Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Article
- Volksthümlich und national!
- Date
- 1898-11-25
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 Bewohner als Söhne eines einzigen Hauses, und es war erlaubt, »Lasten" über die Straße zu tragen, warme Speisen oder auch Taschentücher. Man lese in Bernsteins köstlicher Novelle »Bügele der Magid" die tragikomische Geschichte vom durchbrochenen Eiruw nach, und man wird ermessen, welch eine Fülle volksthümlichen Lebens aus einer gezwungenen und eigentlich unehrlichen, jedenfalls haarsträubend spitzfindigen Gesetzesdefinition sich entwickelt hat. Ein schauriger, unheimlicher und bewunderungswürdiger Anblick: die Ghettojuden hatten keinen Boden, keine Heimat, keine Natur, und alle Quellen volksthümlichen Lebens schienen verschüttet. Aber sie schleppten mit sich von Ort zu Ort einen ungeheuren Folianten, der vor manchem Jahrhundert im fernen Babylonien entstanden war, und der ihnen nun alles ersetzte, die Ackerscholle, die Natur, die Dorflinde, Heimat, und aus rvelchem sie eine ungeahnte Fülle von zähen und langlebigen Bolkssitten entwickelten — alles das nicht Kinder der Natur, der Wiesen, Quellen und Bäume, sondern der abstractesteu grauen Begriffe. Bedeutsam war, wie mit Zunahme dieser emporwuchernden Bolksthümlichkert das historische und eigentlich nationale Bewusstsein immer mehr abnahm. Der einfache Preuße aus dem Volke wusste von seinem König nur Anekdoten, und der mittelalterliche Durchschuittsjude des Ghetto hatte keine Ahnung von der historischen Stellung und historischen Größe und historischen Bedenklichkeit des Königs David, von welchem er auch nur Anekdoten einer erstaunlichen Frömmigkeit zum besten gab. Die ganze Kraft der Judenheit richtete sich in jenen furchtbaren Jahrhunderten eben auf das Eine, was Noth that, auf die Schöpfung und Erhaltung der Bvlksthümlichkeit, so dass für wettere Dinge nichts mehr übrig blieb und das nattonale und historische Bewusstsein langsam abstarb. Natürlich entstand dadurch ein ungeheurer Defect, der die allem Volksthümlichen immanente Beschränktheit steigern musste, die übrigens noch dadurch verschärft wurde, das diese zahllosen Bolkssitten nicht in natürlichem Wachsthum ihrem Boden entsproßen, sondern ihr Dasein einer gewaltigen und unerhörten Spitzfindigkeit und Energie des Verstandes verdantten. Jeder Angriff auf dieses Werk schwerer und qualvoller Arbett wurde nun doppelt und dreifach als Frevel und Verbrechen empfunden, zugleich vom volksthümlichen und religiösen Fanatismus mit wahnsinniger Wuth zurückgewiesen. Hier liegt die Quelle unsäglichen Elendes, dem erst durch das Nationale Abhilfe geschaffen werden konnte, welches zugleich einen Gegensatz und eine Ergänzung des Volksthümlichen bedeutet. Der Unterschied zwischen einem Volk und einer Nation lässt sich am besten durch das wechselseitige Verhältnis zu den führenden Geistern illustrieren. .Für das preußische Bolksempfinden war der Sieger von Roßbach einfach der alte Fritz, für den Nationalpreußen dagegen war er Friedrich ■ d er Große, der größte Held und Feldherr seines Zeitalters, der Begründer einer europäischen Großmacht. Wir sehen, das Ideal ist abstracter, weniger anschaulich geworden, dafür aber auch vergeistigter und großartiger, es erschließt uns den Zusammenhang der Weltbegebenheiten. Eine eigentliche Hochcultur hat darum nicht die volksthümliche, sondern die nationale Empfindung zur Voraussetzung, weil es zu ihrem Wesen gehört, nicht nur an den Nächstliegenden Dingen haften zu bleiben, nicht nur mit Sprichwörterlebensweisheit sich zu begnüge«, sondern Fernblicke, in die Vergangenheit und Zukunft zu werfen, große allgemein giltige Gesetze auszuspüren und in wissenschaftlichen Formeln sestzuhalteu. Aber auch jedes eigentlich geschichtliche Leben ist ohne Nationalbewusstsein ganz unmöglich. Völker, nur Völker, begnügten sich, wenn nicht besonders schwerwiegende materielle Calamitäten dazwischentraten, in ihrem kleinen Umkreis zu wachsen, wie die Pflanzen, und sie ließen die fremden Eroberer kommen und gehen, ertrugen alle mit gleicher Geduld und Indifferenz. Eine Nation dagegen findet, solche Zustände unerträglich, empött sich immer wieder, bis sie das Joch zerbrochen hat. Und