Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 34 (24.8.1900)
- Article
- Rede Dr. Nordaus
- Date
- 1900-08-24
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 ,Die £ Welt" Nr. 34 erwiderte lächelnd: „Du irrst, Freund, die Welt geht nicht unter, ich sehe nur ein Füchslein, das ersäuft lM Hüten wir uns, die Rolle des Fuchses in dieser Fabel zu spielen. Es wäre zu grausam, wenn die spöttischen Worte des Bauers die einzige Antwort auf unsere Hilferufe wären. Wer einem anderen mit dem subjectiven Argumente kommt: „Ich muss doch leben!" der setzt sich immer der Antwort aus : „Ich sehe die Notwendigkeit nicht ein." Kein anderer sieht jemals diese Nothwendigkeit ein. Aber selbst muss man sie begreifen und darnach handeln. (Tosender Beifall und Händeklatschen.) Hilferufe sind ein unzulängliches Lebenserhaltungsmittel. Man muss eigene Anstrengungen machen, um sich des Todes zu erwehren, sonst wird man seine Beute. (Tosender Beifall und Händeklatschen.) So spreche ich denn auch hier nicht so sehr zu den europäischen Regierungen und Völkern, obschon es uns natürlich die höchste Genugthuung gewähren würde, wenn man uns hören wollte. Ich spreche hier vielmehr in erster Reihe zum jüdischen Volke. (Tosender Beifall und Händeklatschen.) Das jüdische Volk soll wissen, wie es heute um die Judenheit bestellt ist, welche neuen Schicksalsschläge sie getroffen haben. Das jüdische Volk soll wissen, dass niemand ihm helfen wird, wenn es sich nicht selbst hilft. (Tosender Beifall.) Da müssen wir uns denn vor allem fragen : Wie stellt das jüdische Volk sich zur rumänischen Katastrophe? Was hat es gethan, was thut es, um ihre schlimmsten Folgen abzuwehren? Wie springt es den unglücklichen Brüdern bei, die ohne eigene Schuld aus dem europäischen Gesellschaftsvertrage, aus dem schützenden Gehege der Givilisation ausgestossen worden sind und nun rechtlos umherirren wie die Thiere der Wildnis? Ich will nicht bei den abscheulichsten Zügen jüdischer Verworfenheit verweilen, auf die ich schon vorhin angespielt habe. Scham, Ekel, Empörung würden mich überwältigen, und es ist doch unbedingt nothwendig, dass wir kaltes Blut behalten. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die Elenden, die ihre vertriebenen rumänischen Brüder bei der Polizei denuncieren und ausweisen lassen, wo ihr Einfiuss dies bewirken kann, eine kleine Minderheit sind, und ich will meine Augen lieber tröstlicheren Anblicken zuwenden. An gutem Willen fehlt es thatsächlich nicht. Man will den rumänischen Opfern helfen. Woran es fehlt, das ist eine Organisation, die die zerstreuten Kräfte sammeln und einheitlich zu einem bestimmten Ziele verwenden würde. Ohne Organisation, ohne Zusammenfassung, ohne Einheitlichkeit in der Vewendung dieser zerstreuten Kräfte sind diese aber wertlos, und bei allen Einzelanstrengungen kommt im ganzen so^ gut wie nichts heraus. Auch an Geld fehlt es nicht Viele Juden haben dem alten Rufe jüdischer Wohlthätigkeit wieder Ehre gemacht. Die armen Juden geben über ihre Kräfte. Die wohlhabenden Juden geben nach Kräften. Selbst viele millionenreiche Juden haben ihre Hand nicht vollständig verschlossen. Wohl spenden einzelne bereitwilliger 20.000 Franken für die Vergnügungsreise eines antisemitischen Gesangsvereines, als den fünften Theil dieses Betrages für die rumänischen Wanderer, die nicht zu ihrem Vergnügen reisen und auch noch keine Antisemiten sind, obschon Züge dieser Art mit der Zeit auch sie dazu machen könnten. ' Wohl kaufen einzelne sich lieber um 600.000 Franken alte Gobelins für ihren Salon, als dass sie mit dem hundertsten Theile dieser Summe den rumänischen