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Die Welt · 1900-08-24 · 34 (24.8.1900) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
34 (24.8.1900)
Article
Rede Dr. Nordaus
Date
1900-08-24
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 34 „Die 2£ Welt" Seite 3 rumänische Regierung hat also ganz recht, entrüstet gegen die Beschuldigung zu protestieren, als ob sie ihre Juden verjagte. Nein, das thut sie nicht. Sie zieht vor, oder zog vor — denn ich mache einen Unterschied zwischen einer früheren Regierung und einer solchen, die ihr gefolgt ist — sie zog vor, ihre Juden im eigenen Lande zu" vernichten. Urtheilen Sie, ob das Wort, das ich gewählt habe, zu stark ist. Die Juden in Rumänien dürfen nur in den wenigen grossen Städten leben. Der Hausierhandel ist ihnen untersagt. Die meisten Laufbahnen sind ihnen verschlossen. Ein wohlorganisierter Boycott sorgt dafür, dass die wenigen Berufe, die sie ausüben dürfen, sie nicht ernähren. In den öffentlichen Schulen ist für sie kein Platz. Für ihre eigenen Privatschulen werden Vorschriften erlassen, die einer heuchlerischen Form der Unterdrückung dieser Schulen gleichkommen. Im Rechtsstreite zwischen einem Juden und einem Nichtjuden ist in der Regel — selbstverständlich gibt es viele Ausnahmen — der Jude von vornherein verurtheilt. Dass es gegen wörtliche Beleidigungen durch Ausdrücke des bestialischesten Hasses und der tiefsten Verachtung im täglichen Umgange und in der Presse weder Schutz noch Sühne gibt, ist selbstverständlich. Ich will mich nicht in Einzelheiten verlieren. Sie werden ja überdies einen Sonderbericht über die Verhältnisse in Rumänien empfangen. Kurz gesagt, ist die Lage diese: Die eingeborenen Juden werden in Rumänien als Fremde betrachtet und der fremdenfeindlichsten Gesetzgebung unterworfen, die Europa kennt. Der Zweck dieser Gesetzgebung ist, ihnen zunächst das tägliche Brot und dann jede Bildungsmöglichkeit zu nehmen. Sie sollen in die letzten Tiefen der Unwissenheit und Bettelarmut gestürzt und in diesem schwarzen Abgrunde endgiltig begraben werden. Sie sollen in eine Verfassung gebracht werden, neben der die Verfassung der Zigeuner, ja sogar die der Aussätzigen im Mittelalter glänzend ist. Man hofft vergnügt, dass in dieser Verfassung selbst die zähen Juden in einigen Generationen bis auf wenige Reste leiblich und geistig vernichtet sein werden. Die rumänischen Juden erkennen, welches Schicksal ihnen bereitet werden soll, und suchen sich beizeiten durch Auswanderung zu retten. Die rumänischen Antisemiten sahen mit Bedauern ihre ausersehenen Opfer ihnen durch die Flucht entgehen. Sie fürchteten auch den peinlichen Eindruck, den die Aufdeckung derartiger Verhältnisse auf die öffentliche Meinung beider Welten hervorbringen musste. Sie handhaben also mit grosser Gewandtheit den zu ihrer Verfügung stehendenPressapparat, um in die ausländischen Blätter Mittheilungen gelangen zu lassen, in denen buchstäblich jedes Wort eine athemraubend dreiste Unwahrheit ist. Man setzt die absurde Fabel in die Welt, die Auswanderung der Juden sei das Werk einiger Schwindler und Volks verführ er. Man behauptet, dass bloss einige hundert Juden die Grenze überschritten haben, obschon doch die Statistiken der Grenznachbarn, der westlichen Unterstützungsvereine, der Auswanderungs- Häfen, diese grobe und alberne Fälschung alsbald richtigstellen. Man verfasst Erklärungen, wonach es den Juden in Rumänien glänzend geht, und lässt sie durch einige unglückliche jüdische Verräther und Feiglinge unterschreiben, um sie den Verzweiflungsschreien der über die Grenze entkommenen Juden entgegenzuhalten. Man findet keine Schwierigkeit, diesen Mittheilungen