Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 34 (24.8.1900)
- Article
- Rede Dr. Nordaus
- Date
- 1900-08-24
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315886-3372031--21514-3372072- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 34 ,Die 2$ Welt'* Seite 5 Und was erreicht man mit diesen 30 Millionen, die das Mindestmass des Erfordernisses darstellen? Damit ist einfach erreicht, dass die rumänischen Juden drei Monate später in Amerika verhungern, statt drei Monate früher in Europa. Und wo sollen selbst diese 30 Millionen herkommen? Durch Aufrufe und Sammlungen ist ein solcher Betrag nicht annähernd zu beschaffen. Die ständigen Wohlthätigkeits-Einrichtungen der jüdischen Gemeinden haben keine Ueberschüsse und genügen in der Regel kaum den täglichen Anforderungen, die an sie herantreten. Die Alliance Israelite Universelle hat keine Millionen zu vertheilen. Die Jewish Colonization Association, die Ica, wie man sie kurz nennt, hat diese 30 Millionen, wohl auch noch acht- oder neunmal mehr, aber sie ist der Meinung, dass sie kein Recht hat, ihr Vermögen anzugreifen, sondern dass sie nur einen Theil ihrer jährlichen Zinsen vertheilen darf, und grundsätzlich kann ich dem nur beipflichten, obschon es allerdings Katastrophen gibt, die alle Grundsätze wegfegen. Also was weiter? Ich sehe es kommen. Man wird zuerst Francs, dann Centimes vertheilen, so lange es reicht, dann wird man eines Tages aehselzuckend erklären: „Wir haben nichts mehr, wir können nichts mehr für Euch thun, seht, wo Ihr bleibt" Mein Freund, der Vorsitzende Dr. Herzl (lebhafter Beifall und Händeklatschen), hat es soeben gesagt, und ich kann es nur wiederholen, wie denn, in den Berichten über die Lage des jüdischen Volkes Wiederholungen unvermeidlich sein werden: Wir treiben mit Niagara-Schnelligkeit einem Bankerotte des amtlichen Judenthums entgegen, der so schrecklich sein wird, dass ich entsetzt die Augen verschliesse, um es nicht einen Augenblick früher zu sehen, als ich unbedingt muss. Dass die jüdischen Gemeindegrössen uns nicht etwa mit der elenden Ausrede kommen: ,Die rumänische Katastrophe findet uns unvorbereitet, weil wir sie nicht vorhersehen konnten." Wir müssten ihnen sonst brutal antworten, wie es Dr. Herzl vorher gethan hat: Das ist nicht wahr I Seit drei Jahren warnen wir Euch unausgesetzt, seit drei Jahren tödten wir uns mit Anstrengungen, Euch die Lage des jüdischen Volkes begreiflich zu machen, Euch die Gefahren zu zeigen, die es bedrohen, Euch das einzige Mittel zu predigen, das eine wirksame Abwehr dieser Gefahr möglich macht. Ihr aber habt uns nicht gehört oder nicht hören wollen. (Lebhafter Beifall.) Welchen Namen verdient Ihr, wenn Ihr, in deren Hände das jüdische Volk vertrauensvoll die Wahrung seiner Interessen, ja die Vertheidigung seines Lebens gelegt hat, wenn Ihr die Reden und Schriften der Zionisten Eurer hohen Aufmerksamkeit nicht gewürdigt habt? Und welchen Namen verdient Ihr, wenn Ihr sie kennt und trotzdem unsere Warnungen verlacht und in den Wind geschlagen habt? Eure blinde, fanatische Feindschaft gegen den Zionismus hat die gegenwärtige Lage verschuldet. (Allseitige Zustimmung.) Weshalb sind wir denn Zionisten geworden? Etwa aus mystischem Verlangen nach Zion? Davon wissen die meisten von uns sich frei. (Lebhafter Beifall.) Wir sind Zionisten geworden, weil die Noth des jüdischen Volkes uns ans Herz greift, weil wir tiefbekümmert sehen, dass die Logik der Verhältnisse unabwendbar zu einer raschen Verschlimmerung dieser Noth, ja zu plötzlichen, gewaltsamen Katastrophen führen muss, und weil das