Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Article
- Die zionistische Abordnung in Palästina
- Date
- 1898-11-18
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
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t*it. 46 JPi^Wdf Seite 6 bepflanzt sind, dann wird das ohnehin milde Klima geradezu als Lustcurort dienen können. — Woraus die Häuser gebaut werden? Ziegelsteine werden selten verwendet, weil man einerseits im Lande keinen guten Thon hat und andererseits auch das importierte Brennmaterial insolge der mangelhaften Transportverhältnisse zu theuer zu stehen kommen würde. Dagegen besitzt man dort Kalkstein, den man beinahe überall und in den verschiedensten Härtegraden findet, aus welchem man auch einen ausgezeichneten Kalk bereitet. Holz wird wohl noch sehr lange aus Europa gebracht werden müssen, denn Erez Israel ist beinahe ganz entwaldet und es wird noch lange dauern, bis man eigenes Bauholz in genügender Menge haben wird. Es ist aber noch überhaupt fraglich, ob es nicht vortheilhaster sein wird, den guten Boden für passendere Pstanzenarten wie z. B. Tabak, Baumwolle und sonstige Colonialsrüchte zu' verwenden, als für Bauholz. Infolge der Kostspieligkeit des Brennmaterials und des Mangels an Capital konnte sich auch bis jetzt die Industrie nicht entwickeln. Da die Colonisten während des Spätsommers freie Zeit haben, so könnten auch verschiedene Hausindustrien eiugeführt werden, die aber jetzt wegen Mangel an Kenntnissen, an Material, an Werkzeugen und an mechanischer Kraft noch sehr wenig gepflegt werden. Aber auch ohne billige Kohle kann in diesem Lande eine Industrie gedeihen, denn es lässt sich die Kraft verschiedener Flüsse, und speciell die des Jordanflusses, dienstbar machen und mittelst Elektricität weit im Umkreise billig veriheilen. W Der deutsche Sailer i« Miliweh-Ssrael. Der Jngenienragronom und Lehrer in Mikweh-Jsrael, Josef I. Einhorn schreibt unter dem 28. October dein „Hamelitz" über den Empfang des deutschen Kaisers in der Ackerbauschule der Alliance und berichtet dabei Folgendes: .... Unter den zum Empfange Herbeigeeilten befand sich auch Tr. H e r z l, welcher zwei Tage zuvor mit Herrn Dr. Bodenh e i m e r, Dr. S ch n i r e r und Herrn W o lf f s o h n hier angekommeu war. Als der Kaiser heraukam, begannen die Schüler die deutsche Hymne „Heil Dir im Siegerkranz" zu singen. Seine Majestät der Kaiser hielt sein Pferd an, und als er in diesem Momente Herrn Dr. Herz l, der abseits in der Nähe des Thorcs unter den Zuschauern stand, erblickte, wendete er plötzlich sein Pferd und ritt auf ihn zu, reichte ihm huldvoll die Hand und sprach mit ihm einige Zeit, Auch ihre Majestät die Kaiserin und die ganze Suite blieben während des Gespräches stehen. Nach Beendigung des Gespräches reichre der Kaiser nochmals Dr. Herzl die Hand, auch die Kaiserin grüßte huldvoll mit einer Neigung des Hauptes. Dann passierte der Zug die aufgestellten Schüler, welche Hurrah riefen. Die Majestäten dankten mit Kopfneigeu den Rufenden. