congress. Rede Dr. Alexander Marmoreks. (Gehalten in der Nachmittagssitzung: des ersten Tages.) Meine Damen und Herren! Es ist mir die schmerzliche und schwierige Aufgabe zutheil geworden, Ihnen einen Bericht über die Lage unserer rumänischen Brüder zu erstatten. Wir wollen auf dieser unserer Tribüne uns nicht in leeren Protesten und Klagen ergehen. Unsere Klagen können die Schuldigen nicht treffen und unsere Proteste ihre Handlungsweise.nicht ändern. Wir wollen unseren tiefen Schmerz zurückdrängen und ruhigen Sinnes, objectiv, sowohl der Ursache der Katastrophe nachforschen, die seit den Zeiten des spanischen Dramas in der an Leiden so reichen Geschichte des Volkes kaum ihresgleichen sah, als auch Ihnen die traurige Gegenwart schildern. Wohl sagen Männer, welche sich nicht gewerbemässig mit jüdischen Angelegenheiten befassen, voraus, dass da unten im Osten ein Vulcan dem Ausbruche nahe sei, aber die grauenhafte Wahrheit, deren Zeuge mit uns die ganze Welt ist, übersteigt die schrecklichsten Befürchtungen. Mit den Wogen der armen Auswanderer wälzt sich von neuem das jüdische Elend über die ganze Erde, rüttelt aus ihrem kindischen Schlafe die westlichen Juden auf, und schlingt gegen ihren Willen das Band der nationalen Einigkeit fester, das sie keck zu leugnen sich bestreben. Der Zionismus hat nicht die Stunde der Trauer abgewartet, um sein Augenmerk diesen Unglücklichsten zuzuwenden, aber da nun diese Stunde gekommen, verdoppelt er seine Kräfte, verzehnfacht seine Mühen, wiederholt aber auch den warnenden Ruf nach Einigkeit unter den zerstreuten Söhnen unseres Volkes, nach gemeinsamer Hille, nach brüderlichem Zusammenstehen, um das jetzige Leid zu mildern und dem künftigen, das leider kommen wird, gerüste gegenüberzustehen. Je tiefer aber die Vertreter des Zionismus in den Abgrund dieses Elends eindringen, umsomehr sind sie erschüttert von den gewaltigen Gegensätzen, welche sich im Charakter unseres Volkes enthüllten: einerseits Standhaftigkeit, treues Volksbewusstsein, wahre Bruderliebe, andererseits aber feige Schlaffheit, die nur zur Kraftleistung sich emporschwang, wenn es sich darum handelte, die Unglücklichen von sich abzuhalten, um sie in ihren trostlosen Jammer zurückzustossen; schamlose Roheit gegen Schwache und Bedrückte, ja Verrath am eigenen Fleische, Erscheinungen, die ein Brandmal auf die jüdische Stirne gedrückt (Pfui-Rufe.) Wie kommt es, meine Damen, und Herren, dass in Rumänien die alte Judenplage plötzlich zu dieser Höhe angewachsen ist und zu den Ereignissen unserer Tage geführt hat? Wie kommt es, dass ein in dumpfer Armut hinsiechendes Volk von wahnwitzigem Entsetzen, von panischem Schrecken ergriffen, alles verlüsst, das Land seiner Geburt, die Gräber seiner Ahnen, die Stätte seiner Jugenderinnerungen, die liebgewordenen Gewohnheiten, um einer ungewissen Zukunft, einem vielleicht nicht geringeren wirtschaftlichen Elend entgegenzugehen, gehetzt, verjagt, zerstreut'? Wenn diese rumänischen Juden, welche seit jeher moralisch, körperlich und wirtschaftlich so sehr in ihrem Vaterlande zu leiden hatten, plötzlich in solchem Masse zum Wanderstabe greifen, so muss etwas Ausserordentliches sich ereignet haben, das nicht bloss einige wenige, sondern tausende und ubertausende, nicht bloss Arme und Bettler, sondern auch Wohlhabende, nicht bloss die kleinen Handwerker

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.