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Die Welt · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Article
Rothschilds Colonien
Date
1900-01-19
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 „Die 2$ Welt" Seite 3 die Colonie Rechoboth genannt, die jeder, der sie pesehen hat, hoher bewerten muss, als zum Beispiel das kostspielige Rischon le Zion. Aus den Erfahrungen, die in den Golonien der Millionäre gemacht wurden, lässt sich manches lernen. Viel Geld wurde in zweckloser Weise ausgegeben, das bei kluger Verwendung der allgemeinen Sache ganz anders hätte nützen können. Es hat eine Zeit gegeben, in der man von einer Colonisations-Rivaiität zwischen Hirsch und Rothschild sprach. Es war immerhin ein edlerer Wetteifer, als wenn sie einander bei Pferderennen oder in sonstigen Luxusausgaben zu überprotzen versucht hätten. Aber vernünftiger wäre es gewesen, wenn sie von vorneherein Hand in Hand gegangen wären und alle Mittel zu einem planvollen Unternehmen vereinigt hätten. Schade um die verlorene Zeit. Jetzt hat sich durch die Kraft der Umstände die Vereinigung dennoch vollzogen. Rothschilds Werk geht in der Hinterlassenschaft Hirschs auf. Das ist aber keineswegs das Ende, sondern nur der Anfang. Alle jüdischen Colonisationszwecke müssen sich zusammenfinden, und sie werden sich zusammenfinden. Das liegt in der Natur der Sache, folglich wird es geschehen. Alle Werke müssen ein Werk werden, dann wird es gelingen. Von den Juden in Deutschland. Von Max Aram. Jüngst haben in Berlin zwei Processe stattgefunden, die auf die gegenwärtige Situation der Juden in Deutschland, gleichsam aus Riesenlaternen, einen grellen gelben Lichtschein warfen, ohne dass wenigstens der eine Process einen offenen Zusammenhang mit dem Judenthum hätte. Der Redacteur Sigmar Mehring von dem Witzblatte „Ulk" hatte aus Anlass des Dreyfusürtheiles unter dem Titel „Die feige That von Rennes" ein satirisches Gedicht publiciert, in dem auch der Einfluss der Jesuiten gegeisselt wurde, und war jetzt „wegen Beschimpfung von Einrichtungen und Gebräuchen der katholischen Kirche" zu 6 Monaten Gefängnis verurtheilt worden. Hier bezeichnet nun eine freisinnige Zeitung den Angeklagten, der doch ein Jude ist, als „Dissidenten" (wobei man an das denken mag, was Nordau in seinen. .Conventioneilen Lügen der Culturmenschheit" über die österreichischen „Dissidenten" in den Aulen der Universitäten sagt), und andere freisinnige Blätter, die das zum mindesten höchst auffällige Urtheil besprochen, setzten darüber die Ueberschrift: „Der Strafschutz für die Jesuiten". Auch andere, gemässigtere nationalüberale Blätter erwähnten nur die Beziehungen des Urtheils zu den Institutionen der katholischen Kirche, und ein Journalist gar sah mit der wunderlichsten Construction in demUrtheile einen Widerspruch gegen die Haltung' der deutschen Regierung in der Dreyfus-Affaire. Aber für einen unbefangenen Betrachter konnte es nicht verborgen bleiben, dass sich in dem unerhört strengen Urt heile Empörung darüber Luft gemacht hatte, dass ein J u d e es gewagt, christliche Institutionen zu verhöhnen. Wenn der Staatsanwalt Romen, der das Urtheil herbeigeführt, auch, wie das -Berliner Tageblatt" bekannt gab, ein orthodoxer Katholik und, wie wir hinzufügen können, längst durch Socialistenprocesse als ein fanatisch-extremer Reaetionär bekannt ist, so bleibt es doch nothwendig, zur Erklärung des Urtheiles das Judenthum des Angeklagten heranzuziehen. Der Staatsanwalt sagte ja auch, dass Juden nicht minder über das besagte Spottgedicht in Unwillen gerathen wären, und verrieth so seine geheimsten