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Die Welt · 1900-08-31 · 35 (31.8.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
35 (31.8.1900)
Article
Rede Dr. Max Mandelstamms
Date
1900-08-31
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die z£ Welt" Nr. 35 völkerung des Ghetto der elementarsten Bedingungen beraubt, die eine einigermassen normale, leibliche Entwicklung der Volksmassen gestatten. Ein Nest von 1000 bis 2000 oder mehr Seelen, gewöhnlich von der Landstrasse abgelegen, mit erbärmlicher Wegecommunication, aus Holzbaracken aufgebaut, die jeden Augenblick einzustürzen oder ein Raub der Flammen zu werden drohen, mit einem Hofraum, weit genug, um eine primitiv hergerichtete Senkgrube zu fassen, mit Gassen und Gässchen ohne Pflaster, die nach einem jeden Regen grosse Lachen und Wassorpfützen bilden, in welchen halbnackte Kinder herumwaten, resp. ihre Gesichtchen waschen, oder ein aus dem benachbarten Bauerndorfe .verirrtes Schwein sich mit Behagen herumwälzt; enge, dumpfe, kleine Stuben, häufig ohne Dielen und anstatt solcher ein Gemisch von Lehm und Schmutz, in welchem Mikroben zu Millionen wimmeln: eine Synagoge, die eher einer schmutzigen Scheune, als einem Gotteshause gleicht; Schulen — Cheders — kleine Wohnräume, in welchen 10 bis 15 Rangen vom frühen Morgen bis zum späten- Abend über den Büchern hocken, bei einer Beleuchtung, die einem Zwielicht gleicht und durch zwei bis drei kleine Fensterchen besorgt wird, die manchmal, statt Glasscheiben zu besitzen, mit halbdurchsichtigem Papier beklebt sind; kleine Verkaufbuden, dicht nebeneinander gesäet, vor welchen Verkäufer oder Verkäuferinnen, bei Hitze und Kälte, tagsüber auf einer Holzbank kauernd, nach Kunden spähen und, falls ein Bauer sich zeigt, über ihn wie ein Rudel hungriger Wölfe herfallen, um ihn, manchmal mit Brachialgewalt, in ihren Laden zu locken: Schuster- und Schneiderwerkstätten, aus einem einzigen Zimmer bestehend, in welchem neben dem Meister und seinen Lehrlingen gleichzeitig Säugekinder in an der Decke befestigten Wiegen ruhen und halbwüchsige Knaben und Mädchen sich herumtummeln; zwischen diesen elenden Holzbaracken hie und da ein Ziegelhaus, in welchem der Vornehme des Städtchens, der „Gwir", oder der Vertreter der Polizeibehörde wohnt: das ist das ungefähre Bild eines Ghetto-Slädtchens, deren es unzählige gibt und die sich wie Eiterpusteln auf einer gesunden Haut ausnehmen. In den grösseren Judencentren allerdings sieht's schon viel besser aus; denn letztere bieten eine gemischte, jüdische und christliche Bevölkerung, heissen in Russland „Kreis- und Gouvernementsstädte-, haben bereits geordnete, städtische Verhältnisse, beherbergen in ihrem Weichbilde stattliche Gerichts- und Polizeigebäude, Mädchen- und Knaben-Gymnasien, Gewerbeschulen, Fabriken etc. etc. Wenn aber auch diese grösseren Städte bereits an europäisch geordnete Verhältnisse erinnern, wenn auch viele Juden daselbst, die zu Wohlhabenheit und Reichthum gelangt, in stattlichen, schönen Häusern wohnen, so ist auch hier der äussere Schein trügerisch, und ist es nur nöthig, mit objectivem Sinn in die Schlupfwinkel des Massenelends zu dringen, um die unzweifelhafte Gewissheit zu erlangen, dass es „da unten ganz fürchterlich-, dass auch in den grösseren Städten der allergrösste Theil der jüdischen Bevölkerung häuslich ebenso erbärmlich eingerichtet ist, wie in den kleineren Städtchen. Anstatt meiner will ich nach dieser Richtung hin zwei Kronzeugen aus der christlichen Welt reden lassen, welche die grösseren Städte des Ghetto in Augenschein genommen haben. Der eine ist der bekannte Sociologe Anatole Leroy-Beaulieu in Paris. Er sagt: „Unter allen Völkerschaften