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Die Welt · 1900-08-24 · 34 (24.8.1900) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
34 (24.8.1900)
Article
Rede Dr. Nordaus
Date
1900-08-24
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JDie $c Welt" Nr. 34 Hand abziehen würden, wären diese vogelfrei. Das is*- die Lage der Juden in hochstehenden Gesittungsländern, wo^ sie sich stolz des Vollbesitzes der Bürgerrechte rühmen. Doch was sind selbst diese Demüthigungeh und Gefahren neben den Ereignissen, die sich in Rumänien entwickelt haben? Dort ist eine Katastrophe eingetreten, wie sie das jüdische Volk -seit vier Jahrhunderten nicht erlebt hat. In der That, wir müssen bis zum Jahre 1492, bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien zurückgehen, um etwas Aehnliches zu finden. Wohl hat auch zwischen dieser Jahreszahl und der Gegenwart einzelne Judenschaften Unglück getroffen, wohl wurden einzelne Gemeinden zersprengt, verjagt, wohl auch ausgeschlachtet. Aber alle diese Theilverhängnisse verschwinden bis zur Unwahrnehmbarkeit neben der tragischen Grösse der rumänischen Heimsuchung. An der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts ist Europa wieder Augenzeuge von Auftritten, die es zum lelzenmale im Jahre 1730 sah, als 30.000SalzburgerProtestanten wegen ihresGlaubens von Haus und Hof verjagt wurden. AVieder sieht man auf allen Strassen unseres Erdtheiles lange Züge unglücklicher Menschen umherirren, hinter sich den Tod, vor sich das Unbekannte mit all seinem Grauen, Greise, die am Wegesrande liegen bleiben, Mütter, die vor Müdigkeit und Erschöpfung zusammenbrechen und ihren wimmernden Säuglingen nur eine verdorrte Brust reichen können, Männer in der Vollkraft der Jahre, die noch immer hoffen möchten, weil sie im Bewusstsein, im Gefühle ihrer Stärke sich allen Gefahren und Kämpfen gewachsen fühlen, die aber, wenn sie durch den glücklichen Frieden freundlicher Dörfer wandern, mit Bitterkeit fragen: .Warum dürfen diese sich mit Behagen ihres Daseins freuen und wir nicht? Sind wir nicht Menschen wie sie? Sind wir uns etwa einer Schuld bewusst? Wollen wir denn etwas anderes als in Ruhe arbeiten, unsere Eltern ehren, unsere Frauen und Kinder lieben und pflegen?" (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Vor 170 Jahren machte der Anblick der unglücklichen Wanderer ohne Brot und Heim auf die Augenzeugen einen so tiefen Eindruck, -dass er noch nach einem Menschenalter in den Nerven der Zeitgenossen nachbebte und in die Kindheit Goethes hineinklang, der davon die Anregung zu „Hermann und Dorothea" empfieng. Und doch war der Auszug der Salzburgischen Protestanten eine harmlose Idylle neben dem Auszuge der Juden aus Rumänien. Die Salzburger Protestanten, die zwischen 1729 und 1731 das furchtbare Geschick der Verjagung aus der Heimat traf, waren 30.000 an der Zahl. In Rumänien handelt es sich um 270.000 Juden, von denen 18.000—20.000 schon über die Grenze gezogen sind, über 50.000, nach anderen hoffentlich übertriebenen Schätzungen 1 ( 0.000, sich zum Aufbruche rüsten und alle übrigen, mit Ausnahme weniger tausend reicher und stumpfer Geldmacher, den Boden unter den Füssen brennen fühlen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Die Salzburgischen Protestanten mussten allei dings ihre Häuser und Aecker zurücklassen, aber sie führten reichlichen Hausrath und Vorräthe in bequemen Zeltwagen mit sich, wo ihre Frauen und Kinder, ihre Greise und Kranken vom schlimmsten Ungemache der Wanderung verschont blieben, und sie trieben Viehherden vor sich her, die immer noch Wohlstand bedeuteten. Die rumänischen Juden besitzen meist nichts als die paar Lumpen, die sie am Leibe tragen. Die Aermsten unter ihnen reisen nicht in Wagen