Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 13 (30.3.1900)
- Article
- Vor der Majestät
- Date
- 1900-03-30
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315865-3367946--18729-3368061- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 ,Die x£ Welt" Nr. 13 die Ausrottung der Juden zum Ziele setzt, radicaler, als es je versucht war; werden doch schon die Neger aufgewiegelt, um dem gehetzten Wilde keinen, aber auch gar keinen Zufluchtsort zu belassen. Der Judenhass, der früher alle Jahrhunderte ein paarmal aufflammte und sich in Massacres austobte, ist eine chronische Krankheit geworden, die sich zu jeder Stunde fühlbar macht. Es liegt die Vermuthung nahe, dass die Erscheinungen des Unbehagens im Volksleben, die auf das Eindringen der Juden in Staat und Gesellschaft zurückgeführt werden, mit den Juden nur sehr wenig zu thun haben; dass sie vielmehr blosse Folgeübel der Freizügigkeit, der Theilnahme der Massen am politischen Leben, der Erweiterung der politischen Rechte sind, Folgeübel, die übrigens neben den Segnungen dieser Neuerungen kaum in Betracht kommen. Aber das Unbehagen ist da und die Schuld daran wird nach Kinder- und Völkerart einem einzigen Sündenbocke, den Juden, aufgebürdet. Die privilegierten Classen, deren Privilegien durch die Befreiung der unteren entwertet wurden, halfen mit an der Verführung des Volkes. Sie hofften, die Abneigung gegen die Juden in eine Abneigung gegen alle Freiheit umwandeln und damit eine Rückkehr zur alten Gebundenheit bewirken zu können. Ein Umstand kam ihnen dabei zuhilfe. Die Juden, die der Neuzeit ihre Erlösung aus den Mauern des Ghetto verdankten, erwiesen sich natürlich allerorten als feurige Anhänger der neuzeitlichen Ideen und sind noch jetzt in den vordersten Reihen derjenigen zu finden, die alles Gewordene beseitigen und ein unsäglich glückseliges Neues an seine Stelle setzen wollen. Wer in sich noch irgendein Gefühl für das gute Alte hat, muss diesen Fortschrittsfanatikern mit ihrem brennenden Eifer gram sein. Ich will nicht untersuchen, ob etwas mehr Zurückhaltung bei den Juden wenigstens während der ersten hundert Jahre nach der Emancipation nicht klüger und vortheilhafter für sie gewesen wäre. Das Temperament ist auch etwas Gegebenes, und man kann nicht von Hunderttausenden verlangen, dass sie alle ihr Leben nach überlegener Einsicht einrichten sollen. Andere Unarten, Folgeübel tausendjähriger, ausschliesslich mercantiler Beschäftigung erwähne ich nicht. Denn ich will nicht die Ursachen des Judenhasses erörtern, sondern nur die Frage beantworten, ob wir in Europa einen Vortheil davon haben würden, wenn es uns gelänge, eines Theiles unserer Juden uns zu entledigen. Die Kämpfe zwischen alter und neuer Zeit müssen ausgefochten werden; ein Zurück zu den starren Ordnungen des Mittelalters ist ausgeschlossen. Das ganze Volk nimmt seinen Antheil an den Culturgütern und dem Staatsertrage in Anspruch. Die Kämpfe um sein Recht sollen aber im Interesse der Ordnung und des Schutzes der Culturgüter olme Katastrophen, ohne Convulsionen und Delirien durchgemacht werden, von Compromiss zu Compromiss. Was am Ziele als Revolution erscheinen mag, muss auf dem Wege immer nur Evolution geblieben sein Zu dem Zwecke müssen wir alle entzündlichen Reizungen abwehren und Blutvergiftungen verhindern. Die Existenz einer Judenfrage in den Emancipationskämpl'en des Jahrhunderts ist eine solche entzündliche Reizung, birgt die Gefahr einer Blutvergiftung in sich. Es gibt keine ehrliche Discussion mehr zwischen den kleinbürgerlich-bäuerlichen und den grossstädtisch industriellen Volksclassen. Der Agrarier und Zünftler beschimpft den Kaufmann und Industriellen als Juden oder Judenknecht, die Freiheit, die Handel