Gedankengänge. Die offenbare Ungewöhnlichkeit des Strafmasses, die in dem Urtheile lag und eben auf das Judenthum des Angeklagten zurückzuführen war, erregte aber nirgends einen Widerspruch. Wenn freisinnige Zeitungen davon Notiz nahmen, so hatten sie ja nur von dem „Strafschutz der Jesuiten" gesprochen, und das „Berliner Tageblatt" registrierte sogar den Widerspruch des evangelisch-orthodoxen „Reichsboten", der seinerseits aus separat-evangelischen Motiven gegen diese Beschützung der katholischen Kirche Stellung nahm. Es war das wunderlichste Verschleiern des wahren Sachverhaltes. Nur sollte der Schleier bald darauf zerrissen werden. Denn schon am nächsten Tage wurde der Rittergutsbesitzer v. Pückler aus Kl.-Tschirne, der in einer Berliner antisemitischen Versammlung aufgefordert hatte, „die Juden rauszuschmeissen" und „ihnen mächtig auf das Angesicht zu schlagen", trotz des entsprechenden Rechtsparagraphen (des § 130) freigesprochen. Nun konnte kein freisinniges Blatt mehr Pressstimmen eitleren, die ihrer Missbilligung dieses offenbaren Rechtswiderspruches Ausdruck gegeben hätten. Es blieb gar still um diese Symptome einer geradezu erstaunlichen antisemitischen Voreingenommenheit. Aber wir Zionisten haben keine Veranlassung, diesen Bezirk des Schweigens heilig zu halten, und mögen gerne die Gelegenheit benutzen, um darzulegen, wie unsicher und verbesserungsbedürftig die anscheinend so beruhigte politische Lage der Juden in Deutschland ist. Dabei muss den „deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens" eingeräumt werden, dass die private, die Umgangsformen und Lebensweise betreffende Assimilation der deutschen Juden bis zu einem erstaunlichen Grade von Jahr zu Jahr Fortschritte macht. Zumal ihre Umgangssprache unterscheidet sich nicht im geringsten von der deutschen. Nur noch in den Witzblättern (natürlich iti den billigen „humoristischen" Beilagen zu den kleinen Provinzial - Zeitungen, seltsamerweise auch in den „Fliegenden Blättern", „Lustigen Blättern" und sogar auch im „Simplicissimus") finden wir zur Erhöhung des komischen Effectes noch jenen Jargon, der den Juden zugeschrieben wird. Wenn in Theaterstücken, die die Wirklichkeit respectieren, jüdische Gestalten auftreten, (der Weinhändler und Hauswirt in Hartlebens „Hanna Jagert", der Commerzienrath m Wolzogens „Lumpengesindel"), so können nur noch die Namen daran erinnern, dass es Juden sind, und in Georg Hirschfelds Dramen, die jüdische Interieurs darstellen, werden diese, trotzdem sie mit photographischer Treue gezeichnet sind, von christlichen Zuschauern gar nicht als solche erkannt. Die Aehnlichkeit der Lebensführung ist auch den Christen nicht minder bewusst geworden als den Juden und hat bereits viel zu einer wahrhaftigen Assimilation innerhalb des privaten Lebens in Küche und Wohnzimmer beigetragen. Nur kann sich diese enge Assimilation allein an den eigentlich kleinbürgerlichen Schichten des deutschen Volkes vollziehen, an denen, die in Deutschland die freisinnigen und bürgerlich-demokratischen Parteien bilden (weshalb denn auch diese die am wenigsten antisemitischen Parteien sind). Wenn in der kleinen Provinzialstadt der sehr angesehene jüdische Kaufmann Warenlieferungen für die Garnison des Ortes hat, so verkehrt er gesellschaftlich doch nur mit dem Garnisonsinspector oder mit dem Lazareth-Inspector, die beide etwa einen Feldwebelrang haben. Wenn der allerwohlhabendste und angesehenste Jude des Städtchens, der etwa den Titel eines Commissionsrathes erhalten, einmal von einem Rittergutsbesitzer zur Besichtigung seiner

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