noch eine andere Seite liegt im Wesen des Nationalen verborgen, die dem nur Volksthümlichen ganz abgeht. Man wird sich vielleicht wundern, dass ich zu einer Zeit, wo die Dichter mit Vorliebe zu den einfachen Leuten gehen, dem eigentlichen. Volke jede bewusste Aefthetik aöspreche. Allerdings findet sich viel poetischer Rohstoff im Volke, der aber nur von einem höher gebildeten Dichter erkannt und genutzt werden kann. Das Volk selbst fühlt nicht ästhetisch, sondern moralisch, und seine heiligen Gebräuche entspringen nicht dem Schönheitssondern dem metaphysischen Gefühl. Dieser allgemeine Satz verttägt sich sehr gut mit gelegentlichen ästhetischen Ansbrüchen, öffentlichen Tänzen und Spielen, bei besonders keruhaften Raffen, und verträgt sich vollkommen gerade mit der jüdischen Volksrhümlichkeit, die ja nicht der Natur und dem Boden entsprang, sondern einem . riesigen Folianten voll abstracter Begriffe, und die darum auch einen schwermütigen, grauen Charakter niemals ganz vcrleugnete. Alle nationalen oder theilweise nationalen Bewegungen in der Judenheit setzten dagegen mit einem entschieden ästhetischen Zug ein, verkündeten mit jauchzendem Munde Glanz und Lebens- Ein erstes nationales Erwachen der mittelalterlichen Juden fand in Spanien statt, in der Blütezeit der maurischen Cultur, an welcher die Juden einen so reichen Antheil hatten. Da§ war eine eminent ästhetische Zeit, und ein großer Dichter griff in die Saiten der Leier und ergoß in heißen Liedern seine Sehnsucht nach Zion. Es war ein freies und geistreiches Geschlecht, abgeneigt der finsteren Askese, ganz hingegebeu dem fröhlichen, aber auch großen Lebensgenuss. Ans diesem Kreise erschollen zum erstenmal im Mittelalter Rufe der Sehnsucht nach nationaler Wiedergeburt. Bier Jahrhunderte vergiengen, bis zum zweitenmal ein nationaler Ausbruch stattsaud, der sich zu einem wahren Taumel steigerte. Sabbatai Zewi, dieser angebliche Messias, lehnte sich gegen alle Gesetze und Gebräuche, kurz gegen alles »Volksthümliche" aus und predigte bis zum wahnsinnigen Excess Glanz und Lebensfreude. Es war ein aufschießendes, wildes, wieder erwachtes Nationalbewusstsein, welches, wenn begabt mit politischem Sinn, gerade in jener Zeit sehr reale Erfolge hätte erzielen können, eine Grundlage für spätere Geschlechter. Leider war dieses neue Gesi'chl noch zu jung, um klug zu sein, sondern schlug wilde, wahnsinnige Purzelbäume und berauschte sich an seinereigenen Kraft in einer Weise, die den späteren Katzenjammerunvermeidlich machte. Ganz verloren gieng die Wirksamkeit des Sabbatai Zewi doch nicht, da durch ihn die gesamnrte Judenheir einen Stoß erhalten hatte, der noch lange nachzitterte, zahllose Secten entstehen ließ, zu denen, in weiterer Fernwirkung, wohl auch die Chassidim zu rechnen sind. Auch in dieser Secte scheint mir ein unendlich nationaler und darum ästhetischer Zug verborgen zu liegen. Tie Chassidim zeigten zu Anfang eine gewiffe Auflehnung gegen das „Volksthümliche",. gegen Ceremonialgesetz und Talmudjudenthum: sie predigten Lebensfreude und schufen sich das Institut der Wunderrabbis, welches nur, wenn etwas, den innerlich nationalen Zug dieser Secte enthüllt. Der Wuudcrrabbi ist umgeben mit Pracht und Glanz, ein mächtiger Mann, und ich wette, um kleine Anekdoten detäglichen Lebens, und wie er als simpler Mensch geht und steht, darum kümmert man sich-nicht, sondern ganz einfach nur um seine großmächtigen Wunderthatcn und um seine glanzvolle Herrlichkeit, von der ein Abstrahl auch aus seine Anhänger fällt. Es ist der unbewusste Drang nach Königen und nationalen Helden, welcher den Wunderrabbi geschaffen hat. Die letzte und wie wir hoffen, entscheidende Phase des „Jüdisch-Nationalen" ist der Zionismus, welcher gleichzeitig die Erbschaft der mittelalterlich-jüdischen Volksthümlichkeit zu liquidieren hat. Klar liegt auf der Hand, dass der Zionismus in erster Reihe nattonale Pflichten hat, und wenn wir auch hoffen und römischen, dass er sich immer mehr zu einer Volksbewegung entwickeln wird, so müssten wir es doch geradezu als ein Unglück bezeichnen, wollte er sich aus dem Nationalen in darein „Volksthümliche" zurückbilden. Das kann, das darf und soll er nicht. Aber eben so wenig kann es nun seine Aufgabe