Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Article
- Volksthümlich und national!
- Date
- 1898-11-25
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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j>k£wdt: 9h. 47 sein, das jüdisch Bolksthümliche, welches mit so ungeheuren Anstrengungen im Mittelalter geschaffen wurde, brutal niederzutreten und zu zerstampfen. Nur wo dieses Bolksthümliche anmaßend wird, die erste Stelle beansprucht und dem nationalen Gedanken geradezu schadet, muss es schonungslos in den Staub geworfen werden. Sonst aber ist es Aufgabe des Zionismus, dieses Element dem neujüdischen Organismus an richtiger Stelle einznsügen und dadurch ein unerschöpfliches Neserroir zu schassen, aus welchem die Hochcultur immer neue Kräfte zieht. Um ein Beispiel zu gebrauchen: Wenn ich die historische Bedeutung Friedrichs des Großen in ihrer ganzen Tiefe und Fülle erfasst habe, so dass mein Geist sich in eine allgenieine und sehr rege Bewunderung verlieren will, dann wirkt es doppelt erfreulich, fast wir eine Offenbarrurg, wenn uns die gebückte Altsritzengestalt der volksthümlichen Legende entgegcntritt. Wir erkennen, dass dieser Gewaltige trotz alledem und alledem doch auch ein schlichter Mensch gewesen ist und gelitten und geduldet hat, wie wir alle. Unsere Bewuuchcrung. die sich nicht mindert, verwandelt sich in Liebe und Ehrfurcht, wir sind sicher, dass durch allen Wandel unseres Denkens und Schicksals dieser Mann als eine unverlierbare Gestalt hindurchschreiten wird. Und dem Mann aus dem Volke kann es wahrlich nicht schaden, wenn er in der Volksschule auch eine leise Ahnung vou der .historischen Größe des volksthümlichen Helden in sich ausdämmern fühlt. Ich sprach zu Anfang von der volksthümlichen Erfahrung, die ihren Niederschlag in kernigen Sprichwörtern findet. Der Mann der nationalen Cnltur stellt allgemeine Betrachtungen ans, die fich auch in einer allgemeinen Form äußern. „Die Wahrheit setzt sich in Marsch, und nichts hält sie zurück." Das hat einen prachtvollen, tönenden Klang, und entspringt aus einer tiefen Erkenntnis der nivralischen Gesetze in Staat und Gesellschaft. Wer aber kann es verbieten, dass mir bei. Betrachtung aller Phasen der Tragödie Dreyfus, auch eines der angeführten volksthümlich.n Sprichwörter beisällt: „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher. — Nichts so fein gesponnen, muss doch an das Licht der Sonnen. — Der Krug geht so lang zu Waffer, bis er bricht.“ Man fühlt sofort an diesem Beispiel, dass vvlksthümliche und nationale Ausdrucksformen sich wechselseitig heben und eräänseit. Jedes für sich allein verliert sich entweder in leere Allgemeinheit oder in allerengste Beschränkung um Einseitigkeit, während beide im Bunde, wenn nur das Volksthümlich: dem Nationalen den gebürenden ersten Platz cinräumt, eine höchste Blüte der Menschheit hervorzubringen vermögen. Warum soll sich der Zionismus diese Winke nicht zunutze machen? Er bewahrt, wo er es ohne Schädigung seines Lebensinteresses darf, mit liebevoller Hand Sitten und Vvlksgeücäuche, die sich in zahlloser Fülle im Mittelalter herausgebildet haben. Freilich muss jeder Zwang ausgeschlossen sein, eben so ab.-r jede sanittschr Anfeindung. Wenn das jüdische Volk wieder einen Boden urtter den Füßen hat und eine freie, eigene Natur, dann werden schon ganz von selbst viele dieser Sitten ihre Härte und Schwermüthigkeit verlieren, eine frische Lebensfarbe gewinnen. Dann werden auch die Helden der Vorzeit, die in mittelalterlichen Legenden zu frommen Rabbis geworden sind, im Bolksnrnnde eine fröhliche Auferstehung feiern, und man dürste singen und sagen vom jungen David, der den Goliath niederwarf, und die. Löwen des Gebirges mit feinem Speer durchbohrte, und ' auch die Lebensführung der Bolksmaffen dürfte einen mehr weltlichen Charakter annehmen. Warum soll sich dann neben der Sternwarte und neben dem Parlamentshaus nicht auch ein maimorweißer Tempel erheben? Das ist immer noch besser als die mittelalterliche Synagoge, Die Inden der Ghettozeit schufen eine etwas künstliche, aber sehr zähe, jüdische Bolksthümlichkeit, während der Sabbataismus und Chassidismus in