Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 35 (31.8.1900)
- Article
- Rede Dr. Max Mandelstamms
- Date
- 1900-08-31
- Page
- 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 35 ,Die x£ Weif* Seite 7 ganzen Menschengeschlechtes dürfen wir in absehbarer Zeit am allerwenigsten rechnen — das gibt's nicht! Vorläufig „sehe jeder, was er treibe, sehe jeder, wo er bleibe, und wer steht, dass er nicht falle14. — An dem Tage, an welchem ich die Morgenröthe einer körperlichen und geistigen Gesundung meines Volkes erblicken würde, würde ich frohlockend ausrufen: „Ich habe genug gelebt!tt *W»***^**W>»A<*W»»^A**«****M»<»^**»w^*^**^**<»****»^**<N*A»'«* II. Tag. Nachmittags-Sitzung. In der Nachmittags-Sitzung, die vom Präsidenten Dr. Mandelstamm eröffnet worden ist. wird die Debatte über den Rechenschaftsbericht des Actionscomites fortgesetzt. Dr. Rosenheck erklärt namens der galizisch-bukowinischen Delegation, die circa 10°/o der gesammten Judenheit vertritt, den heutigen Rechenschaftsbericht des Wiener Actionscomites mit ganz besonderer Befriedigung entgegenzunehmen. In der Erstarkung der Organisationen sei der einzige Erfolg gelegen, den man derzeit erreichen könne. Er spricht dem engeren Actionscomite das unbedingte und feste Vertrauen aus. Als Mitglied des galizischen Lande.scomites kann er nur constatieren, dass das Actionscomite diesem gegenüber seinen Verpflichtungen vollauf nachgekommen ist, indem es mit Galizien stets in Contact stand. Nur wünsche er nähere Aufklärungen über die allgemeine politische Lage, eine Förderung der Agitation und Organisation durch zahlreiche Aussendung von Rednern nach Galizien, endlich betont er die Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Kräftigung der galizischen Juden. (Lebhafter Beifall.) Frau Dr. Steinberg hat aus den Sitzungen der russischen Delegierten den Eindruck gewonnen, dass die Principien des Zionismus nicht ganz genau bekannt seien. Sie wünscht daher vom Actionscomite Aufklärung, ob dasselbe, wenn es im Besitze grosser Geldsummen wäre, bei einer Katastrophe, wie etwa der rumänischen, berechtigt wäre, helfend einzugreifen. Auch stellt sie die Anfrage, ob der Congress das Recht habe, sich in die Bankthätigkeit einzumengen, da man wahrscheinlich die Lösung solcher Aufgaben, wie der oben erwähnten, der Bank überlassen wird. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Rabbiner Rabbinowitz (Sopotzkin) berichtet üb eiserne Thätigkeit in seinem Rayon in Russland. Man sehe, dass auf jedem Congresse immer mehr Vertreter des Zionismus erscheinen, woraus folgt, dass sich der Zionismus immer mehr verbreite. Er bespricht die Stellung der Protestrabbiner zum Zionismus und erklärt deren ablehnende Haltung mit ihrer Furcht, dass eine Culturströmung Gegensätze zum orthodoxen Judenthum hervorrufen könnte. Hier sollten aber die Frommen klüger und die Klugen frömmer sein. (Lehhafter Beifall.) Diese orthodoxen Gegner des Zionismus werden dadurch gewonnen werden, dass man ihnen die Ueberzeugung beibringt. 1er Zionismus sei nicht gegen die Religion gerichtet. Wenn man die Rabbiner gewonnen habe, dann habe man das ganze Judenthum gewonnen, das ja, zumal in Russland und. Galizien, zu 9/i„ der orthodoxen Richtung angehöre. (Stürmischer Beifall.)' P i n e 1 e s (Galatz) bemerkt, dass die traurige Lage der Juden in Rumänien diese nicht davon abgehalten halte, ihr Bestes für den Zionismus zu thun. Im übrigen entspreche es nicht ganz den Thatsachen, wenn man alles so schwarz ausmale. Im Districte Galatz zum Beispiel sei die Behandlung der Juden von Seiten der Behörden eine lobenswerte. Dort seien die Juden nur deshalb ausgewandert, weil sie seit einem Jahre keine Beschäftigung gefunden hatten. (Lebhafter Widerspruch.) Redner tritt der irrigen Anschauung entgegen, als ob der Zionismus zu den Massenauswanderungen aus Rumänien ermuntert hätte. (Redner wird hu-r vom Vorsitzenden aufgefordert, zur Sache zu sprechen.) Zum Schlüsse richtet Herr Pineles einen Appell an die Juden Westeuropas und Nordamerika?, den nothleidendeu Stammesgenossen in Rumänien zu helfen. In England könne man die Mittel hierzu finden, wenn nur der gute Wille vorhanden sei. (Beifall.) Rabbiner Landau (Bottuschani) meint, das Actions- Comitö habe noch nicht den richtigen Weg gefunden, den Zionismus in die breiten Volksschichten zu tragen. Im Actions-Comite wurde in dieser Beziehung kein genügend klarer Standpunkt eingenommen. Die breiten Massen des jüdischen Volkes seien dem Zionismus ergeben, aber eine Verletzung ihrer religiösen Gefühle könnte es dennoch bewirken, nicht etwa, dass sie aufhörten, Zionisten zu sein, wohl aber, dass sie