Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Article
- Volksthümlich und national!
- Date
- 1898-11-25
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 47 in das VolkSthümliche zn übersetzen. Dass Friedrich II. Preußen zum Range einer europäischen Großmacht erhob, kümmerte das Volk sehr wenig, welches dafür sehr entzückt war, wenn es hörte, sein König habe auf einer Trommel am Lagerfeuer geseffen und, eingehullt in seinen Mantel, ein wenig geschlafen, wie ein gewöhnlicher Soldat. Oder wenn cs sich erzählte, wie der König in einem Kloster in die Mönchskutte schlüpfte und dadurch der feindlichen Gefangenschaft entgieng, oder wie er in Lissa durch seine Geistesgegenwart die feindlichen Officiere am Narrenseil hernmsührte, bis Hilfe kam. Und schließlich, die Hauptsache, man wusste, dass er ein kleiner gebückter Mann war mit dreieckigem Hut und Krücke, in verschlissenem Soldatenrock, und dass ans seinem verwitterten Antlitz wunderbar helle blaue Diamantenaugen strahlten. Das genügte dem Volk vollkommen, und wenn uns dieses treue Festhalten solcher anekdotischer Züge die welthistorische Gestalt auch menschlich näher rückt, so würde doch, wenn wir nicht auch aus anderen Quellen schöpfen möchten, gar bald nichts übrig bleiben von der unvergleichlichen Heldengröße König Friedrichs. Wie ihm ergieng es auch Bismarck, der erst dann . populär wurde, als man die legendären drei Haare entdeckt hatte. Bolksthümlich durch und durch, aber auch nur volksthümlich, waren die Juden seit Beginn des Golus bis zu Ende des achtzehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Ihr tägliches Leben war eingehegt von Sitten und Gebräuchen, die anschaulich genug vor dem gröbsten Auge lagen und sich als greifbar erwiesen für das dümmste Tastgefühl. Es fehlte nicht der entsetzliche Aberglaube und die schreckliche Borniertheit, eben so wenig aber die Poesie und nachhaltige Lebenskraft des Bolksthümlichen. Ich spreche vom Ghetto, dieser merkwürdigsten Culturerscheinung, deren Psychologie, trotz liebevoller Schilderung hochbedeutender Autoren, noch lange nicht erschöpft ist. Die Frau im Ghetto gieng mit kurz geschnittenem Haar, und wenn eine Eitle sich beifallen ließ, ihren goldenen, langwallenden Hauptschmuck vor der Scheere zu verbergen, dann brachen Unglücksfälle über die Gemeinde herein, und das bedeutete den Finger Gottes. Man überfiel die Sünderin und schnitt ihr gewaltsam das Haar ab. Im Leben mied man ihr Haus und nach dem Tode ihr Grab. Wer von den Männern den langen Rock und die Slirnlocken obzulegen wagte, der hätte als ein Abttünniger gegolten und wäre zusammengcbrochen unter der Wucht des Hasies seiner Volksgenossen. Und wie in der Tracht, so in der ganzen Lebensführung. Es enttvickelte sich eine Fülle von Gebräuchen, die sich im Bolksbewusstsein ganz mit Moral und - Metaphysik durchtränkten und deren Vernachlässigung daher als eine ethische Mchtswürdigkeit empfunden wurde. Die Früchte dieser Weltanschauung sind uns allen zur Genüge bekannt. Wir schätzen und lieben die Poesie des Ghetto, wir wissen, dass die eigenartige jüdische Idylle, diese wundersame Mischung von Innigkeit und spitzfindigem Scharfsinn, aus diesem Boden erwachsen ist, und wir berauschen uns noch jetzt gelegentlich an dem Duft dieser fremdartigen Blume. Aber wir vergefien auch das Elend des Ghetto nicht, den Schmutz des Leibes und der Seele, der um so verheerender wirkte, weil dieser jüdischen Bolksthümlichkeit gerade das Beste fehlte, die Natur — der uralte Baum vor der Hausthnre. Die Juden waren eingesperrt in besonderen Quartieren. Sie durften an vielen Orten öffentliche Plätze und Wege nicht betreten, wo es Grünes und Blaues zu sehen gab. knospende Bäume und ein Stück vom Himmelsdach, welches bekanntlich in die mittelalterlich engen, dumpfen Gassen nur spärlich hineinschaute. Wie viel weniger erst noch in die Judenstadt, deren Bewohner überdies niemals in ruhiger Sicherheit mit ihrer Umgebung verwuchsen, sondern jederzeit gefasst waren, den jeweiligen Aufenthaltsort als Verbannte und Vertriebene in wilder Flucht zu verlassen. Dennoch fehlte gerade die Vorbedingung aller Bolksthümlichkeit, der Boden, der Erdgeruch, die fest umgrenzte Localität, aus welcher sich dann die Volkssiltcn