Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 35 (31.8.1900)
- Article
- Rede Dr. Max Mandelstamms
- Date
- 1900-08-31
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 35 ,Die 2$ Welt" Seite 3 mit Ausnahme des wenig zahlreichen mittleren Kaufmann ssiandes, dessen Geschäftsrad zumeist mit geborgtem Oel in Betrieb gesetzt wird und sofort stillesteht, sobald ihm der Credit entzogen wird; mit Ausnahme endlich von etwa 10—15.000 Golonisten, Landarbeitern (inclusive Frauen.und Kinder) im Cherson'schen und Ekaterinoslaw'schen, besteht die übrige erdrückende Mehrheit der Ghettojuden aus Kleinkrämern, deren ganzer Warenbesitz kaum die Abgaben deckt, die sie entrichten müssen, aus Handwerkern, deren Zahl erschreckend gross, laut statistischen Daten, die übrigens mangelhaft, nicht weniger als 400.000 (Frauen und Kinder nicht eingerechnet), aus Taglöhnern, deren Zahl enorm, bei fehlender Statistik aber nicht zu bestimmen, Taglöhnern, die früh morgens sich auf die Suche nach Arbeit begeben und nicht wissen, ob sie abends der darbenden Familie das Geld zum Ankaufe eines Brotes mitbringen werden; aus Fabrikarbeitern (in Russland etwa 70.000), die um einen Spottlohn von 40—50 Kopeken (3 Pence) 12—14' Stunden täglich arbeiten, und — Bettlern. Es ist ein grosses Vorurtheil, wenn behauptet wird, dass die Juden arbeitsscheu sind; es gibt kein noch so niedriges Handwerk, kein noch so schweres, von der Dachdeckerei angefangen bis zur Latrinen-Reinigung — das der Jude nicht verrichten sollte; in Litthauen sind die Juden fast die ausschliesslichen Handwerker; Tischler, Klempner, Schmiede, Schuster, Schneider, Lastträger, Maurer etc. etc. Das Vorurtheil entsteht leider dadurch, dass es zu viele Handwerker und Taglöhner gibt, dass das Angebot bei weitem die Nachfrage übersteigt, so dass ihr Wirkungskreis von Tag zu Tag eingeschränkter wird und der Handwerker allmählich zum Lumpenproletarier, resp. zum Bettler herabgedrückt wird. In Fabriken, wo physische Kraft und Ausdauer erforderlich, werden die Juden nicht verwendet, weil ihnen die erforderliche Muskelkraft fehlt; ausserdem kommt noch die Sabbathfeier hinzu, die störend dazwischentritt, und endlich werden die Juden von Nichtjuden principiell nicht engagiert. Es ist nicht meine Aufgabe, eine detaillierte Auseinandersetzung der social-ökonomischen Lage der Ghettojuden zu geben; ich kann bloss sagen, dass im grossen und ganzen die Juden des Ghetto — ein Volk von Hungerleidern sind. Um dieses Menschenmateriai nun, um die körperliche Hebung dieser Unglücklichen, soll es sich handeln. Der Einfluss, den die Lebensweise der Ghettojuden — eine Lebensweise, die von Geschlecht zu Geschlecht, durch Jahrhunderte, sich fast unverändert fortpflanzt — auf ihre leibliche Beschaffenheit hat, ist nach dem eben Geschilderten leicht zu begreifen. Die körperliche Misere beginnt bereits im fünften bis sechsten Lebensjahre, wo die Jungens dem „Cheder* überantvvortet werden, in welchem der Lehrer, Melamed, unumschränkte Macht über sie übt. Der enge, stinkende Raum, der Mangel jeglicher Ventilation, die abscheuliche Beleuchtung, die Abwesenheit hygienischer Schulbänke, und infolge dessen die gebückte Körperhaltung, die schiefe Kopfstellung beim Lesen und Schreiben; andererseits die enorme Stundenzahl des Unterrichtes, die die achtstündige Normalarbeitszeit bei weitem übertrifft — gewöhnlich von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, mit einer kaum einstündigen Recreationspause: Alles das wäre schon genügend, um den zarten Körper dieser kleinen Weltbürger zu ruinieren. Dazu kommt aber der Unterrichtsstoff selbst, der