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Die Welt · 1900-03-30 · 13 (30.3.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
13 (30.3.1900)
Article
Vor der Majestät
Date
1900-03-30
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9, Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, EX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. ganzjährig ' Nr. 13 Wien, 30. März 1900. Nachdem Ende des Monats viele Abonnements ablaufen, wird um rechtzeitige Erneuerung gebeten. Geldsendungen aus Russland erfolgen am besten in recommandierten Briefen. Papiergeld aller Staaten wird in Zahlung angenommen, anstatt kleiner Münzen wollen Briefmarken beigeschlossen werden. Vor der Majestät. Wenn ich der leitende Staatsminister irgendeines europäischen Herrschers wäre, würde ich meinem allergnädigsten Herrn über den Zionismus folgenden Bericht erstatten : Die Zionisten erstreben nach ihrer eigenen Versicherung die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte für den Theil ihrer Stammesgenossen, der sich unter den Wirtsvölkern nicht assimilieren kann oder nicht will. Sie verfügen heute nach kaum dreijähriger Agitation schon über eine bemerkenswerte Organisation, eine Bank, Zeitschriften, locale Comites. Auch an Nachwuchs fehlt es ihnen nicht, so dass man heute schon sagen kann, der Zionismus ist nicht eine vorübergehende Erscheinung, zu der es nicht verlohnt, Stellung zu nehmen. Der poetische Traum einiger rückwärts gewandter Gemüther ist schon halbe Wirklichkeit geworden. Hunderttausende, vielleicht Millionen der jüdischen Rasse erwägen ernsthaft, ob es möglich sei, auf dem alten Heimatsboden wieder die Stätte zu finden, auf der, frei von Druck, jede Individualität sich unverkrüppelt entwickeln könne. Für die Regierungen ergibt sich aus dieser Thatsache die Notwendigkeit, zu prüfen, ob die vorhandene und unleugbar starke jüdische Volksbewegung zu fördern oder zu hemmen sei. Eine directe und öffentliche Stellungnahme verbietet sich meines Erachtens. Die öffentliche Unterstützung des zionistisch gesinnten Theiles der Juden würde den zur Assimilation Geneigten kränken und verwirren. Die Zionisten selbst wollen nach ihrer eigenen Erklärung auf die assimilationsbereiten Stammesgenossen keinerlei Druck ausüben und ihre Neugründung nicht mit Elementen belasten, die dem Werke von vornherein innerlich widerstreben. Die europäischen Regierungen wiederum haben kein Interesse daran und kein Recht, Staatsbürger abzustossen und zu verbittern, die im Lande geboren sind und noch direct erklären, nur in diesem Staate selig werden zu wollen. Die Judenfrage ist von gesetzeswegen durch die modernen Verfassungen gelöst, die confessionelle Unterschiede unter den Staatsbürgern nicht anerkennen. An den Verfassungen darf nicht gerüttelt werden. Es bleibt aber die Frage noch offen, ob sich nicht indirect das Bestreben der Zionisten fördern lasse. Sie wollen Europa einer schweren Bürde entlasten, jenes beträchtlichen Theiles der Juden, der entweder an religiösen und nationalen Traditionen zu sehr hängt, um in der umgebenden Bevölkerung in absehbarer Zeit unauffällig aufgehen zu können, oder zu stolz ist, sich und seine Nachkommenschaft unaufhörlich als unbequemen Eindringling drangsalieren zu lassen. Es gäbe ein Mittel, die Zionisten indirect zu unterstützen, ein Mittel, das von ihnen selbst in Vorschlag gebracht wird. Wenn es gelänge, auf dem Wege freundschaftlicher diplomatischer Vermittlung Sr. Majestät den Padischah zur Gewährung eines Charter in Palästina zu veranlassen, könnten die zionistischen Comites ihr Werk der Verpflanzung beginnen. Die Vortheile, die für das türkische Reich aus der Ansiedlung loyaler und ungemein agiler Unterthanen in Palästina und Syrien erwachsen würden, bedürfen keiner besonderen Darlegung. Es gilt noch, zu untersuchen, ob die europäischen Staaten ein Interesse daran haben, sich ihrer assimilationsunfähigen Juden zu entledigen. Die Juden waren seit vielen Jahrhunderten ein Bestandtheil der europäischen Bevölkerungen, ohne ir gendwelche Störung in den Functionen der nationalen Organismen hervorzurufen. Sie waren sozusagen eingekapselt, im Ghetto isoliert und konnten demnach in den Kreislauf des Blutes nicht gelangen. Sie führten ein Sonderleben, und wenngleich sie der Glaubenshass auch bis in ihr Ghetto hinein verfolgte und selbst für Misswachs und Epidemie verantwortlich machte, konnte doch ernstlich von einer Einwirkung der abgesonderten Juden auf das Leben der Völker nicht die Rede sein. Erst mit dem Beginne des verfassungsmässigen Lebens, der Emancipation des dritten Standes und der Freizügigkeit begann auch die Einwirkung jüdischer Eigenart auf Handel und Wandel der übrigen Völker, und damit zugleich eine Abwehrbewegung, die immer excessivere Formen annahm und heute schon zur Gründung eines Bundes — Le Grand Occident — geführt hat, der sich

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