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Die Welt · 1900-02-16 · 7 (16.2.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
7 (16.2.1900)
Article
Die galizische Frage
Date
1900-02-16
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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S*ite 2 ,Die s> Welt«« Nr. 7 einer grossen Anzahl von Steuern und erlaubte diesen Juden, sich überall anzusiedeln, sondern er gab sogar Befehl, dass jede Judengemeinde auf ihre Kosten eine gewisse Anzahl Familien ansiedeln müsse. Im ganzen sollten wenigstens 1410 jüdische Familien mit Hilfe des Staates, der Grund und Boden zur Verfügung stellte und manche Erleichterung gewährte, angesiedelt werden. Doch im Jahre 1822, also 33 Jahre später, fanden sich im ganzen S36 Familien angesiedelt. Und diese Familien betrieben nicht den Ackerbau allein, sondern nebenbei auch andere Geschäfte. Allen diesen Bestrebungen machte aber die spätere Österreichische Gesetzgebung, die bekanntlich, mit Ausnahme der kurzen Zeit zwischen 1849 und 1851. für die Juden höchst drückend war und ihnen den Landbesitz untersagte, ein Ende, bis mit der Einführung des parlamentarischen Lebens auch die Juden wieder, wenigstens de jure, sich dem Ackerbau zuwenden konnten. Die polnischen Juden haben sich also in der That seit den ältesten Zeiten mit dem Ackerbau befasst. Freilich war es immer ein unverhältnismässig kleiner Theil, der sich damit beschäftigte. Dass es nicht ein grösserer Percentsatz war, das war durch die Judengesetzgebung Polens und später Galiziens verschuldet und zum Theile auch in der jüdischen Religion begründet. In seiner Schrift „Darstellung der gesetzlichen Verfassung der galizischea Judenschaft" führt im Jahre 1S33 der damalige Lemberger Hochschulprofessor Michael Stöger unter anderen folgende Gründe an: „Ihre (der Juden) Religion und ihre Gewohnheiten verursachten geringere Einkünfte und grössere Ausgaben, als die des galizischen Bauers sind. Das Verbot, Ochsen oder Kühe mit Pferden zu spannen, in den ersten drei Jahren nach der Pflanzung von seinen Früchten Nutzen zu ziehen, den Stier zu castrieren — der Nichtgebrauch des Schweinefleisches — das Gebot, das erstgeborene Bullenkalb dem Priester zu geben — die Summe der vielen eigenen Feiertage, welche zu den christlichen des lateinischen und des griecMisch-unierten Ritus gezählt und zusammen von der Arbeit ausgenommen werden müssen u. s. w., alles dies musste die Einkünfte der Wirtschaft mindern und zum Theile versiegen machen." Dann führt Stöger ausser Kleinigkeiten noch an : das Anschaffen neuer Kochgeschirre zum Passahfest, die Notwendigkeit besonderer Geschirre für Milch- und Fleischspeisen, das Verbot, am Sabbath zu kocheD, das Gebot, am Sabbath Fleisch zu gemessen, die Unterhaltung eines Lehrers für die Kinder (weil die Frommen ihre Kinder die staatlichen Schulen nicht besuchen lassen); alle diese Umstände erhöhen die Ausgaben des jüdischen Bauers. So gibt es. eine Reihe wichtiger materieller Gründe, die den Juden den Ackerbau, wenn nicht unmöglich machen, so doch sehr erschweren. In Galizien nämlich. Die jetzigen Verhältnisse der galizischen Juden zum Ackerbau sind in gewisser Hinsicht befiiedigendere. Eine grössere Anzahl von Juden ist in der Landwirtschaft beschäftigt Bis in das letzte Decennium war die Anzahl der jüdischen Gutspächter eine verhältnismässig bedeutende. Die polnischen Adeligen und sonstigen Gutsbesitzer überliessen sehr häufig den Juden die Gutspacht und waren zufrieden, wenn die Güter soviel abwarfen, um ihnen eine bequeme Lebensführung, fern von aller Arbeit und Anstrengung zu gestatten. Die jüdischen Pächter beschäftigten naturgemäss eine grosse Anzahl von Juden auf den gepachteten Gütern. Kleine Güter, die im Besitze der Juden sind, gibt es wenige. Von grösseren Gütern befinden sich einige hundert im Besitze von reicheren und sehr reichen Juden. Trotzdem also derzeit in Galizien eine grössere Anzahl von Juden mit der Landwirtschaft sich abgab, und trotzdem Galizien absolut und relativ die bedeutendste Anzahl jüdischer Landbewohner hat, so kommt dieser Theil der jüdischen Bevölkerung Galiziens fast gar nicht in Betracht gegen die grosse Menge der Handwerker und Handeltreibenden, vor allem aber gegen die Ueberzahl des Proletariates, das, zum grossen Theile ohne Beschäftigung, die Armee des Lumpenproletariates entsetzlich anwachsen lässt. Während ein Theil dieser Nichtackerbauer zweifellos jede Beschäftigung ergreifen würde, die ihm auch nur wenige Kreuzer per Tag einbrächte, ist die Mehrzahl theils aus religiösen Gründen, theils aus Furcht, durch den Ackerbau jeder geistigen Thätigkeit entzogen zu werden, endlich in der Voraussicht, dass unter den dermaligen Verhältnissen in Galizien der Kleinbauer rettungslos dem Untergange verfällt und nur durch die Unterstützung aus Landesmitteln ein elendes Dasein fristet, gewiss nicht geneigt, sich gerade dem Ackerbau zuzuwenden. Die letztere Befürchtung speciell wird umso schwerer wiegen, weil man weiss, dass Galizien trotz seiner Fruchtbarkeit und trotzdem, dass über 4S Percent gutes Ackerland vorhanden ist, für die bäuerliche Bevölkerung geradezu ein Land des Hungers bedeutet. Als ein bedeutsames Zeichen mag es gelten, dass die von Kaiser Josef II. vor etwas über 100 Jahren gegründeten deutschen Colonien sich auflösen. Die Colonisten ziehen nach Ostpreussen, und Masuren aus dem Westen nehmen ihre Wohnsitze ein. Nun spielt bei dem letzeren Factum wohl auch die Politik mit. Wer aber die Zähigkeit kennt, mit der ein Bauer an der ererbten Scholle hängt, der wird diese Auswanderung wenigstens in gewissem Masse mit den oberwähnten Verhältnissen in Zusammenhang bringen müssen. An Versuchen, die galizischen Juden in grösserer Menge der Landwirtschaft zuzuführen, hat es übrigens nicht gefehlt. In früherer Zeit hat sich einmal die Wiener Alliance eine Weile mit diesem Projecte eingehend beschäftigt. Damals war es der Director der galizischen Hypothekenbank, Moriz Lazarus, der nebst manchen anderen Männern die Zuführung der Juden zum Ackerbau propagierte. Nach seiner Meinung wäre es möglich, dass n°/0 des Bauernstandes allmählich durch die Juden gebildet werden könnten. Er meint auch, dass beim Ackerbau", respective bei der Landwirtschaft (dazu müsste man also auch Viehzucht und Gärtnerei rechnen), etwa 150.000 Juden untergebracht werden könnten. Nun ist bereits der weitaus grösste Theil der galizischen Bevölkerung (etwa 77% nach Th. P i 1 a t) in der Landwirtschaft - thätig. Das würde also eine weitere Erhöhung bedeuten, die, besonders weil sie quasi künstlich geschaffen wird, nicht ohne Rückwirkung bleiben könnte. Lazarus schlägt vor, die Juden sollten mindestens drei Jahre als Zöglinge auf eigens zu diesem Zwecke errichteten Bauernwirtschaften zubringen. Dann solle jeder Zögling mit Hilfe eines in kleinen Raten rückzahlbaren Capitales auf einer Bauernwirtschaft installiert werden. Je 10 solcher Wirtschaften sollten zu einer Colonie vereinigt werden. Diese Anregungen erfolgten im Jahre 18S5. Seitdem sind 15 Jahre verflossen. Der Vorschlag wurde nicht einmal im Kleinen versuchsweise ausgeführt. Und das hatte seine guten Gründe. Zur richtigen Abschätzung aller dieser Vorschläge und der thatsächlichen Verhältnisse ist es aber nöthig, nicht nur von den galizischen Juden, sondern auch von Galizien selbst Einiges zu berichten. Galizien ist im grossen und ganzen fruchtbar. Die subkarpathische Ebene allein kann als unfruchtbarer Boden bezeichnet werden. Allerdings ist ein Theil des Bodens auch nicht verwertbar, weil die Fluss- und Wildbachregulierungen zum Theile noch sehr im argen liegen (am Dniestr allein stehen oft 120.000 Hektar mehrmals im Jahre unter Wasser), und weil andererseits für die Entwässerung sumpfiger Gebiete soviel wie nichts gethan wird.*) Das ist aber ein verhältnismässig kleiner Theil. Im ganzen betrug die von der Landwirtschaft (Ende 1S92) ein- *) Im Jahre 1S96 wuchsen durch Trockenlegung sumpfigen Terrains 0*38 ha Ackerland zu!

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