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Die Welt · 1900-02-16 · 7 (16.2.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
7 (16.2.1900)
Article
Reminiscenzen aus dem vorigen Jahrhundert
Date
1900-02-16
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 7 »Die 2$ Welt*' Seite 5 officiellen Einzug in Europa, und unsere kurzlebige Generation sah mit fast kindlicher Neugier der Jahrhundertwende entgegen, wobei sich manchem nachdenklichen Zeitgenossen die Frage aufgedrängt haben mag: Wird das neue Säculum seinen eigenen Weg einschlagen oder wird es in die Fussstapfen seines Vorgängers treten und von ihm das Regierungsprogramm empfangen? Inzwischen hatten die Tagesschriftssteller, diese historischen Secundenzeiger, bereits das Mass zu einem Sarge und Nekrologe des XIX. Jahrhunderts genommen; die einen malten weiss, die anderen schwarz, die ganz Gescheiten grau. Alle hatten von ihrem Standpunkte gewissermassen recht. Es kann nicht geleugnet werden, dass das XIX. Jahrhundert von den besten Intentionen beseelt war, die aber an dem Widerspruche sowohl der gegebenen Verhältnisse, wie der mehr zum Bösen neigenden menschlichen Natur scheiterten. Revolutionär zu Beginn und um die Mitte (1848), den der Praxis gegenüber ohnmächtigen kategorischen Imperativ der „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" als Programm verkündend, vergeudete es seine Kräfte, um zuletzt mit der Frivolität einer jede Weihe der Empfindung zerstörenden Heine'schen Schlussstrophe kläglich zu enden — dem Nationalitätenhasse. So dass die Annahme naheliegt, dass mit jedem Jahrhundert trotz oder gerade infolge des geistigen Fortschrittes die Menschheit in moralischem Betracht immer mehr zurückgeht, in ihren Neigungen immer unbeständiger, man könnte sagen — man verzeihe mir den Ausdruck — charakterloser wird. In dem kurzen Zeiträume von hundert Jahren pendelte sie zwischen Liebe und Hass in immer rascheren, aber desto kürzeren Bewegungen so vielemal hin und her, dass man geneigt ist, zu glauben, dass ihre Liebe nicht nützen, ihr Hass nicht schaden könnte. Es ergäbe sich auf diese Weise für das Judenthum der erfreuliche Schluss, im Kampfe ums nationale Dasein resigniert auszuharren und nach dem Regen den Sonnenschein zu erwarten, wenn ein rascher Umschlag ins Gegentheil von vornherein nicht gewiss wäre. Es darf übrigens nicht vergessen werden, dass die Völkerliebe für das Judenthum nicht auf Ebenbürtigen entgegengebrachter Achtung beruhte, sondern stets auf Mitleid, dem natürlichsten Bande zwischen „Majorität" und „Minorität", „Stark" und „Schwach", „Gross" und „Klein", und das zugleich die Signatur unseres Zeitalters ist. Den Juden mussten schon tiefe Wunden geschlagen werden, wenn die Nationen sich ihrer liebevoll aus Erbarmen annehmen sollten, weil sie mit ihnen nichts gemein zu haben glaubten und deshalb an sie nicht den eigenen, sondern einen geringeren Massstab anlegten. Psychologisch lässt sich das auf diese Weise erklären, dass beispielsweise der Anblick von leidenden Civilisierten, Wilden, Thieren keineswegs gleiche Unlustempfindungen hervorruft, sondern auf einer je tieferen Entwicklungsstufe ein Geschöpf steht, desto grösser auch seine Leiden sein müssen, um gleiches Mitleid wachzurufen. Mit der Zeit gewöhnten sich auch die Völker an den Anblick der Judennoth, als an etwas Selbstverständliches, Vorbestimm! es. In dem Juden musste nun etwas mehr als der gleichberechtigte Bürger, es musste in ihm die Gattung, die Menschenwürde verletzt werden, ja es war sogar nothwendig, dass das oberste Staatsprincip, die Gleichheit aller, wenn schon nicht vor dem Rechte, so wenigstens doch vor dem göttlichen und menschlichen Sittengesetze in seiner Anwendung auf ihn in Frage gestellt werde (vergl. die Dreyfus-Affaire), damit das