Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Article
- Reminiscenzen aus dem vorigen Jahrhundert
- Date
- 1900-02-16
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315859-3366694--17881-3366813- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „Die & Welt* Nr. 7 eines realistischen Trauerspieles. Nichts mehr bedeutet die Judennoth für den geistigen Gapitalisten, für die hohe und höchste Intelligenz. Der Contrast zwischen der glänzenden historischen Vergangenheit dieser Nation und ihren Schicksalen gewährt ihnen einen poetischen Genuss, und nur als Artisten fühlen sie sich den Juden zu Dank verpflichtet, wie sie es dem Lumpenproletariat gegenüber sind, weil die Tragik, die hier wie dort mit Händen zu greifen ist, ihrem künstlerischen Schaffen eine vorzügliche Ausbeute bietet. Forscht man nach der Ursache des Völkerhasses, so ist die beste Antwort in dem Grundgedanken des „Baumeister Solness" gegeben: „Platz machen", „die Vergeltung kommt von der Jugend". Aus dem Antisemitismus spricht das vom Judenthum missachtete Grundgesetz von der knapp zugemessenen Lebensdauer der Nationen, die schon längst überschritten wurde, ohne dass der hochbejahrte Greis von der Weltbühne zu verschwinden gedenkt Im Gegentheile, wie in den besten Tagen der Manneskraft spürt er in sich gleich besagtem „Baumeister" den Drang, die höchste Thurmspitze zu ersteigen, ohne jedoch vom Schwindel erfasst zu werden. Der „Jugend" aber ist der „ewige Jude" mit den atavistischen Zügen aus grauen, vorhistorischen Zeiten einerseits und der wunderbaren Anpassungsfähigkeit an die sogar weitestgehenden Anforderungen des Zeitgeistes andererseits, dem sie vielleicht früher in. mässigem Greisenalter kindliche Pietät noch entgegengebracht haben mochte, nun ein Greuel, etwas Schrecken-, Ehrfurcht-, Liebe-, Hass-, Ekeleinflössendes, wie es das Ewige, Unbegreifliche überhaupt ist, und sie stürzt sich wie die Lichtmotte in die Flamme, um einem ähnlichen Schicksal zu erliegen. Wahrlich, wenn man sich das Pyramidenvolk mit den zu seinen Füssen gebetteten Leichen der Eintagsnatiönchen in Gedanken vorstellt, kann man sich des Staunens kaum erwehren. Kein Arier hält sich für gering genug, diesen Riesenbau, der dem Zahn der Zeit zu trotzen, ja für die Ewigkeit gegründet zu sein scheint, mit Steinen zu bewerfen oder mit Koth zu bespritzen und auf den in Sturm und Wetter erprobten Marmorwänden seinen nichtssagenden Namen einzugraben. Die unverständliche Langlebigkeit der Juden sollte doch, denke ich, die Völker zur Besinnung bringen. Wie? Wenn nach überstandener Leidensprobe das Judenthum aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Kampfe siegreich hervorgeht, weil sie ihn überdauert? Wenn die Völker nicht mehr Kläger und Richter in einer Person, nicht ihren eigenen und des Judenthums Geschichtsschi eiber, sondern dessen Gnade und Ungnade ausgeliefert sind, und die jüdische Sage sie in einen Topf wirft mit den Philistern, diesem Milieu des biblischen Judenthums, das sich ihm durch seine Geschichte nachschleppt, wie den Griechen ihre nachbarlichen Barbarenvölker und keine andere Rolle zu spielen haben, als die Vorzüge der gottbegnadeten Culturträger erst ins rechte Licht zu rücken — oder, wenn die Sage sie gar mit den Guerins verwechselt, die vom lächerlichen Fort Ghabrol aus sich nicht entblödeten, die Erstürmung der Judenburg zu unternehmen. Das wäre wirklich keine üble Rache mit der Witzkeule, der einzigen Waffe der Unterdrückten, die wir in den Verfolgungstagen so geschickt zu schwingen erlernt haben, auf die überwundenen Gegner loszuschlagen. Inzwischen aber werden uns wuchtige Hiebe versetzt, geradezu Eselstritte, die uns die rauhe Wirklichkeit lebhaft ins Gedächtnis zurückrufen. Unser