Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Article
- Die zionistische Abordnung in Palästina
- Date
- 1898-11-18
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 ja?$wcr Nr. 46 die allein imstande sind, den dort herrschenden sanitären Uebelständen abzuhelfen, lassen sich eben in kleinen Colonien nicht durchführen. Derlei ziemlich kostspielige, aber außerordentlich wichtige Arbeiten kann man nur dann unternehmen, wenn man des Bodens, den man assanieren will, auch sicher ist. Damit ist aber wieder nur gesagt, dass die „Schaffung einer öffentlich-rechtlichen gesicherten Heimstätte" allein geeignet ist, nicht nur die nationale Wiedergeburt sondern auch die physische Erstarkung unseres Volkes herbeizuführen. Ingenieur Josef Seidener. „Wasser und Schatten fehlen diesem Lande," sagte uns der deutsche Kaiser. Und das trifft den Nagel aus den Kopf. An dem Tage, wo sich Se. Majestät von Jaffa nach Jerusalem begeben hatte, war es besonders heiß. Das Thermometer zeigte 31 " C im Schatten und das war am 27. October. An diesem Tage war der Mangel an Wasser und Schatten sehr empfindlich. Ja, die Sonne von Erez Israel, die auf den Wanderer und Arbeiter im offenen Felde während des größten Theiles des Tages glühende Strahlen herunterschickt und ihn vergebens nach kühlem Schatten oder nach einem erfrischenden Wassertrunk schmachten lässt, dieselbe Sonne zeugt in den Gärten die schönsten Trauben, Mandeln, Orangen. Citronen, Oliven, und unter derselben Sonne gedeihen die besten Gemüse und das herrlichste Obst. Aber die Strahlen allein, trotz ihrer Energie, vermögen nichts ohne Wasser. Ueberall, wo man nur den kleinsten Spuren menschlicher Thätigkeit begegnet, findet man, dass sich die glühenden Strahlen mit Hilfe des Wassers bändigen und zum Wohl der Menschen ausnützen lassen. Man betrachte nur die Colonien. Wie Oasen in einer Wüste wirken sie auf den Reisenden im Heiligen Lande. Man fährt oder reist im Staube auf kalkigen oder sandigen, schlecht oder gar nicht gepflegten Wegen, und sieht in der Ferne einen saftig grünen Garten, aus welchem in der Sonne schimmernde weiße Mauern und röthliche Dächer herausragen. Das ist eine Colonie, und kaum, dass man den Boden derselben berührt hat, weht Einem schon ein kühler Wind entgegen aus den Gärten und Alleen; hier gibt es Wasser und Schatten, hier regt sich Arbeit und Geist. Hier sieht man einen großen Brunnen, der die ganze Colonie mit reinem Trink- und Spritzwasfer versorgt; das Wasser wird mit einem Schöpfwerk von einem Maulthiere zutage gefördert und in gemauerten Canälen oder in Fässern transportiert. Draußen aber bei den Arabern oder Fellachen kommt Einem ein unter der Last der gefüllten Eselshaut zu Boden gedrückter Mann entgegen, der ein Wasser bringt, welches aus einem nie gereinigten und Jahrhunderte alten Brunnen stammt. Man denke sich nur, wie so ein Wasser schmeckt. Leider sind noch in den Colonien Windmotoren, Pumpen und Wasserleitungen wenig in Verwendung, was wohl nur auf das gänzliche Fehlen von landwirtschaftlichen Maschinenfabriken zurückzusühren ist. Speciell für die Einführung der Windmotoren sind in Palästina die Windverhältnisse sehr günstig. Hier sieht man moderne Geräthe, einen Dampfpflug, eine Mähmaschine, die von Dampf oder starken Maulthieren gezogen werden, und dort draußen — den noch vor Jahrtausenden in Gebrauch gewesenen, aus einem Holzast hergestellten Pflug, dem ein Kameel und ein Esel vorgespannt sind, beide Wahrzeichen aller orientalischen Völker, die Bedürfnislosigkeit und die Trägheit. Hier sehen Sie in jedem Hofe einen Wagen, dort werden die schwersten Lasten unter Gejohl und Geschrei auf den Rücken der Menschen und Thiere transportiert. Wo man keinen Wagen