Wanderern zuhilfe kämen. Aber im ganzen wurde doch an die Thür der Millionäre nicht vergebens geklopft Das Unglück ist nur, dass die sehr ansehnlichen Summen, die zusammenfliessen, nicht in der richtigen Weise verwendet werden und darum auch keinen dauernden Nutzen stiften können. Sie dienen nämlich nicht zur Verwirklichung eines bestimmten Planes. Kein einheitlicher Gedanke, überhaupt kein Gedanke bestimmt ihre Verwendung. Wie wird das Geld ausgegeben? In der primitivsten, unorganischesten Weise : durch Almosendarreichung von Hand zu Hand. Dazu ist allerdings keine besondere Geistesanstrengung nöthig. Hier sind zurückgelassene Frauen und Kinder ausgewanderter rumänischer Familienväter : man kauft ihnen Brot, damit sie nicht Hungers sterben. Hier sind Gruppen von Wanderern, die das eine Land nicht dulden, das andere nicht aufnehmen will, und die an irgend einer Grenze, eingehegt von starrenden Bajonnetten, jämmerlich daliegen: man kauft ihnen Fahrkarten bis in das nächste Land, bis an den nächsten Einschiffungshafen, bis nach Amerika. Ich will nicht untersuchen, ob diese Fahrkartenspenden nicht in vielen Fällen eine Art der Wohlthätigkeit darstellen, die die Spender eher sich selbst erweisen, als eine Wohlthätigkeit die sie den rumänischen Juden erweisen. Ich habe kein Recht, Herz und Nieren zu prüfen, und muss mich an die sichtbaren Thatsachen halten. Die sichtbare Thatsache aber ist, dass die Noth augenblickliche Linderung erfordert und dass ein Almosen in der That für den Augenblick die schlimmste Noth einigermassen lindert Damit ist aber auch die Wirkung eines blossen Almosens völlig erschöpt Ueber den Augenblick hilft es mit Ach und Krach hinweg, an die nächste Stunde scheint niemand zu denken. Man schickt die rumänischen Auswanderer nach Amerika. Auf diese Weise ist man sie los geworden. Man sieht sie nicht mehr vor sich. Man ist durch die ganze Breite des Weltmeeres von ihren Hilferufen getrennt Aber was soll in Amerika aus ihnen werden? Wird man sie da untergehen lassen? Sollen sie da einzeln umkommen? Ist ein Mann, der in Amerika verhungert, etwa weniger todt, als ein Mann, der in Rumänien oder zwischen der rumänischen Grenze und Rotterdam Hungers stirbt? Wird man ihnen auch in Amerika weiter Almosen reichen? Dann würde man die schwachen Charaktere sofort in Berufsbettler verwandeln, und auch die tüchtigeren würden bald der Versuchung unterliegen, sich als patentierte Arme dauernd erhalten zu lassen. Oder besteht die Absicht in Amerika den Ankömmlingen geeignete Orte zur Ansiedelung nachzuweisen, sie in feste Berufe hinüberzuführen, sie zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu fördern? Das würde eine mächtige Organisation erfordern, und ich sehe noch nicht die ieisesten Anfänge einer derartigen Organisation. Blosse planlose Gelegenheits-Wohlthätigkeit ist lächerlich ungenügend, oder richtiger, ist erschreckend ungenügend für die Anforderungen, welche die Lage gegenwärtig an das jüdische Volk stellt. Und selbst diese kopflose, automatische Almosenvertheilung wird ja eines Tages plötzlich aufhören. Hat man denn berechnet, welche Summe sie erfordert? In Amerika darf kein rumänischer Jude landen, der nicht den Besitz von 125 Francs nachweist. Mit dem Fahrpreise und den Kosten des Lebensunterhaltes bis zum Einschiffungshafen erfordert das für jeden einzelnen mindestens 300, Francs. Wenn nur 100.000 von den 270.000 rumänischen Juden diese Wohlthätigkeit in Anspruch nehmen, so kommen wir schon zu einem Mindestbetrage von 30 Mill. Fr., wozu noch die Verwaltungskosten und andere unfruchtbare, doch unvermeidliche Auslagen hinzukommen.