Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 3 (19.1.1900)
- Article
- Rothschilds Colonien
- Date
- 1900-01-19
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & sich dann keine Rechnung mehr auf ihn machen können. Die Sache ist ziemlich umständlich verclausuliert, aber das ist d^r Kern. Mit einem Worte: Edmund Rothschild sieht ein, dass er mit der „wohltliätigen" Methode nicht einmal seine mühsamen Colonien, nicht einmal seine 470 Familien beglücken — geschweige denn die Judenfrage lösen konnte. Uns ist das nichts Neues. Uns überrascht es nicht. Wir politische Zionisten haben das seit Jahr und Tag in unseren Versammlungen, Co gressen, Zeitungsartikeln, Broschüren und Briefen deutlich angesagt. Ich selbst hatte mit beiden Colonisationsbaronen Unterredungen, in denen ich ihnen die kommende Entwicklung schon vor Jahren so vorhermeldete, wie sie nun wirklich eingetroffen ist. Dem Hirsch erklärte ich, dass sein argentinischer Versuch nichts anderes vorstelle, als eine Art Königs-zrab. Er stifte sich ein Denkmal in der Form von jüdischen Dörfern in Südamerika, aber die Lösung der Judenfrage sei das nicht. Dem Rothschild sagte ich, dass er mit seiner Kleincolonisation auch nichts ausrichten werde. Grosse Dinge kann man nicht kleinlich unternehmen. Dasselbe, was als Volkssache in sich die Bürgschaft des Gelingens trage, sei hoffnungslos, wenn es in dieser geringen philanthropischen Weise angefangen werde. Wenige Jahre sind vergangen. Die Vorhersagung ist buchstäblich eingetroffen. Der argentinische Versuch des Baron Hirsch ist bereits als undurchführbar erkannt, von der „Jca" selbst als hoffnungslos eingesehen worden — und die Bewohner der argentinischen Dörfer Hirsch sind eifrige Zionisten! Und Edmund Rothschild ist gezwungen, die Weiterführung seiner Colonien anderen Händen zu übertragen. Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, dass auch in seinen Colonien unsere Ideen die vorherrschenden sind. Ob die anderen Hände, wel he jetzt die ökonomischen Schicksale der Rothschild'schen Colonisten unmittelbar dirigieren werden, die ri htigen sind, das können wir heute noch nicht beurtheilen. Jedenfalls wünschen wir ihnen den besten Ei folg und werden sie gerne in ihrer Wirksamkeit unterstützen, so weit es an uns liegt. Die Sanierung und Existenz dieser Colonien ist wie die aller anderen palästinensischen Colonien eine Sache, die jedem wahren Zionisten am Herzen liegen muss. Der Absatz der Producte, welche die braven Ackerbaupionniere des jüdischen Volkes auf der heiligen Scholle erzeugen, kann durch unsere grosse, überallhin dringende Propaganda nur gefördert werden. Indem wir den Frücht« n dieses Fleisses zur Verwertung helfen, tragen wir dazu bei, unseren wackeren palästinensischen Bauern die Selbständigkeit zu verschaffen, die sie brauchen, wenn sie körperlich und moralisch freie Vollmenschen werden sollen. Die Entstehungsart der philanthropischen Colonien hat es mit sich gebracht, dass man diese Bauern ein bisschen von oben herab ansieht. Aber es muss doch betont werden, dass man arbeitende Menschen nicht wie Bettler betrachten darf. Wenn ein solcher Colonisationsbaron ganz zweifellos von idealen Beweggründen geleitet worden ist, so ist es gewiss auch der Colonist selber gewesen. Die Leute, die den lange' verwahrlosten Boden mit begeisterter Arbeit urbar gemacht, mit Sümpfen und Fiebern gekämpft, Opfer an Leib und Leben gebracht und endlich bewiesen haben, dass der Jude ein Bauer sein kann und es in Palästina sein will — diese Leute sind gewiss als Idealisten nicht minder hoch zu schätzen, als die Millionäre, die