in Händen von vor Hunger verkommenden, vor Unwissenheit strotzenden Lehrern ruht; die Planlosigkeit des Unterrichtes, das Büffeln der Bibel im hebräischen Urtext ohne dessen grammatikalischen, ethymologischen oder syntaktischen Sinn, den der Lehrer, mit seltenen Ausnahmen, selber nicht kennt: Momente genug, um das junge Gehirn zu überbürden. Rechnet man noch dazu die sinnlose, manchmal grausame Art und Weise, mit welcher der Lehrer wegen Ungehorsam oder nicht rascher Auffassung des Vorgetragenen seine Schüler züchtigt, so lassen sich daraus leicht die traurigen Consequenzen ziehen. Ist das 10., 11. Lebensjahr erreicht, so beginnen die Gehirntorturen erst recht, durch die Einweihung in den Talmud, dieses Riesenwerk, in welchem zwar Schätze ethischer Gultur und praktischer Lebensweisheit aufgespeichert sind, der aber für heranwachsende Knaben ganz unverdaulich, für ihr Gehirn sehr anstrengend ist. Das haben die Talmudisten sehr wohl eingesehen und daher im „Pirkeh-Aboth" für das 10. bis 15. Lebensjahr bloss den Unterricht in der „Mischnah" empfohlen. Ich finde beiläufig, dass mit dem Studium des Talmud noch insoferne Unfug getrieben wird, als den jungen Gehirnen nicht der Kern, sondern die Schale mit ihren Spitzfindigkeiten und nebensächlichem Beiwerke beigebracht wird; dass die jungen Leute durch den sogenannten „Pilpul schel Hewel1an ein scholastischcasuistisches, von falschen Prämissen ausgehendes Denken gewöhnt werden, wogegen die hervorragendsten Gaonim stets protestieren, und das sie in reiferen Jahren für ein inductives Forschen, für eine mit klaren Sinnen aufzufassende Wirklichkeit weniger tauglich macht. Ist nun die Lehrzeit um, ist das 17., IS. Lebensjahr zu Ende, so tritt der Ghetto-Jude unfertig, unvorbereitet ins praktische Leben, heiratet so früh wie möglich, und der harte Kampf ums tägliche Brot beginnt. Wenn er auch im besten Falle bis dahin ein Handwerk erlernt, so hat er es miserabel erlernt, bei seinem Vater oder einem anderen Handwerker, der es als Pfuscher ebenso begonnen hat, wie sein Lehrling, und da er unter der Wucht einer drückenden Concurrenz steht, indem seine Thätigkeit fast ausschliesslich auf das Ghetto angewiesen ist, so wird er zum bedauernswertesten Geschöpf auf Gottes weiter Erde, und das langsam wirkende Gift der Noth und Entbehrungen setzt die früh begonnene Minierarbeit fort und untergräbt allmählich die Gesundheit dieser Elenden. Als Illustration könnte ich zahlreiche. Fälle aus meiner Praxis anführen, wo Schneider, Näherinnen, Schuster durch eine Reihe von Jahren allwöchentlich meine Augenklinik aufsuchen und sich daselbst ihre, durch ein chronisches Augenübel verkrümmten Wimpern, welche sie arbeitsunfähig machen, ausziehen lassen, anstatt sich einer einzigen Lidoperation zu unterziehen, die sie für immer von diesem Uebel befreien könnte. Dies geschieht aus dem Grunde bloss, weil diese Elenden, wenn ich sie auch unentgeltlich ins Krankenhaus aufnehmen wollte, keinen überflüssigen Heller besitzen, um während dieser 2—3wöchentlichen Behandlung Frau und Kind nicht verhungern zu lassen. Arbeiter- Krankenkassen gibt's im Ghetto nicht. Wie oben angedeutet, gibt es schon recht viele Juden, die Gymnasien und andere Schulen besuchen und nach und nach eine höhere Stufe der socialen Leiter erklimmen; aber zu bedenken ist dabei, dass deren Zahl im Verhältnis zur Masse eine recht geringe ist, und dass viele von ihnen durch den Gheder-Unterricht bereits körperlich verkümmert sind. Die Folgen einer solchen, durch Jahrhundertc fortgesetzten, elenden Lebensweise und verkehrten Erziehung sind auch nicht ausgeblieben.