Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 13 (30.3.1900)
- Article
- Vor der Majestät
- Date
- 1900-03-30
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315865-3367946--18730-3368062- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 13 „Die $l Welt" Seite 3 Wie immer man die Sache ansieht, die friedliche Uebersiedlung einiger Millionen zunächst östlicher Juden nach Palästina wäre ein Segen beider Theile. Es möge demnach gestattet sein, in nicht ofiüeieller Weise bei Seiner Majestät dem Sultan die Gewährung eines Charter an das zionistische Gomite zu befürworten ..." So spräche ich, wenn ich einer Majestät leitender Staatsminister wäre. Q u i d a m. Perez Smolensky und der zionistische Gedanke. (Aus dem am 7. März 1900 gehaltenen Vortrage.) Von Leo Rafaels. (Schluss.) Smolensky war. als er „Im Labyrinth des Lebens" schrieb, nicht frei von fremden Einflüssen, und diese erklären zur Genüge, was uns an dem Baue der Erzählung stört und an der Psychologie und Ethik der Hauptgestalten verletzt. Es wäre nicht schwer nachzuweisen, dass der Franzose Le Sage und der Engländer Fielding ihren Antheil haben an dem hebräischen Werke, der eine mit seinem Gil Blas, der andere mit Tom Jones; die pessimistische, zuweilen sogar cynische Manier sind dem Franzosen, die eingeschobenen Erzählungen dem Engländer aufs Kerbholz zu setzen. Doch sind das rein äusserliche Details; den echt jüdischen Kern des Werkes hat der fremde Eintluss nicht im geringsten berührt. Und noch eins sei bei dieser Gelegenheit erwähnt. Smolensky hat mit seinem „Hatoe" nicht nur stofflich, sondern auch durch die Form, durch die Art, wie er das Hebräische der realistischen Erzählung dienstbar machte, bahnbrechend gewirkt. Kein moderner Schriftsteller hat soviel dazu beigetragen wie er, den weitverbreiteten Irrthum zu beseitigen, das Hebräische sei eine todte Sprache, für Darstellungen getragenen Stiles, im besten Falle für die Behandlung abstracter Gegenstände geeignet. Smolensky gebraucht fast nur biblisches Hebräisch, und bringt es zuwege, alles, das Höchste wie das Niedrigste, mit diesem beschränkten Wortschatze zu sagen, ohne Umschweife, ohne Umschreibungen — jeder Ausdruck deckt seinen Begriff. Es war keine freundschaftliche Uebertreibung, wenn Professor D. H. Müller einmal sagte, seit Jehuda Halevy habe keiner eine grössere Meisterschaft über die hebräische Sprache besessen. Es ist begreiflich, dass sich Smolensky danach sehnte, unabhängig von dem Urtheiie eines Cederbaum sein Tiefstes und Bestes schreiben zu können; dazu brauchte er eine eigene Zeitschrift. Das aber war auf russischem Boden schwer zu erreichen. Dieser Umstand und nicht minder die alte Wanderlust, die Sehnsucht nach dem Westen, trieben ihn von Odessa fort. Mit geringen Ersparnissen versehen, reiste Smolensky nach Deutschland, wo er sich aber nur kurze Zeit aufhielt, und kam nach Wien, wo es ihm nach endlosen Mühen und Entbehrungen gelang, seine Zeitschrift zu gründen. Im Jahre 18GÜ wurde das erste Heft des „Haschachar" gedruckt. Der Titel war dem als Motto gedruckten Verse aus Jesaias entnommen: "pi* -liTtfD yp:r ts rraxn mna "jroiKi „Dann wird anbrechen gleich der Morgenröthe Dein Licht, und Deine Heilang in Bälde gedeihen." Gleich der Morgenröthe sollte Smolenskys Zeitschrift sowohl für die Juden des Ostens wie für die des Westens den Anbruch der endlichen Erkenntnis einer neuen Weltanschauung verkünden. Da hören wir denn zum erstenmale scharf und bestimmt, was in früheren Arbeiten Smolenskys in verschwimmenden Umrissen angedeutet war: die Juden des Westens sind bei aller Aufklärung oder vielleicht gerade wegen dieser Aufklärung gerade so