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Die Welt · 1900-08-31 · 35 (31.8.1900) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
35 (31.8.1900)
Article
Rede Dr. Max Mandelstamms
Date
1900-08-31
Page
5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35 JMe 2& Welt" Seite 5 so lange? Seit hunderten von Jahren ist's auf dem Aussterbe-Etat und dennoch geht's nicht zugrunde: also muss es nicht so schlimm um die Ghetto-Juden bestellt sein." Allerdings ist's nicht so schlimm bestellt, und zwar aus dem Grunde, weil dieses Volk in seinen Sitten, religiösen Gebräuchen und seiner ethischen Beanlagung eine Selbststeuerung, eine Art Regulator, ein Hemmungs-Centrum besitzt, das sie nicht ganz untergehen lässt, das aber nicht ewig herhalten kann, weil es kein Perpetuum mobile gibt. Vor allen Dingen sind es die häuslichen Tugenden des Ghetto-Juden, die ihn bis zu den letzten Jahren ausgezeichnet und veranlasst haben, aufs zärtlichste für Frau und Kind zu sorgen. Schon der schwangeren Frau trägt man alle Sorgfalt entgegen, die unter den gegebenen elenden Verhältnissen überhaupt möglich ist; man enthebt sie gewöhnlich einer jeden schweren Arbeit vor der Niederkunft; es gibt in vielen Städten und Städtchen Frauen vereine, welche arme Wöchnerinnen materiell unterstützen. Alsdann nährt die jüdische Frau gewöhnlich ihr Kind selbst, anstatt es Ammen anzuvertrauen, Bäuerinnen zu überantworten, welche es verhungern lassen, oder gar Findelhäusern, in welchen die Kinder zu hunderten zugrunde gehen. Es gibt eben viel weniger uneheliche Kinder, es kommen viel weniger Frühgeburten vor. Diese Thatsachen, und ausserdem der Umstand, dass die Juden die Pocken-Impfung regelmässig durchführen, bedingt eine auffallend geringe Kindersterblichkeit in den ersten Lebensjahren, und zwar eine viel geringere, als unter der nichtjüdischen Bevölkerung. Alles das hat viele, s/>gar namhafte Aerzte zu dem Vorurtlieile verleitet, dass die Lebensfähigkeit und Fruchtbarkeit der Juden eine Rassen-Eigenthümlichkeit sei. Alsdann kommt noch die Mässigkeit der Juden in Speise und Trank, sowie ihre, vom Gesetze anbefohlene Hygiene im Eheleben hinzu, ferner ist die Sorgfalt der Juden für ihre Kranken und die Geneigtheit zu berücksichtigen, mit welcher sie sich einer ärztlichen Behandlung unterziehen, und das genaue Befolgen ärztlicher Vorschriften. Dieser Umstand erklärt auch, dass bei manchen Epidemien, wie zum Beispiel der Cholera, die Sterblichkeit der Juden manchmal eine geringere ist, als die der Niehtjuden. Es ist einem jeden vielbeschäftigten Arzte geradezu auffallend, wie manchmal wegen eines kranken Kindes oder eines anderen Familienmitgliedes — Vater, Mutter und womöglich sogar Grossmutter in sein Consultations-Zimmer dringen, wie gerne die Juden Consultationen mit ärztlichen Autoritäten verlangen und den letzten bitter ersparten Pfennig dafür herstrecken — im crassen Gegensatze zu der nichtjüdischen Bevölkerung, namentlich der Bauern, die mit geradezu beneidenswertem, fatalistischem Gleichmuth ihr Schicksal, Leben oder Tod, erwarten. Der Hauptgrund aber der Widerstandsfähigkeit der Juden war bis jetzt der, dass sie keine Trinker, keine Alkoholiker und von gewissen, durch ein ausschweifendes Leben bedingten ansteckenden Krankheiten nicht durchseucht waren; zwei Uebel, die unter der nichtjüdischen Bevölkerung tausende und tausende hinraffen und eine degenerierte Nachkommenschaft erzeugen. Gibt es ja bei uns ganze Bauerndörfer, die von diesen Uebeln durchseucht sind. Allerdings rnuss ich zu meinem grössten Leidwesen constatieren, dass nach dieser Richtung hin die Widerstandsfähigkeit der Juden in letzter Zeit abnimmt, seitdem nämlich die besser situierten