Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Article
- Reminiscenzen aus dem vorigen Jahrhundert
- Date
- 1900-02-16
- Page
- 7 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 7 „Die j$ Welt" Seit« 7 gegriffen ist, kein in der Studierstube redigiertes Hirngespinst, sondern dass sie den unarticulierten Lauten der Volksseele nur einen modernen Ausdruck verlieh und diese mit neuen Hollnungen erfüllte. Die Woche. Wien, 14. Februar 1900. Klostergeschichten. Wir haben letzthin von der Krakauer Klostergeschichte berichtet. Ein Judenmädchen, Michalina Araten, wird von einer Wäscherin ins Kloster der Felicianerinnen in Krakau gebracht, hier wird das noch nicht 14jährige Kind von jedem Verkehre mit der Aus.-enweit hermetisch abgeschlossen, der verzweifelte Vater, der sein Kind wenigstens sehen will, wird von den Nonnen mit den plumpsten" Ausreden abgespeist, und nach sechs Wochen erstatten endlich zwei Nonnen mit unschuldiger Miene die Anzeige, das Kind sei aus dem Kloster verschwunden, „durchgegangen", man wisse nicht wohin. —Die ganze Affaire ist ein empörender Scandal. Die galizischen Juden sind wahrhaftig zu beneiden. Voriges Jahr hat ihnen der von Hetzclerikern aufgestachelte Pöbel bei den Excessen Geld und Gut gestohlen, jetzt lassen die Kuttenleute in höchsteigener Person gar die Kinder der Juden verschwinden. Und was das beste an der Sache ist: dieser Kinderfang wird, wie man berichtet, im Grossen betrieben. In der Kinderbewahranstalt der Felicianerinnen befindet sich eine ganze Anzahl von Judenmädchen. Man muss diesen Frommen, die in der Kinderfrage den Unterschied zwischen Mein und Dein nicht kennen, das fingerfertige Handwerk legen! Wenn die Krakauer Nonnen solche Freundinnen kleiner Kinder sind, so sollen sie sich sie auf anderem Wege verschaffen! Wie kommen die jüdischen Eltern dazu, dass ihnen die Kinder im zartesten Alter entrissen und hinter Klostermauern vergraben werden. Als ob die jüdischen Kinder zu dem Zwecke da wären, damit die Nonnen und Patres ihren seelenretterischen Gelüsten schrankenlos fröhnen können. Am verblüffendsten ist die Entschuldigung, die sich die braven Felicianerinnen zurecht gelegt haben : das Kind ist freiwillig gekommen, es will aus eigenem Antriebe sich taufen lassen und dann in einer Klosterzelle lebenslänglichen Aufenthalt nehmen. Zu läppisch I Die Theorie vom „freien Willen" eines dreizehnjährigen Kindes ist ebenso überzeugend, wie die Angabe der Nonnen, dass ihnen der jetzige Aufenthalt der kleinen Michalina unbekannt sei. Ein dreizehnjähriges unreifes Kind — man könnte es auf Grund seiner entwickelten, ausgebildeten Urtheilsfähigk^it sogar zur Ansicht überreden, dass das Vorgehen der Krakauer Noni.en ein ehrenhaftes und reinliches ist. Man denke sich doch folgenden Fall: diebische Juden würden ein Christenmäd^hen stehlen, in eine polnische Synagoge bringen, dort wochenlang versteckt halten, den christlichen Vater, der sein Kind zu sehen wünscht, mit jüdischen Kniffen und Ausflüchten zur Thüre hinauscomplimpntieren, und unterdessen müsste das arme Christenmädchen stundenlang Talmud studieren, Mazzes knuspern und hebräische Segensformeln auswendig lernen. — Ein Sturm der Empörung gienge durch die ganze Christenheit, man würde nicht, nur jene polnische Synagoge von Grund aus demolieren, sondern überhaupt alle Judenhäuser von Polen bis nach Algier. Man erinnere sich doch nur der Vorgänge, die sich jüngst in Nachod abspielten, als ein christliches Dienstmädchen eines Tages abgängig wurde. — Als der Grossvater des Mädchens mitThränen in den Augen eine Rückkehr der Michalina erwirken wollte, die Mutter liege krank und sehne sich nach dem Anblick des Kindes, da antwortete eine der Nonnen in sanft flötendem Tone: „Das Kind wird ja seine Mutter im Himmel wiedersehen." — Man weiss nicht, soll man mehr über den gemüthsrohen Cynismus oder die unendliche Albernheit dieser Antwort in Staunen gerathen. Es ist nicht angenehm, nach der Polizei rufen zu müssen, aber es gibt Fälle zwischen Himmel und Erde, wo einem nichts anderes übrig bleibt. Da die Juden nicht die Veranlagung besitzen, Klöster zu erbrechen und Judenkinder zu befreien, so werden wohl die Behörden gut thun, wenn sie selbst die abhanden gekommenen Mädchen den Eltern zurückstellen. Es gelingt ja zumeist, Leuten das Handwerk zu legen, welche goldene Uhren oder silberne Löffel verschwinden lassen. Sollte die Behörde den gleichen Scharfsinn nicht Leuten gegenüber aufwenden können, die ziemlich umfangreiche Kinder verschwinden lassen? En überraschender Beweis. In einem Orte Hollands