sich von einer bestimmten zionistischen Vereinigung loslösten. Die Culturfrage in ihrer heutigen Form wirke zum Beispiel auf die breiten Schichten des jüdischen Volkes abschreckend. Das Actions-Comite hätte es überhaupt unterlassen sollen, derartige Fragen aufzuwerten. Dennoch hätte auf die Verbreitung der hebräischen Sprciche und Geschichte und Wissenschaft der Juden mehr Gewicht gelegt werden können. Dass in Russland Spracheurse errichtet wurden, sei nicht dem Actions-Comite zu verdanken, es sei dies vielmehr einem inneren Drange der russischen Zionisten entsprungen. Er appelliert an den Congress, derselbe möchte dem künftigen Actions-Comitö den Auftrag geben, den angeregten Fragen mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) E 11 m a n n (Braila) tritt der Anschauung entgegen, als ob es in Rumänien auch nur einen Ort gäbe, wo der Jude als Mensch und gleichberechtigter Staatsbürger behandelt würde. Hier sei schnelle Hilfe nöthig, sonst wird die Judenfrage für Rumänien sehr bald und auf ganz eigene Weise gelöst sein. (Lebhafte Zustimmung.) Dr. W eitzmann meint, dass man auf die innere Thätigkeit der Vereine blicken müsse, wenn man über die Ausbreitung des Zionismus sich ein Bild verschaffen wolle. Keinesfalls sei es richtig, dass die Verletzung der religiösen Gefühle durch den Zionismus die Ursache dafür sei, dass nicht alle Juden die zionistischen Bestrebungen fördern. Die Religionsfrage müsse hier als eine private Frage angesehen werden. Die breiten Massen werden dem Zionismus gegenüber sich so lange indifferent verhalten, als nichts Positives geleistet wird. (Lebhafte Zustimmung.) Dr. A w i n o w i t z k i (Odessa) findet die Hauptaufgabe des Actions-Comites in der Centralisation gelegen. Die Zusammenbringung des Congresses allein sei schon eine Riesenarbeit. (Lebhafte Zustimmung.) Das Actions-Comite könne nichts anderes machen als die Einzel-Vereine, denn es sei nichts anderes, als ein Glied des zionistischen Körpers. (Lebhafter Beifall.) Dr. Bernh. Goitein (London) gibt eine Anregung zur Verbreitung des Zionismus in Ungarn, wo diese Bewegung bisher noch wenig Wurzel gefasst habe. Tülkowski (Belgien) vertheidigt das Actions- Comite gegenüber den erhobenen Vorwürfen und spricht demselben das Vertrauen aus. L oewv (Blackburne) erklärt namens der englischen / Zionisten, aass diese zu den Führern und zum Actions- Comite absolutes Vertrauen haben. Das Actions-Comite habe schon genug gethan, wenn es nur diesen Congress organisierte. Der Redner begrüsst es, dass der Congress im heurigen Jahre in London tage und ruft ihm ein herzliches Willkommen zu. (Stürmischer Beifall.) Zum Schlüsse stellt er die Anfrage, welche Stellung das Actions-Comite zu den Colonisations-Gesellschaften einnehme, da insonderheit die „Chowewe Zion" in England sehr stark verbreitet seien. (Widerspruch.) Er persönlich sei der Ansicht, dass man mit keiner dieser Gesellschaften sich vereinigen dürfe, wenn sie nicht die zionistischen Principien anerkennt. Leo M o z k i n ist ebenfalls der Ansicht, dass das Actions-Comite bloss ein ausführendes Organ sei, dem man zu seinen Arbeiten doch Vertrauen entgegenbringen müsse. Auch er will den Zionismus von den religiösen Fragen getrennt wissen. Die breiten Massen wissen trotzdem sehr wohl, was der Zionismus will. Uebrigens überschätze man den Einfluss der Rabbiner in Russland, die niemals imstande waren, eine solche Bewegung hervorzurufen, wie es Herzls „Judenstaat" gethan hat. Der Zionismus dürfe in seinen ehrlichen Absichten nicht angezweifelt werden. (Lebhafter Beifall.) Weshalb sind die Rabbiner nicht zum ersten Congresse gekommen? Und jetzt wollen sie uns hier die Wege weisen?! (Lebhafter Beifall.) Die Agitation müsse so fortgeführt werden wie bisher, wenn man das Ziel erreichen wolle. (Stürmische Zustimmung.) Die Debatte wird sodann geschlossen, und zu Generalrednern werden gewählt: pro — Dr. Menczel (Bukowina), contra — Dr. Bragin (Russland). Dr. Bragin meint, das Actions-Comite hätte im vergangenen Jahre nichts geleistet, wenigstens sei aus dem erstatteten Rechenschaftsberichte von Leistungen nichts zu bemerken. Wenn politische Rücksichten es verbieten, mehr mitzutheilen, so könnte man dies doch wenigstens sagen. Und konnte das Actions-Comite nichts thun, infolge der Verhältnisse, weshalb gesteht es das nicht ruhig ein? (Schlussrufe und Widerspruch.) Dr. Menczel hält die Art, wie hier Kritik geübt wird, nicht für richtig, wenn auch allerdings manches auszusetzen sei. Viel mehr am Platze wäre es gewesen, wenn das Actions-Comite eine Kritik über die Thätigkeit der einzelnen zionistischen Vereine geübt hätte. Insolange kein