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Die Welt · 1900-08-31 · 35 (31.8.1900) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
35 (31.8.1900)
Article
Rede Dr. Max Mandelstamms
Date
1900-08-31
Page
6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Die & Welt," Nr. 35 durch Schulen mit hellen, luftigen Räumen, den Erfordernissen der Hygiene entsprechend, ersetzt werden; der Unterricht müsste eompetenten Händen anvertraut werden, wozu specielle Lehrerseminare ins Leben gerufen und fürs erste aus dem jetzigen Material die besten Kräfte herangezogen werden müssten. Es müsste in den Schulen obligatorisch Gymnastik eingeführt werden, wobei wir allerdings nicht sowohl auf den Widerstand der Behörden, als vielmehr auf den der orthodoxen Dunkelmänner stossen würden, der „Sohar- Anbeter", die da im Gegensatze zum Talmud behaupten, dass „je schwächer der Körper, desto gesünder der Geist". Es müssten in den grösseren jüdischen Centren tüchtige Handwerkerschulen, nach dem Muster der Odessaer, der bekannten „Trud" errichtet werden. Wir würden dann die Quantität der Handwerker durch die Qualität ersetzen, und tüchtig geschulte Handwerker könnten übersll Verwendung finden. Es müssten Turnvereine ins Leben gerufen werden, wozu die Behörden, wie ich glaube, gern ihre Einwilligung geben würden, indem die Jünglinge zu tüchtigen Soldaten herangezogen und der Percentsatz der zum Militärdienst Untauglichen bedeutend herabgesetzt werden würde. Es müsste den jungen Recruten eingeprägt und durch Wort und Schrift klar , gemacht werden, dass sie während ihrer Dienstzeit sich dem Soldatenhandwerk mit Leib und Seele ergeben und alle noch so schweren Pflichten aufs peinlichste erfüllen. Sie würden dadurch nicht nur ihrer Bürgerpflicht genügen, sondern vor allen Dingen sich selbst den grössten Nutzen bringen und ihren schwachen Körper stärken. In den kleineren Städten, die bald hier, bald da alljährlich ein Raub der Flammen werden und hunderte von Familien an den Bettelstab bringen, müssten durchaus freiwillige Feuer wehr-Vereine creiert werden, wozu alle Insassen, wenn auch nur einen minimalen Beitrag liefern müssten. Für die Fabriksarbeiter und die Arbeiter in grösseren Werkstätten und gegen alle Uebelstände, die dort vorkommen, ist an eine Selbsthilfe insofern nicht zu denken, als diese brennenden Fragen keine specifisch jüdischen, sondern allgemeiner Natur sind und ausserhalb des Rahmens unserer Competenz liegen. Dafür aber wäre Sorge zu tragen, dass Taglöhner, die den Sommer über in den Städten und Städtchen unbeschäftigt herumlungern, mit Hilfe von Vorständen sich organisieren und für die Säe- und Erntezeit Arbeit bei den jüdischen Gutsbesitzern, die hie und da anzutreffen, und auch bei nichtjüdischen — suchten. Der doppelte Zweck: die nothdürftigste Versorgung für den Winter und ein längerer Aufenthalt in frischer Landluft — wäre dadurch erreicht. Es müssten landwirtschaftliche Musterfarmen nebst Baumschulen für jüdische Knaben, wie deren bereits einige vorhanden, in grösserer Zahl errichtet werden; mit verhältnismässig geringen Mitteln sind solche zu beschaffen. Ebenso wie für den männlichen Theil, sollte auch für den weiblichen gesorgt werden durch Errichtung von Elementar- und Fachschulen, damit sie etwas lernen und verstehen und auf eigenen Füssen stehen, anstatt sich fast im Kindesalter zu verheiraten und aufs Heiraten ausschliesslich angewiesen zu sein. Es müsste nach Möglichkeit durch die Aerzte immerfort gegen diese gesundheitswidrige Sitte gepredigt werden; ebenso müssle den Frauen eingeschärft werden, dass die mosaischen und talmudischen