verwendet, dort legt man auch keine fahrbaren Wege an, und thatsächlich fehlen solche meistens. Die Colonisten, denen die Mittel und die Macht fehlen, neue Wege und Brücken zu bauen, haben auch darunter sehr zu leiden. Sie müssen sich stellenweise in die bestehenden Verhältnisse fügen und ihre Products nach orientalischer Weise transportieren. Aus diesem Grunde sind auch die von den heute noch schlechten Häfen entfernteren Colonien gezwungen, nur leicht transportable Products zu erzeugen, was aber nicht immer das Vorthcilhasteste und Passendste ist. Was immer die Juden im Heiligen Lande betreiben werden, ob Agricultur, ob Industrie, oder beides zusammen, so sind für das Gedeihen des Landes vor allem gute Landstraßen, ein zweckentsprechendes Eisenbahnnetz und praktisch angelegte Häfen nothwcndig. . — Ist das Land gut bebaut? So lange man in der Ebene reist, sieht man noch bebaute Felder und in der Nähe der Städte Orangengärten und Olivenhaine. Dicht an der Küste aber sind meistens weit ausgedehnte Sandhügel zu sehen, die sehr an eine Wüste erinnern. Der Landstreifen längs der Küste wird im Laufe der Jahrhunderte immer breiter und nichts, gar nichts geschieht, um diese Verwüstung zurückzuhalten. Sandige Wolken erheben sich bei dem leisesten Wind, die Sandhügel wandern und verwüsten fruchtbares Land, der Sand sperrt den Flüssen den Weg zürn Meere ab und so haben sich Sümpfe gebildet, aus denen fiebererregende Ausdünstungen ins Land ziehen. Dass man den Sandwanderungen Halt gebieten, bie. Sümpfe anstrocknen und die so gewonnenen großen Flächen nutzbar machen kann, braucht man nicht erst zu beweisen. In den Culturländern sind es längst bekannte Thatsachen. — Und wie steht die Sache im Gebirge? Die Landschaft ändert sich plötzlich, wenn man von der Ebene ins Gebirge kommt. Der mächtige Eindruck, den das von tiefen Thälern und Schluchten durchbrochene felsige Gebirge auf den Reisenden macht, wird dadurch abgeschwächt, dass man da nur selten Spuren menschlicher Cultur begegnet. Der Winterregen wäscht von den Berglehnen den sich im Laufe des Sommers bildenden Humus ab und trägt ihn fruchtlos ins Meer. Nur an denjenigen Stellen, wo sich zufällig zwischen den Felsen ein bisschen Erde erhalten hat, sieht man, wie geradezu aus den: Stein heraus Bäume wachsen. Dann und wann trifft man Spuren verschwundener Terrassen an. In der Nähe von größeren Ortschaften und Eisenbahnstationen sieht man auch neuangelegte und mit Olivenbäumen bepflanzte Terrassen, welch letztere ja den Zweck haben, das Verschwinden des Humus zu verhindern. Hier fehlen Geist und Arbeit, denn mit nur wenigen Ausnahmen könnten sämmtliche Berglehnen durch Anlegen von Terrassen fruchtbar gemacht werden. — Gibt es im Gebirge Wasser? Allerdings sind im Gebirge nur wenige Quellen vorhanden. Aber die Beschaffenheit der Thäler und Schluchten ist eine derartige, dass man da leicht Thalsperren anlegen kann, und zwar so, dass jedes Thal in seiner Längsrichtung durch mehrere Quermauern, welche eventuell auch mit Schleusen versehen werden können, in Stücke entsprechender Länge getheilt wird. Es wird dadurch eine Reihe von Teichen gebildet, die sich während der Regenzeit mit Wasser füllen werden.. Dieses Waffer kann dann entweder durch eine besondere Canalisation oder durch Pumpwerke auf die Berglehnen gebracht und nützlich verwendet werden. Der Schlamm, der sich am Grunde dieser Teiche sammeln wird, kann während der Trockenzeit auf die Terrassen gebracht werden und ist dann der beste Dünger. Zur Aufbewahrung des Trinkwassers können ja in Felsen gehauene oder aus Mauerwerk hergestellte Cisternen dienen, wie man solche in Jerusalem überall sieht. Wenn aber die Berglehnen Judäas und Galileas einmal