des grossen russischen Reiches habe ich nichts Elenderes gesehen, als diese armen Juden, die in ihren langen Röcken und hohen Stiefeln, ohne Rast und Ruh, durch die Strassen herumschwirren, auf der Suche nach irgend einer Arbeit. Man spricht jetzt viel von der Hebung des Proletariats und einer Aufbesserung der socialen Lage; ich darf behaupten, dass in unserem Europa es nichts Aermeres gibt, nichts, was sich schwerer sein trockenes Brod verdienen muss, als neun Zehntel der russischen Juden." Alsdann der russische Socialökonom Subbotin, welcher in das Ghetto tiefe Einsicht genommen. „Man lebt in Scheunen, wo der Regen durch die Löcher des Daches sickert, in Kellerräumen, wohin nie Sonnenlicht dringt. Solcher Kellerräume gibt's recht viele in Wilna, und Subbotin erzählt Folgendes: „Als wir uns zum erstenmale einer solchen Behausung näherten, da ahnten wir von letzterer nichts: wir sahen vor uns ein grosses Loch, halb mit verfaulten Brettern bedeckt; rings herum lagen Gemüseabfälle, Lumpen, Fischgräten etc. Anfangs glaubten wir, das sei eine Senkgrube, es ergab sich aber, dass dies der Eingang zur Behausung intelligenter Geschöpfe sei. Auf eine andere Weise konnte man aber in diese Behausung nicht gelangen. Wir mussten in gebückter Stellung rutschend hinuntersteigen, wobei unsere Kleider ganz schmutzig wurden. Nachdem wir 18 Stufen hinuntergestiegen, wurden wir eine Höhle gewahr von 5 Arschin (4 Meter) Länge, 3 Arschin (2'/4 Meter) Breite, nur spärlich durch eine schornsteinähnliche Oeffnung, die bis zum Hofpflaster reichte, beleuchtet. Neben diesem Souterrain befand sich eine andere Höhle von 16 Arschin (12 Meter) im Quadrat, wo drei Holzbetten standen, mit unausprechlichen Fetzen bedeckt Diese Wohnung wird von einer Jüdin für 50 Rubel jährlich gemietet, und diese vermietet sie an 5 Ai'termieter für je 10 Rubel jährlich. In dem quasi helleren Zimmer wohnen zwei Bettlerinnen mit ihren Kindern; diese waren zuhause; die eine hatte ein gesundes, rosiges Kind, welches zu der Behausung in grellem Contraste stand; in der zweiten Hälfte wohnten drei Familien, aus sechs Personen bestehend; auf dem einen Bette ein Taglöhner mit seiner Frau, auf dem anderen ein Bettler mit seiner Frau, auf dem dritten eine Bettlerin mit ihrem Kinde.* Aehnliches in verschiedenen Variationen sah er in Grodno, Berditschew und anderswo. Ich selbst könnte aus eigener Anschauung tausend gleichwertige Bilder socialen Elends schildern, wenn ich die heutige Versammlung gar zu sehr verstimmen wollte. Dass es von diesen unheimlichen Nestern allmähliche Uebergänge bis zum allergrössten Comfort, ja bis zur luxuriösen Einrichtung innerhalb des Ghetto gibt, versteht sich von selbst, aber ebenso selbstverständlich ist es, dass das Gros der jüdischen Behausungen geradezu darnach angethan ist, die Gesundheit der kräftigsten Organismen zu untergraben. Leicht erklärlich werden diese Wohnungsverhältnisse, wenn man in Betracht zieht, wovon diese Leute ihren Lebensunterhalt fristen. Mit Ausnahme einiger Millionäre, Glückspilze, die überall anzutreffen, einiger Grossindustriellen, namentlich Zucker- und Tuchfabrikanten, die an den Fingern abzuzählen sind und deren Reichthümer bei der ersten besten Geldkrise in nichts zerstieben; mit Ausnahme der an Zahl geringeren Classe, die Universitätsbildung genossen — Aerzte, Advocaten, Ingenieure — die vor 10—15 Jahren materiell ziemlich geborgen war und es sogar zu einigem Wohlstande gebracht hat, jetzt dagegen, wo ihr namentlich in Russland und Rumänien durch Einschränkungsgesetze eine jede Carriere abgeschnitten, allmählich zu einem intelligenten Proletariat herabsinkt;

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