in der antisemitischen Presse Aufnahme zu verschaffen, die gegenwärtig in allen „gesitteten" Ländern blüht, und wenn die unabhängige Presse die Maske abreisst und die Wahrheit aufdeckt, dann hat man eine Erwiderung zur Hand, die bei der heutigen Gemüthsverfassung der Mehrheit aller Völker ihre Wirkung nie verfehlt: „Das sind Judenblätter, die Rumänien beschimpfen wollen, weil es sich gegen jüdische Ausbeutung und gegen jüdische Herrschsucht zu wehren sucht" In den Hunderten von Briefen, die ich von rumänischen Juden empfange, wird nach einer herzbrechenden Schilderung ihrer Leiden in der Regel am Schlüsse die Erwartung ausgesprochen, ich würde hier die rumänische Regierung erbarmungslos brandmarken und mit meiner lautesten Stimme das Gewissen Europas, die öffentliche Meinung der gesitteten Welt wachschreien. Ich fürchte, ich werde diese Erwartung unverwirklicht lassen müssen. Es passt nicht zu meinem Begriffe von persönlicher Würde, meinen Gefühlen die Zügel schiessen zu lassen, wenn es gilt, einem kleinen Staate seine Sünden vorzuhalten, während ich immer jedes meiner Worte sorgfältig auf die Goldwage legte und vorsichtigste Selbstbeherrschung übte, so oft ich auf ganz ähnliche Handlungen mächtiger Grossstaaten hinzuweisen hatte. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Diese Grossstaaten waren das Vorbild der kleinen, ihr Beispiel hat die kleinen ermuthigt, an ihren Juden ihr Müthchen zu kühlen. Meine Selbstachtung verbietet mir, stärkere Worte gegen die kleinen zu gebrauchen, als ich gegen die Weltmächte gebraucht habe. Ich werde mich deshalb darauf beschränken, die nackten Thatsachen darzustellen, ohne sie mit einem Affectworte zu erläutern. Aber das ist ja auch nicht nöthig. Die Thatsachen sprechen eine Sprache, die durch hinzugefügte Verwünschungen und Schimpfworte nicht verstärkt wird. Und ebensowenig denke ich daran, pathetisch Europa anzurufen. Nirgendwo in Europa besteht für uns ein Wohlwollen, das über den nothdürftigen oder ausreichenden Schutz der eigenen Juden hinausgeht. Keine Regierung hat soviel für uns übrig, dass sie unsertwegen der rumänischen Regierung Vorstellungen machen würde. Alles, was wir erwarten könnten, wäre, dass die Staaten ihre Grenzen gegen die rumänischen Einwanderer versperren würden, um auf diese Weise die rumänische Regierung zu zwingen, ihre eigenen Juden im Lande zu behalten. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich zittere, wenn ich daran denke, dass man den rumänischen Juden diesen Gefallen erweisen könnte. Und dann — wir müssen uns bemühen, objectiv zu sein. Europa hat zur Zeit wirklich andere Sorgen, als sich um die Lage des jüdischen Volkes zu kümmern. In Bessarabien haben 12.000 Juden seit der letzten Ernte alle Qualen einer schrecklichen Hungersnoth erlitten V In Indien waren 6 Millionen Menschen in ganz derselben Lage, und Europa hat für Hindus mehr Sympathien als für uns Juden. In Rumänien sehen die Juden sich durch schlechte Behandlung zur Auswanderung gezwungenV China behandelt seine europäischen Gäste noch schlechter und muss zuerst zur Vernunft gebracht werden, ehe man die Aufmerksamkeit den Verhältnissen der Juden in Rumänien zuwenden kann. Geehrte Versammlung! Ich hatte in England einen theuren Freund, den der Tod im vergangenen Jahre den Seinen und mir entrissen hat, Dr. G. W. L e i t n e r. In einem Werke meines verewigten Freundes über die Volksstämme der Nor westgrenze Indiens finde ich folgende afghanische Fabel: Ein Fuchs fiel in einen Wildbach. In der Todesangst des Ertrinkens rief er gellend : „Wehe die Welt geht unter!" Ein Bauer am Ufer, der ihn hörte

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