tiet in die Tasche gegriffen haben. Auch wenn man dem Colonisten bei der Ansiedlung geholfen hat, unterscheidet er sich doch sehr vom Welt*« Nr 3 Empfänger milder Gaben, und zwar durch das sitl liehe Merkmal der Arbeit. Umso befremdlicher muss der Ton wirken, der in d^r Anglo Jewish Association bei der Besprechung der Rothschild'schen Colonienübergabe von einigen Personen angeschlagen wurde. Die Anglo Jewish Association ist eine Körperschaft in London, welche einen Theil der Jca-Actien besitzt und dadurch in die Lage gekommen ist, über die Rothschild - Colonien sich zu äussern. Der Präsident Mr. Claude Montefiore hat erst unlängst eine vielbemerkte Rede gehalten, die man als deutliche Annäherung an di-n Zionismus auslegte. Hingegen sind andere Mitg ieder dieser Vereinigung noch recht erbittert gegen unsere Bestrebungen, und sie befürchteten, dass die Uebernahme palästinensischer Colonien als eine Capitulation vor dem Zionismus erscheinen könnte. Es ist höchst charakteristisch für unsere Opponenten, dass sie die von uns vorgeschlagenen Wege gehen, aber sich mit Händen und Füssen dagegen sträuben, dass es unsere Wege seien. Nun, uns genügt es, wenn wir den richtigen Weg betreten sehen; Eigenliebe oder Rechthaberei wäre in einer solchen Sache recht übel angebracht. Wir wollen auch nur nebenbei dem Bedauern Ausdruck geben, dass bei dieser Gelegenheit in der „Anglo Jewish Association" die offenkundig unrichtige Behauptung fall jn konnte: Der Zi 'nismus habe den Juden in Russland und Galizien geschadet. Jeder weiss, dass dies nicht wahr ist. Das Gegen'heil ist richtig. Zwar hat der Zionismus eine materielle Besserung der Judenlage noch nirgends herbeigeführt — und hierin gleicht er den anders gearteten Bestrebungen unserer Gegner — aber wir sind ja nicht am Ziele, wir sind erst unterwegs; die materielle Besserung kann man vernünftigerweise doch erst erwarten, wenn der Zionismus ans Land steigt Und dabei ist schon jeizt in moralischer Beziehung eine höchst vortheilhafte Wirkung auf unsere Massen unverkennbar.* Der Zionismus bedeutet schon heute eine Aufrichtung, eine Hoffnung von belebender Kraft. Wahrlich, wer die Schicksale der schwergeprüften Judenheit mit grösserem, freierem Blicke zu betrachten fähig ist, der kann nicht behaupten, dass die Juden sich des Zionismus zu schämen brauchen, oder dass er Schaden angerichtet habe. Eher könnte man finden, dass der Ton, den einzelne Sprecher in der ,Anglo Jewish Association" anschlugen, das jüdische Gefühl verletzen muss und nicht geeignet ist, das Ansehen der Juden bei der Aussenwelt zu erhöhen. Ein gewisser Hermann Landau sprach ungemein wegwerfend von Palästina als vom „Lande der Bettler". Und der C.hiefrabbi Adler machte eine furchtbar ti'-fv! Verbeugung vor dem „allmächtigen Namen Rothschild**. Das Wort „allmächtig" in Verbindung mit Geld mag ja gemeiniglich gebraucht werden, im Munde eines Seelsorgers von solcher Stellung berührt es eher peinlich. Indessen hat es sein Gutes, dass sich unsere Gegner durch ihre eigenen Worte zu erkennen geben. Das Volk weiss so doch, woran es ist. Bettler müssen sich diesen Ton vielleicht gefallen lassen, ehrlich arbeitende und strebende Menschen aber nicht. Der ganze höhere Sinn des Colonisationswerkes gienge ja unrettbar verloren, wenn unsere Bauern die Unterstützung ihrer Arbeit nur um den Preis von Demüthigungen erhalten sollten. Es gibt in Palästina noch andere jüdische Colonien als die Rothschildschen. Sie haben weniger gekostet und sind doch früher selbständig geworden, und in diesen freieren Ansiedlungen gedeihen rüstigere Menschen. Es sei nur