Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Article
- Die galizische Frage
- Date
- 1900-02-16
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 „Die <x Welt'* Seite 3 genommene Fläche 5,548.454 Hektar oder 70-69% der Gesammtfläche des Landes. Davon entfielen anf das Ackerland 3,810.033 Hektar. In den einzelnen Bezirken wechselt natürlich die Grösse der auf das Ackerland entfallenden Gesammtfläche. So schwankt der Percentsatz von 4% der Gesammtfläche bis zu 74%, ja an einzelnen Stellen sogar bis 86%- Interessant und für die besprochene Action wichtig ist es nun. wie dieses Ackerland vertheilt ist. (Schluss folgt.) Mildernde Umstände. Von Emil Leimdörfer. Paul Deschanel, der Präsident der französischen Kammer, wurde in die Acad6mie francaise aufgenommen. Wie üblich, hielt er seinem Vorgänger eine Lobrede, welche dem Ort* und der Zeit entsprechend, in einen tönenden Hymnus ausklang auf „Dich, Frankreich, Land des Lichtes, der Gerechtigkeit und der Freiheit. Zu allen Zeiten warst Du der Verkiinderder edelsten Ideen, der Vorkämpfer des Rechtes" u. s. w. Mit der ganzen Schärfe des Gegensatzes fielen uns diese jüngst gesprochenen Worte ein, als wir den trüben Gedanken nachhiengen, welche der letzte Process gegen die „Aurore" erweckt hatte. Obwohl das Thatsächliche des Falles aus den Tagesblättern bekannt sein dürfte, wollen wir doch den Hergang mit wenigen Worten erzählen. Der jüdische Soldat Bernard genügte in Epernay seiner Dienstpflicht. Anfang December, wenige Wochen, nachdem er eingerückt war, erkrankte Bernard. Der Militärarzt untersuchte ihn und fand auf der Brust eine eiternde Wunde, die angeblich von einem Hufschlage herrührte. Im Hospital verschlimmerte sich sein Zustand immer mehr, denn die Eiterung hatte die Lunge ergriffen — jede Hoffnung auf Genesung schwand. Bernards Mutter eilte an das Krankenlager des Sohnes. Kurz vor seinem Hinscheiden theilte er der in Schmerz Aufgelösten mit. sein Vorgesetzter, der Marquis Solange s, habe ihn misshandelt und habe ihm die Wunde geschlagen. Die trostlose Frau wendete sich an die öffentliche Meinung, an jenes Blatt, welches Zola im Kampfe gedient hatte, an die „Auroro". Diese Zeitung veröffentlichte den Sachverhalt und begleitete ihn mit den entsprechenden Glossen. Der Marquis fühlte sich durch diese Darstellung in seiner Ehre gekränkt und klagte. Die Redacteure wurden, von den Geschworenen schuldig gesprochen, ihnen aber mildernde Umstände zuerkannt. Die Richter aus dem Volke haben ihren Wahrspruch abgegeben, und in gewohnter ehrfürchtiger Scheu beugen wir uns vor der Res judicata. Aber gewissermassen akademisch wollen wir die Sache zergliedern, weil sie des Interessanten und Lehrreichen in Fülle bietet. Es gibt Dinge und Worte, von denen unwillkürlich die Aufmerksamkeit gefesselt wird. So gerade die „mildernden Umstände". Und in merkwürdiger Gedankenfolge reihte sich daran die „Res judicata". Oft genug hörten wir diese zwei bedeutungsvollen Worte in den letzten Jahren. Besonders die „mildernden Umstände" verfolgen uns. Sie werden nachgerade gewohnheitsmässig allen Urtheilen hinzugefügt, welchs in Processen, die aus dem politischen Leben erwachsen, gefällt werden. Da wurde zunächst üreytus verurtheilt, aber bei der Strafbemessung nahmen die Richter „mildernde Umstände" an. Man kennt sie; es sind seine Unschuld und die Verbrechen seiner Ankläger. Dann gibt es für die Angeklagten im Hochverrathsprocesse „mildernde Umstände". Es fehlten ihnen die Kräfte und die Ueberlegtheit, nicht aber der gute Wille, die bestehende Staatsform zu ändern. Dazu kommt die greisenhafte Schwäche des Senates gegen diese unruhigen und unverbesserlichen Condottieri des Pöbels; also „mildernde Umstände" genug. Und jetzt abermals „mildernde Umstände" für die verurtheilten