verblendet wie ihre Stammesgenossen im Osten — beide sind krank, schwer krank, ohne es zu wissen. Worin diese Krankheit des westeuropäischen Judenthums besteht, wird im ersten Bande des „Haschachar" nicht weiter begründet, aber die Einleitung mit ihrem scharfen Ausfalle gegen die Feinde des Hebräischen und ganz besonders das Gedicht „Heimat" zeigen, wie es im Gemüthe Smolenskys gährte, wie wenig ihn der Westen mit seiner Freiheit und seinem Lebensgenüsse befriedigt. Damals waren tausende von Schützen aus allen Gauen Oesterreichs und Deutschlands nach Wien gekommen, und Smolensky war Zeuge des elementaren alldeutschen Gefühlsaubruches, der dem Schützenfeste geradezu historische Bedeutung verlieh. Und während dieses allgemeinen Jubels schlich sich Smolensky weinend von dannen. Niemals vorher war ihm die Heimatlosigkeit der Juden so schmerzvoll zum Bewusstsein gekommen. Im zweiten Bande des „Haschachar" wird in einem kurzen Aufsatze dem Berliner Reformjudenthum der Krieg in heftigen Worten erklärt, dagegen das Wirken der „Alliance Israelite" geradezu als Rettungswerk gepriesen. Der eine grosse Gedanke ringt sich immer klarer aus dem dunklen Missvergnügen Smolenskys heraus : Alles, was geeignet ist, die jüdische Zusammengehörigkeit zu zerreissen, ist Verrath an unserem Volke, an unserer Religion, alles, was uns zusammenschliesst, bedeutet das Heil! Aber erst im dritten Bande wird der neue Gedanke, der von nun an Smolenskys ganzes Leben ausfüllte, endgiltig geformt ung geprägt: Wir Juden sind nicht eine freiwillige Religionsgenossenschaft mit beschränkter Haftung, sondern ein unzertrennbarer, unzerstörbarer Organismus, ein von der Geschichte mit tausend Eigenarten ausgestattetes Volk. Von dieser Zeit an wird Smolensky nicht müde, das neue Glaubensbekenntnis zu vertiefen, ihm immer neue Stützen und Beweise herbeizuschaffen, Vergangenheit und Gegenwart vom neuen Gesichtspunkte aus zu überprüfen. Mit Ausnahme der Erzählungen ist alles, was Smolensky zwischen den Jahren 1S71 und 1881 schrieb, zur Stärkung des jüdisch-nationalen Gedankens bestimmt. Aus den zahlreichen Essays seien besonders „Das kosmopolitische Volk" und „Die Zeit des Pflanzens" genannt. Diese zwei Essays enthalten das Tiefste, was je über den jüdischen Charakter, über das Wesen der jüdischen Sonderstellung unter den Völkern, über das Geheimnis unserer wunderbaren Erhaltung gesagt worden ist. Und trotz alledem legt man diese überaus gehaltreichen Arbeiten unbefriedigt, mit einem Gefühle der Enttäuschung aus der Hand. Smolensky ist in diesen Abhandlungen wie ein Arzt, der am Bette eines theuren Kranken eine Diagnose stellt, die uns vollkommen überzeugt; wie wir aber den sonderbaren Mann um das Heilmittel fragen, zuckt er mit den Achseln: Das schlägt nicht in mein Ressort! Gut, wir sind ein Volk und nicht eine Glaubensgemeinschaft, wir wollen den selbstmörderischen Versuch aufgeben, uns den anderen Völkern aufzudrängen, wir wollen es machen wie unsere Väter und uns unserer Sonderstellung rühmen, und gleich jenem in der Reformationszeit geächteten katholischen Baron „Ipsa .glorior infamia" zu unserem Wahlspruche erheben — aber ist das die Hilfe, ist das die Rettung aus der zweitausendjährigen Noth? Auf diese Fragen weiss uns der Smolensky der Siebzigerjahre keine Antwort zu geben. War er selbst, der ewig Unzufriedene, von dem nationalen Glaubensbekenntnis befriedigt *? Das ist schwer zu sagen. Seine persönlichen Verhältnisse waren damals ganz darnach beschaffen, ihm die allgemeine Lage in freundlicherem Lichte zu zeigen. Die Zeitschrift war ein ungeheurer Erfolg, Smolensky fühlte sicheren Boden unter den viel gewanderten Füssen und im