und Verkehr brauchen, wird als Judenfreiheit stigmatisiert. Die Ausgleichung zwischen Stadt und Land wird sich viel leichter vollziehen, wenn die — im schlechten Sinne — conservativen Classen im Judenpunkt nicht stets neuen Anreiz zur Erbitterung die liberalen und fortschrittlichen Classen nicht eine Fessel und Schwächung in ihm finden. Es ist also das Interesse einer gemässigt fortschrittlichen, Rückstauungen und Dammbrüche verhütenden Politik, die Judenfrage möglichst aus dem Parteikampfe auszuschalten. Der stets gestachelte Judenhass ist aber auch in seiner Paickwirkung auf die Juden selbst für den Staat nachtheilig, wenn nicht gefährlich. Ein geringer Percentsätz der Juden, die Reichen und Mächtigen, die etwas zu verlieren haben, werden aus Pöbelfurcht verlässliche Ordnungsstützen, aber sie discreditieren wiederum durch ihre furchtsam nervöse und zu Uebertreibungen neigende Art die Ordnungsparteien. Das gegnerische Schlagwort lässt nicht auf sich warten; es heisst: „Gegen Junker und Juden", worunter natürlich die Grossjuden gemeint sind. Der conservative Besitz wird in einen Topf geworfen mit dem wohl am wenigsten beliebten Theile der Bevölkerung, den Grosscapitalisten von Börse und Bank. Der weitaus grösste Theil der intelligenten und relativ besitzlosen Juden aber wird in das Lager der ganz radicalen Parteien gedrängt und liefert diesen bedeutende agitatorische und organisatorische Kräfte. Der Jude, der soviel Enttäuschungen erlebt hat, setzt eben seine letzte Hoffnung auf einen totalen Umsturz alles Bestehenden, auf die radicale Beseitigung aller Privilegien, auf die möglichst vollständige Durchführung der Gleichheit, wie sie der Socialismus verspricht. Der jüdische Cerebralmenseh, der als solcher der demokratischen Gleichmacherei eigentlich widerstreben müsste, wird gegen seine Natur zum fanatischen Gleichheitsapostel und excediert, wie alle Menschen, die nicht auf eigenen festen Füssen stehen. Darin ist die grösste Gefahr für die europäischen Bevölkerungen zu erblicken. Bewegungen, die nicht aufzuhalten sind, werden übermässig beschleunigt und dadurch die Gefahr verderblicher Rückschläge heraufbeschworen. Was in Jahrhunderten sich ruhig vollziehen könnte, soll in Jahrzehnten forciert werden. Katastrophen sind da gar nicht zu vermeiden. Es ist also ein ganz besonderes Interesse einer conservativen Staatskunst, diesen Gährungserregern einen Abfluss zu eröffnen. Von einer Auswanderung in andere überseeische oder europäische Staaten ist nicht viel zu erhoffen, da überall schon der Sättigungspunkt mit verdaulicher jüdischer Intelligenz erreicht ist und das grosse Reservoir im Osten mit seinen assimilationsunfähigen oder fernen Juden noch immer überfliesst. Jenes Reservoir wurde immer als das Unglück der Juden bezeichnet, weil diejenigen, die ihm entrannen, sich an die Rockschösse ihrer westlichen fortgeschrittenen Stammesgenossen hängten und diese an der vollständigen Assimilation hinderten. Nun scheint es, als ob die Vorsehung gerade dieses Reservoir für ihre besonderen Zwecke conserviert habe. Nur jene der europäischen Cultur noch ganz unzugänglichen, treu in ihren Traditionen lebenden osteuropäischen Juden könnten das Gros der Colonisten stellen, die das alte Heimatland wieder zur Blüte brächten und auch für die in älterer Cultur lebenden Stammesgenossen anziehend machen würden. Die kleine Schar der amalgamierten Juden ist unvermögend, das Gros sich nach, in die europäische Cultur hineinzuziehen; umgekehrt aber könnte das Gros, sobald es sich erst wohnlich eingerichtet hätte, die noch nicht ganz amalganiierten, nicht ihres Lebens froh werdenden westlichen Juden zu sich hinüberziehen, für sich damit Culturträger gewinnen und Europa entlasten.