europäische Gewissen endlich wachgerüttelt werde. So trat er aus einer Mitleidsphase in eine immer niedrigere, und die Weltgeschichte, wie ungerecht sie auch gegen ihn sein mochte, wurde ihm zum Weltgericht. Es wäre nun von vielfachem Interesse, zu wissen, in welchem Stadium wir endlich angelangt sind, wieviel Juden nämlich hingemordet werden müssten, um einem Vollblut-Antisemiten einen Seufzer abzuringen. Ich habe oben gesagt, dass das Mitleid die Signatur unseres Zeitalters ist. Ich glaube, das bedarf keiner besonderen Begründung. Wenn die psychophyischen Massmethoden der Empfindlichkeit nicht auf die einfachste Empfindung beschränkt blieben, sondern sich auch auf die höheren Seelenthätigkeiten anwenden Hessen, könnte man leicht constatieren, dass das Mitleid von allen Leidenschaften und vielleicht auf ihre Unkosten sich in besonders verheerender Weise entwickelt hat. Kein Wunder, leben wir doch in einem Zeitaller, wo das Massenelend in erschreckendem Masse zugenommen hat und ein halbbewusstes Unsicherheitsgefühl, eine gewisse Angst vor dem ungewissen Morgen, wie ein Alp auf den Gemütern lastet. Darin liegt der Grund, dass der Reiche von heute mehr als früher sich an den Geldsack klammert und den Kreuzer mit den Zähnen fast zurückzuhalten bestrebt ist. Das Mitleid aber ist keineswegs ein moralischer Defect, kein „Kreuz, woran die Menschheit genagelt" ist, zu dem man es stempeln möchte, sondern im Gegentheil das Heilbestreben der Natur, das an und für sich zwar keine Krankheit ist, jedoch auf eine ernste Erkrankung des gesellschaftlichen Organismus hinweist. Das wäre das Mitleid aller mit allen, wovon jedoch die Juden, als niedrigerstehend betrachtet, als nicht ihresgleichen, ausgeschlossen werden. Wie könnte man sich sonst die Unterscheidung der Confessionen noch auf der tiefsten Stufe des Proletariats seitens mancher Christen erklären? Oder die Thatsache, dass in Russland jüdischen Kranken manche Heilquellen versagt sind? Als ob der jüdische Bettler oder Kranke minder bedauernsweri wäre als der nichtjüdische. Wo soll denn die Verfolgung aufhören, wenn das abgezehrte Bild des Jammers vor ihr keinen Schutz mehr gewährt? Die Antidarwinianer heben hervor, dass, da die Natur continuierlich, aber nicht sprunghaft zuwerke geht (natura non facit saltum), die Entwicklung der Arten, sobald eine solche angenommen wird, vor unseren 'Augen sich vollziehen müsste, so dass wir ihre stufenweise Entstehung verfolgen könnten, was aber ihrer Meinung nach nicht der Fall sei. Ihr Einwand ist aber nicht stichhältig. In keinem der vorhergehenden Jahrhunderte gieng die Differenzierung der Arten rascher vor sich als in unserem, „Christ" und „Jud", „Reich" und „Arm", „Gross" und „Klein" scheinen sich zu eigenen, selbständigen Arten abrunden zu wollen, die nichts mehr miteinander gemein haben, als den Obt.Ttitel Mensch, notabene in der Theorie; sie verstehen einander nicht und stehen sich wie zwei verschiedene Welten gegenüber. Die Lücke zwischen Ariern und Juden scheint schrecklicher zu klaffen, als zwischen Civilisierten und Wilden. Als Beweis diene folgende Thatsache: Jahrjährlich werden Missionäre nach Afrika entsendet, um unter den Negern die Gultur zu verbreiten, weil die letzteren, wenn auch wild, doch Menschen, doch Brüder sind. Nicht so werden wir behandelt. Die Völker handeln in diesem Falle gleich dem Schriftsteller Seume, der über einen verendeten Esel tiefsinnige Weltschmerzbetrachtungen anstellte, während er zuhause sein eigen Weib und Kind buchstäblich verhungern licss. Der Reiche versteht den Armen nicht, und wie er ihn materiell ausbeutet, so beutet er ihn auch moralisch aus; er geniesst eben die Poesie des Elends, das für ihn identisch ist mit der Illustration

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