Schicksal ist in vielen Zügen dem jenes Mönches aus der Limburger Chronik, von dem Heine in den „Geständnissen" berichtet, zum Verwechseln ähnlich. Dieser Mönch, der ein begeisterter Dichter war und dessen Lieder in ganz Deutschland von Jünglingen und Jungfrauen gesungen wurden, musste selbst, da er von einer abscheulichen Krankheit, von der Miselsucht befallen wurde, nach damaligem Brauche jede menschliche Gemeinde meiden und mit einer Lazarusklapper auf Hörweite seine Nähe ankündigen. Nicht besser daran sind wir Juden. Wenn wir auch mit der Miselsucht nicht behaftet sind, so wird sie uns angedichtet. Unsere Psalmen werden in den Kirchen gesungen, unsere geistigen Erzeugnisse hat sich das christliche Europa zu eigen gemacht, an. der Bibel werden die Generationen erzogen, aber die Autoren selbst wurden wie eine ausgepresste Citrone in die Rumpelkammer der Geschichte, in das Ghetto geworfen. Wehe demjenigen, der sich hinauswagt, sein Uebermuth wird mit Deportation auf die Teufelsinsel bestraft. Wehe demjenigen, der sich des Mönches annimmt; jeder Ritter, der das „Dornröschen" wachküssen will, verfällt selbst dem Zauberschlaf. Angeklagt wegen des nicht geringen Verbrechens der Langlebigkeit auf Leben und Tod, ohne Erlaubnis zu leben, noch zu sterben, verurtheilt zu ewigem Wanderleben, mangelhaft und nur mit äusserster Vorsicht geschützt von den Grossen, aufs heftigste angefeindet und verhöhnt von den halben Intelligenzen und gelyncht von der gedankenlosen Menge, steht jedoch Israel wie die Substanz da, an der die Modi der historischen Begebenheiten wie böse Träume entstehen und vergehen. Werden die nächsten Zeitläufte die ersehnte Lösung bringen? Werden sich endlich unparteiische Richter finden zur Vornahme einer Revision des jüdischen Processes? Das vorige Jahrhundert hat wenigstens den Versuch dazu gemicht, aber anstatt Recht, wurden dem jüdischen Gapitän Milderungsumstände zuerkannt. Wie konnten wir aber etwas anderes erwarten, wir. die wir von Gottes und zunächst der Völker Gnade von ihrem Mitleid leben? Das XIX. Jahrhundert war keineswegs geeignet das in dasselbe gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Modern bis zur Nervosität, wie es war, verrieth es doch unverkennbar Rudimente aus dem Mittelalter, die wir besonders zu spüren bekamen. Es machte ein paar Entdeckungen, ein Dutzend Erfindungen, von denen die in Polna wohl die wichtigste sein dürfte, und sonst nichts mehr. 1789 und 1848 sind an uns mit der Scheinfreiheit und papierenen Gleichheit nicht spurlos vorübergegangen, sondern haben uns durch Enttäuschung noch mehr erbittert. Das einzige Ereignis von grösserer Tragweite, das eine neue Aera in der Geschichte des Judenthums einleitet, ist 1897 als das denkwürdige Jahr des ersten Baseler Gongresses. In diesem Jahre trat dem europamüden, ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft, durch tausendjähriges Ungemach innerlich gebrochenen Judenthum der Zionismus mit einem Rettungsplan in den Weg, und die glänzenden Namen seiner im Vorderkampfe der Bewegung stehenden besten Söhne sind Garantie genug für die Realisierbarkeit dieser Idee. Wenn der Zionismus nichts mehr wäre, als die „Rückkehr ins Judenthum vor der Rückkehr ins Judenlandu, als die Hebung des Nationalgefühles, so ist schon viel gewonnen. Denn ein Volk, wie ein Individuum kann ohne Ideal, in die Moderne übersetzt, „ohne Lebenslüge" auf die Dauer sich nicht behaupten, und wenn dem „alten Ekdal" die Lebenslüge durch den Zwang der Verhältnisse benommen wird, so muss ein verständiger Seelenarzt eine neue erfinden, damit der Kranke nicht ganz verderbe. Dass aber die Idee dem jüdischen Volke in Fleisch und Blut übergieng, ist der beste Beweis, dass sie nicht aus der Luft