entwickelten, wie Gräser und Getreide aus der Bauern schölle. Wo, in aller Welt, sollten die Juden einen Boden finden, die rastlos gehetzt wurden vom Euphrat bis zum Quadalquivir, von dort durch Frankreich und Deutschland bis ttef nach Polen hinein? Wo gab es da einen Halt, und wo genug Unbefangenheit, Schlichtheit und Naivetät, um eine urwüchsige Volkssitte zu entwickeln? Nirgends! Trotzdem aber war es für das Judenthum jener Tage geradezu eine Existenzfrage, volksthümlich zu sein. Die Höherformen des Daseins, Staat und Nation, waren verschwunden nnd konnten, wie die Berhältniffe einmal lagen, schwerlich erneuert werden. Die Grundformen aber, gleichsam die Zellen, mussten weiterbestehen, wenn auch zunächst ohne politisches und historisches Bewusstsein. Wir haben es in unserem Jahrhundert mehrfach erlebt, dass todtgeglaubte Nationen urplötzlich wieder aufstanden und zu organisierten Staatengebilden heranwuchsen. Ich spreche nicht von Deutschen und Italienern, denen zwar, infolge äußerer Verhältnisse, die Einheit mangelte, nicht aber ein klares Bewusstsein und tiefes, politisches Nattonalgefühl. Wie anders die Griechen, die Billgaren, die Serben, oder, in unseren Tagen, die Czechen! Diesen Splittern war durch Jahrhunderte jedes nationale Bewusstsein abhanden gekommen, und sie bewahrten nur gewiffe uralte Sitten und Gebräuche, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbten und eine Mauer des Unterschiedes zogen zwischen dem betteffenden Bolksstamm und seinen lieben Nachbar::. Das genügte und bewahrte vor dem Untergang und ermöglichte, als die Zeit sich erfüllt hatte, eine nationale Wiedergeburt. Unmöglich also konnten die flüchtigen und zerstreuten Juden, wenn sie die Hoffnung auf Wiedergeburt nicht fahren ließen, ihre Bolksthümlichkeit preisgeben, ihre Sitten und Gebräuche. Im Heimatlande oder sonst in einem bestimmten Erdwinkel wäre ihnen diese Aufgabe kaum schwerer gefallen, als den Serben, Griechen und Bulgaren. Nur: aber, da ihnen die Scholle fehlte und die Dorflinde, wuchsen diese Schwierigkeiten ins Ungeheure, und der jüdische Geist in dieser Noth fand einen Ausweg, der uns noch heute mit Staunen, mit Schreck und Bewunderung erfüllt. Er setzte an die Stelle der Ackerscholle — den Talmud, an die Stelle der Bolkssitte — das Ceremonialgesetz. Das Abstracteste, was eS geben kann, dialectisch-juridisch-theologische Spitzfindigkeiten mussten dazu herhalten, das Concreteste, den Erdboden einigermaßen zu ersetzen. Die Mechode war, dass alle geistreichen Spitzfindigkeiten und alle ttefen geistvollen Motte, die sich in Bibel uud Talmud fanden, im gröbsten und wöttlichsten Sinn genommen wurden. Man mag sich darüber entsetzen, dass die schöne Hyperbel, man solle das Gesetz zwischen Sttrn und Augen haben, mit anderen Worten immer ttef im Gedächtnis und in der Ettnnerung, dazu gebraucht wurde, die Gebttriemen zu erfinden. Aber man wird zugestehen, dass diese Erfindung mit einem Schlage eine Kette von handgreiflichen Sitten und Gebräuchen entwickelte, die zwar seltsam und verzertt waren, aber zugleich anschaulich uud vvlksthümlich. Am siebenten Tage, so gebot die Schrift, sollte ein jeglicher die Arbeit ruhen lasten sammt seinem Gesinde, seinem Ochsen und Esel. Diese so einfache Borschttft gab Anlass zu wahrhaft genialen Spitzfindigkeiten. Was ist Arbeit und was ist Ruhe? Jedenfalls muss doch das Lastttagen am Sabbath verboten werden? WaS aber ist eine Last? Schließlich durfte sich kein Taschentuch mehr am siebenten Tage in eine Tasche wagen, und wieder war eine Bolkssitte fertig, die an die Religion und Metaphysik anknüpfte u:ft> zugleich anschaulich und heilig war. Uebrigens galt dieses Verbot des Lasttragens in weitestem Sinn nur für die offene Straße, während innerhalb des Hauses mancherlei Erleichterungen gewährt wurden. Ja, aber was ist ein Haus? Hier ersann man Bräuche, die das Gesetz nicht verschärften, sondern linderten. Durch kühne Definittonen brachte man eS ferttg, zunächst eine von einer Mauer umfchloffene Stadt als ein Haus zu bezeichnen,' und wenn eine Mauer nicht vorhanden war, dann galt ein Stück Draht an Stelle der Mauer. Wenn sich von einem Dach zum andern oder im Umkreis um den ganzen Ott der Draht hinüberspann, dann galten sämmtliche