Juden, die mit der nichtjüdischen Bevölkerung in Berührung treten, sich assimilieren, mit der äusseren Hülle des orthodoxen Judenthums zugleich den ethischen Kern desselben über Bord werfen und sich Excessen jeglicher Art hingeben. Es gibt bereits in einer der grössten Ghettostädte ^in jüdisches Hospital für die oben erwähnten Krankheiten, welches sich leider eines zu guten Zuspruches erfreut. Sollte eben nicht baldigst Wandel geschaffen werden, so sehe ich mit Grauen der Zeit entgegen, wo die letzten von mir aufgezählten Dämme gegen die körperliche Entartung der Juden eingerissen und das Ghettojudenthum mit Riesenschritten einer physischen und moralischen Zersetzung entgegeneilen wird. Nach dem Geschilderten komme ich zum Kern der Sache, zur Frage: auf welche Weise die körperliche Hebung der Ghettojuden zustande gebracht werden könne? Die Antwort darauf kann nur eindeutig lauten: Die physische Hebung kann einzig und allein nur durch eine sociale ökonomische Umgestaltung der Lage der Ghettojuden ins Leben gerufen werden; denn diese ist's ausschliesslich, welche den Volkskörper der Juden allmählich untergräbt und zugrunde richtet. Selbst innerhalb des Ghetto kann dieser Beweis geliefert werden. Die Ackerbauer im Cherson'schen und Ekaterinoslaw'schen, die Flösser in Pinsk, die Hafenarbeiter in Odessa, welche sich in freier Luft bewegen und ihre Muskelkraft entwickeln können, sind unvergleichlich gesünder und rüstiger. In llussland nun, wo circa fünf Millionen Juden wohnen, würde ein Machtwort, das Streichen des einen Satzes der russischen Gesetzgebung: „Mit Ausnahme der .ludendieses Wunder zutage fördern. Gleichberechtigung, Freizügigkeit, Einreissen der Ghettomauern, freie Immigration der Juden ins grosse russische Reichv'— welches einen jeden, der essen will, sättigen und einem jeden, der durstig ist, den Durst stillen könnte — würden im Verlaufe von zwei bis drei Generationen in demselben Masse die physische Hebung der Juden fördern, wie es in Westeuropa geschehen ist. Ich spreche in diesem Falle speciell als Arzt und nicht als Zionist. In Galizien und Rumänien würde, bei der verlotterten Wirtschaft der dortigen Aborigenen, bei der moralischen Decadenz ihrer Schlachzizen und Bojaren, anstatt einer unverzeihlichen Liebäugelei der betreuenden Regierungen mit der antisemitischen Schwefelbande eine strenge Handhabung der Verfassung so manche Abhilfe leisten. Da aber ein solcher Wandel zum Besseren in absehbarer Zeit durchaus nicht zu erwarten ist, da vielmehr alle Anzeichen dafür sprechen, dass die Juden im nächsten Jahrhundert ebenso wie in dein vergangenen den obligatorischen Karpfenteich für die grossen arischen Hechte abgeben werden, und da überhaupt, trotz Gultur und Civilisation, die ganze christliche Ethik in den letzten Decennien auf den Kopf gestellt wird, so kann es sich bei der Lösung unseres Problems innerhalb des Ghetto nicht um eine radicale Abhilfe, sondern höchstens um Palliativmittelchen handeln, die einerseits der physischen Entartung der Ghettojuden bloss eine Galgenfrist gewähren könnten, anderseits die Wohlthätigkeit und Selbsthilfe der Ghettojudenschaft aufs höchste anspannen müssten, um, wenn auch nur theilweise realisiert zu werden. Zu diesen Palliativmitteln würde in erster Reihe eine Reform der Judenschulen, der Cheders und Talmud- Thoras und der Jeschiboths gehören. Nach dem Obenerwähnten wird eben in diesen Schulen der erste Keim zur Körperverkrüppelung der heranwachsenden Jugend gelegt. Wenn überhaupt den besser situierten Ghettojuden das Schicksal ihrer Glaubensgenossen am Herzen liegt, so müssten diese Brutstätten jeglicher Krankheiten

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