seltsamer, abrupter Form zum erstenmal wieder, abgesehen von der kurzen Glanzepoche in Spanien, einem höheren Nationalgefühl zum Durchbruch verhalfen. Der Zionismus, die vorläufig und hoffentlich endgilng letzte Phase dieser Entwicklung, will sich da gegen auf beide Elemente stützen. Dem Nationalgefühl steckt er große politische Ziele und dem tiefgehenden, unsterblichen, jüdischen Bolksgefühl will er einen Boden, eine Localität geben, will er geben, was gerade der schlichten Volkssitte ganz unentbehrlich ist und ihr bisher versagt war — den hundertjährigen Baum vor der Hausthüre. G Aniittoniltischr Logik. Israel degeneriert, das muss wahr sein! Denn wenn unsere Gegner auch nur einen Hauch des Geistes hätten, der noch immer über dem Ghettoleben schwebt, so müssten sie einsehen, wie unsäglich lächerlich sie sich manchesmal machen. Israel degeneriert, das muss wenigstens so weit wahr sein, als bei unseren Gegnern die einstige Schärfe jüdischer Dialektik, die Fähigkeit, genau zu schließen, nicht mehr zuhause ist. Sprechen Sie diesen Leuten von Nationalismus, so argumentieren sie mit der Mission. Sprechen Sie von der aufs Aeußerste getriebenen jüdischen Situation, so antwortet man Ihnen: „Ihr Rettungsplan ist gefährlich." Stetten Sie die selbstverständliche Frage, ob etwa in anderer Weise geholfen werden könne, so versucht man. Sie mit der dunklen Prophezeiung zu erschüttern: „Aber Sie werden ja keinen Erfolg haben, und das ist noch schlimmer, als wenn Sie Erfolg hätten". Interessieren Sie sich aber für das abstruse Pcincip all' dieser Entgegnungen, so dürfen Sie versichert sein, dass die Herren plötzlich ein außerordentliches Jntereffe für die Details bekunden werden, welche die Durchführbarkeit des zionistischen Programms betreffen. Unlängst hatte ich die Kühnheit, einen Herrn zu bitten, mir zu erklären, wie er die vielen Widersprüche seiner Kritik zu lösen gedenke, und in welcher Absicht er eine zionistische Redephrase aus ihrem Context reiße und gleich einem Stück Kautschuk verzerre, und der Mann gab mir zur Antwort: „Ich Hab kein Vertrauen zu Ihren Führern!" Die Einen finden, dass die Bewegung zu viel Lärm mache, dass sie zu geräuschvoll auftrete, und ärgern sich darüber. Zehn Schritt von ihnen stehen die Leute, die eine Verwandtschaft des Zionismus mit einer Conspiration gegen den Sultan wittern, und sich auf unsere Kosten fürchten. Eine schreiende Conspiration! Und das ist die Erfindung von Leuten, die Nachkommen eines Talmud lernenden Volkes. Endlich in die Enge getrieben, nehmen sie ihre Zuflucht zn der Aufforderung, „Palästina zu colonisieren". Dass sie zu diesem Zwecke nichts Förderliches unternommen haben und unternehmen, ist außer Frage. Wie sie sich das denken, Palästina ohne die Zionisten zu colonisieren, sagen sie nichtt vielleicht . . . weil sie überhaupt nicht denken; oder sie verstehen vielleicht sich selber nicht ... In den Tagen, da die Spannung zwischen England und Frankreich schier unerträglich geworden und eine Krisis nnauswcichlich schien, führte ein geachtetes, canadisches Zeitungsorgan aus, dass ein Theil der canadischen Bevölkerung durch die erwähnten politischen Verhältnisse in einen schmerzlichen Conflict gebracht würden. Während nämlich der Patriotismus ihre Haltung gegenüber England nach der einen Richtung bestimme, so wären doch jene Canadier französischer Herkunft, die durch diese Zeitung vertreten werden (nebenbei sind die Herausgeber desselben mit dem gegenwärttgen canadischen Premierminister verwandt) Franzosen dem Gefühle nach. Aber sie wüssten, dass die Engländer sie verachten würden, wollten sie anders denken und sprechen, als ein ehrenhafter Mensch in solcher Situation naturgemäß dentt und spricht! Die Antizionisten aber sagen, ein Geschlecht, das unverfälschtes jüdisches Blut in den Adern hat, das mit jüdischen Jnsttncten und Gedanken ausgewachsen ist, handle unpatriotisch, wenn es seinen 'Zionismus bekennt und Palästina als das alt-neue Mutterland Israels in Anspruch nimmt. Die englischen Puritaner, denen in der alten Heimat der Hass das Herz verwundet, denen die wüthende Verfolgung die Leiber siech gcmacht hatte, zogen übers Meer und begründeten im