Journalisten. Die „Aurore" ist ja vorbestraft : sie wurde bekanntlich gleichzeitig mit Zola verdammt. Man kann daher nicht sagen, dass ihr Vorleben untadelig sei. Der Vertheidiger des Blattes führt den guten Glauben der Redacteure zu ihrer Entlastung an. Aber die Geschworenen konnten den guten Glauben bei einer Ehrenbeleidigung nicht als „mildernden Umstand" betrachten. Der Verleumder hat ja die Pflicht, nicht nur den guten Glauben, sondern auch die Gewissheit sich zu verschaffen, dass seine Vorwürfe berechtigt seien. Dass er sich auf seine Vertrauensseligkeit allein stützt, muss seine Schuld erschweren, nicht sie erleichtern. Die „mildernden Umstände" deuten eher darauf hin, dass die Geschworenen nicht so recht im Innersten von der Sittenreinheit des Marquis Solanges überzeugt waren. Die äusseren Vorgänge des Processes erinnerten vielfach an den Process in Rennes. Ein Zeugenparquet von Offi eieren und gewöhnlichen Soldaten, unter welchen der dunkle Habit der barmherzigen Schwester, die den Kranken gepflegt hatte, und die Civilkleidung des Rabbiners von Epernay seltsam sich ausnahmen. Die Officiere sagten in rührender Uebereinstimmung aus, dass ihr Kamerad zwar ein wenig grob mit seinen Leuten umgehe, sie aber nicht misshandle. Dann traten die Militärärzte auf, die eine von einem Hufschlage herrührende Wunde von einer solchen, welche durch körperliche Züchtigung verursacht wird, nicht unterscheiden können. Man möchte wirklich an den Bankbruch der Wissenschaft glauben, wie der Vertreter der „Aurore" ironisch bemerkte. Die Officiere verwahrten sich dagegen, judenfeindliche Gesinnungen zu hegen. Aber auch im Dreyfuss-Processe wurde die Unparteilichkeit der Generäle hervorgehoben, jede Voreingenommenheit aus religiösen oder nationalen Motiven geleugnet. Und doch baute sich das Lügengebäude auf diesem Untergrunde auf. Ein Blick ferner auf die Liste der hohen Officiere, welche auf das nationalistisch-antisemitische Programm sich um Senatesitze bewarben, belehrt uns besser über die Stimmung in den Heereskreisen, als alle öffentlichen Versicherungen der loyalsten Gesinnung. Wie schwach sind endlich die Beweise des klägerischen Vertreters! Dass Trarieux, ein Protagonist aus dem Dreyfuss-Processe, ein Mann, der bei allen Processen anwesend sei, in welchen über die Ehre der Armee verhandelt werde, diesesmal nicht theilnehme, benützt er als unwiderlegliches Schuldzeugnis, und weil trotzdem das Gebäude seiner Schlüsse von Lücken klafft, so haranguiert er die zwölf einfachen Leute aus dem Volke, beschwört sie, den Säbel gegen seine Feinde zu schützen, um der Ehre der Armee willen die Angeklagten zu verurtheilen. Und die Geschworenen sprechen ihr: „Schuldig!" und achten nicht auf die Klagen und Thränen der armen Mutter, die in der Ekstase des Schmerzes die Geschichte von der Misshandlung erfunden haben soll. Die „Aurore" hat verleumdet, und Marquis Solanges ist ein „ehrenwerter Mann". Nur im Zusammenhange mit den Vorgängen des öffentlichen Lebens finden wir den Schlüssel zu dem Seelenleben des „einfachen Mannes aus dem Volke", welcher zwischen dem. was Gewissen- und Gedankenlose als Ehre der Armee bezeichnen, und dem, was seine innerste Ueberzeugung und gerade Schlichtheit ihm vorschreiben, wählen soll. Die Geschwornen, welche das verdammende Urtheil gefällt haben, sind nur ein Theil der Gesellschaft, und diese ist ein Product der geistigen und sittlichen Kräfte, welche im Volke thätig sind. Die Erziehung, welche Frankreich seit 1870/71 geniesst, trägt die Schuld an dem verderblichen Walten zerstörender Mächte, des zum Chauvinismus gesteigerten nationalen Selbstgefühles und der unseligen, fortwährenden Furcht vor dem ' deutschen Nachbar. Die kleinen und die grossen Kinder in Frankreich kann man noch immer in Furcht setzen, wenn