Reinlichkeitsgesetze noch bis jetzt als vorzügliche hygienische Massregeln gelten könnten, wenn sie nicht entweder ganz ignoriert oder in gesundheitsschädigender Form angewandt werden würden, wie es z.B. mit den rituellen Bädern der Fall. Es wäre ferner die Errichtung von Tageskrippen für arme Kinder, deren Eltern tagsüber vom Hause abwesend sind, zu empfehlen; solche würden viel zum körperlichen Wohlbefinden, zur Reinhaltung des Leibes dieser verwahrlosten Geschöpfe beitragen; ebenso müsste man Ferienasyle für kranke Kinder ins Leben rufen. Wie gesagt, würden die Palliativmittel, die ich in Aussicht genommen, nicht nur die Energie und Selbsthilfe der Ghettojuden aufs höchste anspannen, sondern auch die Wohlthätigkeit der Reichen in grösstem Masse in Anspruch nehmen. Diese Wohlthätigkeit aber würde ihre Grenze darin finden, dass dieselbe schon jetzt mit den so häufig vorkommenden Feuersbrünsten, Hungersnöthen, Ueberschwemmungen, Judenkrawallen, welche sich ebenfalls als Naturnoth wendigkeit eingebürgert haben etc., vollauf zu thun hat, und ausserdem ist der wichtige Umstand zu berücksichtigen, dass die allgemeine Judenmisere, die auf alle Gesellschaftsclassen zurückwirkt, jahrein, jahraus tausende wohlhabender Juden an den Bettelstab bringt Die Schwierigkeiten mithin, die sich einer physischen Hebung der Juden innerhalb des Ghetto bieten, sind nicht viel geringer, als diejenige war, welche Baron Münchhausen, seligen Andenkens, zu überwinden hatte, als er einst in einen Sumpf gerathen und, dem Ertrinken nahe, sich an den eigenen Zopf fasste und aus dem Sumpfe zog. Ich komme daher zum letzten Schlüsse, zu meinem ceterum censeo, zu der These, die ich in Gemeinschalt meiner Gesinnungsgenossen, in Gemeinschaft aller Zionisten aufzustellen wage: „Das Ghetto-Judenthum kann im Ghetto selbst physisch, also auch moralisch nicht gesunden; das kann nur ausserhalb desselben, auf eigenem Grunde und Boden, und zwar in dem einzigen Lande geschehen, wo es überhaupt auf dem ganzen Erdenrund ruhig geduldet werden wird; in einem Lande, wo es neue Säfte und Kräfte zu seiner körperlichen und geistigen Hebung ziehen muss. Nur eine mit grosser Um- und Vorsicht geleitete Massenemigration nach Palästina, dem Anziehungspunkte par excellence der Ghettojuden, kann mit der Zeit ein neues, frisches Judengeschlecht heranwachsen sehen — das jetzige ist physisch als halb verkommen aufzugeben — ein Geschlecht, welches, durch die unendlichen Leiden und Qualen seiner Altvordern geläutert, vielleicht der Welt zum z weitenmale eine Heilslehre verkünden würde, die Heilslehre von der socialen Gerechtigkeit, die bis nun allüberall so schnöde mit Füssen getreten wird, und deren Missachtung die Menschheit an den Rand der moralischen Versumpfung zu führen droht. Diese grosse Aufgabe, vielleicht eine der grössten des anbrechenden Jahrhunderts, könnte wohl gelöst werden, wenn die gesammte Judenheit es nur wollte; wenn die Juden endlich ihr Marranenthum, das zu nichts führt und sie nur lächerlich und den arischen Völkern verächtlich macht, abstreifen, Farbe bekennen und sich als Nation wiederfinden wollten; wenn die Juden all die Millionen, die sie jährlich für verschiedene Stiftungen verwenden, welche am wenigsten den Juden zugute kommen, dem Zwecke der Colonisation Palästinas zuwenden würden; wenn die Juden einfür allemal den Gedanken aufgeben würden, dass sie durch Grossmuth einerseits und andererseits durch Liebedienerei die Volksmassen ihrer arischen Nachbarn toleranter und hochherziger stimmen werden. Auf die Verbrüderung des

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