haben sich kürzlich etliche halbverrückte Bauern, welche die entsprechende Eignung besassen, zu einer religiösen Secte vereinigt. Die Secte befasste sich mehrere Tage mit eifrigem Absingen von Psalmen, aber schon nach kurzer Zeit wurde sie dieser eintönigen Thätigkeit müde und trachtete darnach, die Zeit mit einer anregenderen Beschäftigung auszufüllen. Die Beschäftigung war bald gefunden: Die Sectierer ergriffen einen Knecht, der gerade bei der Hand war, und erschlugen ihn. Sie erklärten, der Knecht habe den Teufel im Leibe, und für derartige Leibbeschwerden sei Niedermetzelung das beste Heilmittel. Was dann weiter aus den armen Narren geworden, interessiert uns weniger. Bemerkenswert ist aber die Art, wie die Wiener antisemitischen Blätter diesen weitabliegenden Fall für ihre Parteizwecke auszubeuten wussten. Der Commentar, den hier die Angelegenheit bekam, hatte ungefähr folgende Fassung: Lieber Leser! Wie Du Dich erinnerst, haben die verlogenen Juden immer und insbesondere zur Zeit des Kuttenberger Processes mit frecher Stirne geleugnet, dass „Ritualmorde" vorkommen können. Die holländische Affaire ist nun ein schlagender Beweis, dass thatsächlich „Ritualmorde", Morde aus religiösem Fanatismus, verübt werden. Die Juden werden jetzt nicht mehr leugnen können---(Vielsagendes Augenzwinkern.) Und diese einleuchtende Argumentierung des antisemitischen Blattes hat gewiss auf den gläubigen Leserkreis einen überzeugenden Eindruck gemacht. Manch ehrsamer Bürger mag auf der Bierbank die holländische Mordgeschichte erörtert und die Juden weidlich verflucht haben. Wir haben auch erwartet, dass man anlässlich des holländischen Ritualmordes den Juden in Böhmen die Fenster einschlagen und die Wohnungen ausrauben werde. Vorläufig ist hierüber noch nichts bekannt geworden, aber nur nicht zu früh jubeln! Apostata. Im Wiener politischen Leben hat sich ein äusserst wichtiges Ereignis vollzogen. Ein bewährter „freisinniger" Parteimann, auf dessen Judenfreundlichkeit man hätte Felsen bauen können, ist „in aller Stille" in den „antisemitischen Bürgerei ub" übergetreten. Und er wird nun auch, wie gemeldet wird, bei kommenden Wahlen von den Antisemiten als officieller Candidat aufgestellt werden. Der Name des Abtrünnigen lautet: Klotzberg. Ausserhalb der Wiener Grenzpfähle ist der wohllautende Name Klotzberg wenig bekannt, der Indier am Ganges, der Amerikaner am Amazonenstrom, der Chinese am gelben Fluss, sie schütteln alle verständnislos und fragend das Haupt, wenn man sie nach der Bedeutung des Wortes „Klotzberg" fragt, aber in Wien ist Klotzberg eine Persönlichkeit, er ist im politischen Leben ein sogenannter Factor, mit dem man rechnen muss, und sein Uebertritt ein wichtiges Ereignis. Mancher jüdische Leser, der in seinem Kaffeehause am Schottenring oder Quai die Notiz vom Uebertritte Klotzbergs las, hat wohl melancholisch geseufzt und die Zeitung auf eine Weile aus der Hand gelegt: „Klotzberg, der treue Klotzberg ist nicht mehr. Auf wen kann man sich verlassen, wenn selbst Klotzberg untreu ward?---" Es gibt nämlich sehr viele Jud^n, die noch immer in Staunen gerathen, wenn sich plötzlich ein Mensch, von dem man es gar nicht erwartet hätte, als strammer Antisemit entpuppt. Die Juden haben schon oftmals das interessante Schauspiel mitangesehen, wie hunderte, tausende verlässlicher, wackerer christlicher Mitbürger, von denen man „so etwas" gar nicht gedacht hätt«», über Nacht zu begeisterten Antisemiten wurden, aber die Juden können immer noch nicht angesichts derartiger abgedroschener Demaskierungsscenen sich gefasst ins Unvermeidliche schicken und ihren Seelenschmerz männlich niederringen. Blitzableiter. Aus England werden Antisemitica gemeldet. Die judenfeindliche Strömung, die sich jetzt in England fühlbar macht, ist eine Folgeerscheinung des südafrikanischen Krieges. Weshalb man jetzt in England den Juden grollt? Greifbare Gründelassen sich schwer anführen. Der Stratege B u 11 e r, der in England einigen Anlass zur Missstimmung gibt, ist, allgemeinem Vernehmen nach, kein Jude, und es entfällt daher jeder Anstoss, die ihm geltende Missstimmung in der üblichen Weise auch auf die übrigen Juden zu übertragen. Die Boeren sind grösstentheils auch keine Juden, die schwer gangbare Strasse nach Ladysmith ist auch von keinem Juden geschottert worden, ebensowenig wie das Bett des Tugela von Juden gegraben wurde, ja, die Juden haben nicht einmal das Pulver erfunden, weder das rauchlose noch das rauchende. Und doch! Wir haben es hier wieder mit der oft erörterten Erscheinung zu thun: Die üble Launo.