angestrengteste, schmerzlichste Nachdenken uns immer wieder nur einen Ausweg aus der Bedrängnis erkennen liess: die Erwerbung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für die verfolgten jüdischen Millionen. (Stürmischer, sich stets erneuernder Beifall und Händeklatschen.) Wie ganz anders wäre die Lage heute, wenn wir unseren rumänischen Brüdern sagen könnten: „Kommt! hier ist das Land, das Euch erwartet, wie eine Mutter ihre heimkehrenden Söhne." (Erneuerter stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Kein verzweifeltes Umherirren, kein aussichtsloses, angstvolles Suchen, sondern ein freudiges Losschreiten dem sicheren Ziele entgegen! Und wie ganz anders wäre die Lage heute, wenn die wandernden rumänischen Juden überall eine feste jüdische Volksorganisation vorfänden, die sie daheim zum Aufbruche rüsten, unterwegs berathen und führen, im neuen Lande empfangen und unterweisen würde! Weshalb haben wir dieses Land nicht, weshalb haben wir diese Organisation nicht? Durch wessen Schuld? Durch Eure, einzig und allein durch Eure! Hättet Ihr die Millionen, die Ihr jetzt ausgebt — ich kann nicht anders sagen: hinauswerft — seit drei Jahren nach unserem Rathe verwendet, Ihr hättet heute das Land, das bereit wäre, die wandernden Juden aufzunehmen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Und hättet Ihr mit Eurer alten, kräftigen, aber unzusammenhängenden, aber verknöcherten Gemeinde-Organisation die von uns unter den entsetzlichsten Schwierigkeiten geschaffenen Anfänge einer allgemeinen Organisation des jüdischen Volkes verstärkt, so wäre das jüdische Volk heute ein lebendiger Organismus, der jedes einzelne seiner gefährdeten Glieder aus eigener Kraft wirksam vertheidigen könnte. (Lebhafter Beifall.) Ihr aber habt es vorgezogen, mit Euren Millionen die Bestrebungen zur Verleumdung, wenn möglich zur Erwürgung des Zionismus zu begünstigen und unser eigenes mühseliges Organisationswerk zu vereiteln. Darum trifft Euch die rumänische Katastrophe heute unvorbereitet, darum bietet Ihr jetzt das erbärmliche Schauspiel kindisch gewordener Greise, die angesichts einer Feuersbrunst oder Ueberschwemmung gelähmt und flennend in die auf sie eindringenden Schrecknisse starren. Allen Juden aber, die noch ein jüdisches Herz haben, sich jedoch gegen den Zionismus haben aufhetzen lassen und ihm aus Miss Verständnis oder aus anderen Beweggründen, die ich hier nicht erörtern will, den Rücken wenden, allen Juden rufe ich zu: „Besinnt Euch! Beherzigt die Lehre der rumänischen Katastrophe! Wir sagen Euch mit blutendem Herzen: das ist nur ein Anfang! Es wird schlimmer kommen! Viel schlimmer! Was werdet Ihr thun, wenn sich nach den 270.000 rumänischen Juden die 780.000 galizischen Juden auf die Wanderung begeben, und nun gar, wenn die russischen Millionen sich in Bewegung setzen? Wenn ein Meer von heulenden und verhungernden Menschen an Eure eigenen Schwellen branden wird? Ich weiss, es gibt ein Mittel, diese Gefahr von Euren Wohnungen abzuwenden: Absperrung der Landesgrenzen gegen die Einwanderung fremder Juden, Einwirkung auf die fremden Regierungen, damit sie ihre Juden im Lande gewaltsam zurückhalten. Ich nehme zu Eurer Ehre an, dass Ihr Eure Hoffnung nicht auf dieses Mittel setzt. (Beifall.) Wenn aber dieses Mittel nicht angewendet werden soll, was habt Ihr ausserdem noch? Welchen Plan? Welchen Gedanken? Ihr habt nichts, nichts. Darum rufen wir Euch nochmals in Liebe zu: „Oeffnet Eure Augen für Eure Verantwortlichkeit! Seid Männer! Ein verzweifeltes Volk, auch wenn es sich selbst nicht helfen kann, hat immer noch Kraft genug, um Einzelnen