oder zu Schiffe, sondern schleppen sich auf wundgescheuerten Füssen von einer Grenze zur anderen. Daheim haben sie nichts zurückgelassen als die Gebeine der Väter in den Gräbern, die ihren einzigen Antheil am Boden ihres Geburtslandes darstellten. Mitzunehmen hatten sie nichts als ihren Wanderstab und die unerträgliche Bürde ihrer Erinnerungen und Befürchtungen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Die Salzburgischen Protestanten erfuhren unterwegs von ihren Glaubensgenossen und an vielen Orten auch von Katholiken viel Liebe. Ueberall begrüssten die Gemeinden die Heran ziehenden mit Glockengeläute und dem Gesänge von Kirchenliedern, überall verpflegte, beschenkte, befreundete man sie, überall gaben die Prediger ihnen ein gutes Wort zur Erbauung und Herzstärkung mit und begleiteten sie mit den Gläubigen ein Stück Weges. Die rumänischen Juden werden unterwegs mit Gleichgiltigkeit, vielfach mit Misstrauen und Scheu, nicht selten mit offener Feindseligkeit betrachtet, nur ganz ausnahmsweise strecken ihnen Andersgläubige die Hände hilfreich entgegen, und selbst unter ihren Glaubensgenossen finden sich neben Biedermännern, die ihre Bruderpflicht in Treue und vielfach über ihre Kräfte erfüllen und die dafür gesegnet seien bis in ihre fernsten Nachkommen (lebhafter Beifall und Händeklatschen), selbst unter ihren Glaubensgenossen — und das ist der herzbrechendste Zug in diesem Bilde — finden sich nicht nur eisige Pfahlbürger, die nach der tragischen Schar der Wandernden nicht den Kopf umwenden, sondern auch, und ach! in allzu grosser Zahl, Verbrechernaturen, die die Wegemüden von ihrer Schwelle scheuchen und, bildlich oder buchstäblich, Bluthunde auf sie hetzen. Und nun der letzte und wichtigste Unterschied die Salzburgischen Protestanten wussten, wTohin sie giengen. Protestantische Herrscher wetteiferten miteinander, ihnen in ihren Staaten eine neue Heimat mit Vorrechten und Auszeichnungen anzubieten. König Friedrich Wilhelm I. von Preussen glorreichen Andenkens, andere deutsche Reichsfürsten, schenkten ihnen Land und erbauten ihnen Wohnhäuser, ihre neuen Nachbarn nahmen sie mit offenen Armen auf und waren ihnen nach Kräften behiflich, sich in die neuen Verhältnisse einzuleben. Die rumänischen Wanderer haben kein Ziel. Sie wandern planlos vor sich hin wie ein Zug nordischer Lemminge, über dem Raubvögel schweben, um den Raubthiere schweifen, die sich nach Belieben ihre Opfer aus dem Zuge herausholen. Niemand will sie bei sich haben, jeder scheucht sie aus dem eigenen Gebiete weiter, und wenn sie verzweifelt fragen: „Wohin mit uns? Was soll aus uns werden?" — so ist die einzige Antwort, die sie erhalten, ein- Achselzucken und eine Handbewegung, die gebieterisch in die Ferne weist: Immer weiter ins Unbekannte, ins Blaue, nur weg, weit weg! (Tosender Beifall und Händeklatschen.) Ich habe vorhin die rumänische Katastrophe mit der Vertreibung der Juden aus Spanien verglichen. Die Gerechtigkeit erfordert, festzustellen, dass die rumänische Regierung die Juden nicht förmlich aus dem Lande gejagt hat. Im Gegentheil. Sie macht sogar gewisse Anstrengungen, die Aufbrechenden zurückzuhalten. Ausgewiesen werden nur jene Juden, die in Wort und Schrift, ganz besonders in der Schrift, die entsetzliche Lage unserer Brüder der Wahrheit gemäss darstellen, das Mitleid ihrer Hörer oder Leser für die Verfolgten anrufen und die Missethaten denuncieren, die unausgesetzt an ihnen begangen werden. Diejenigen Juden, die jede Schmach und jede Gewaltthat ohne ein Wort der Klage, ohne eine Geberde der Ungeduld ertragen, werden nicht von Gendarmen mit Kolbenstössen an die Grenze gebracht. Sie dürfen in ihrem Geburtslande bleiben. Die

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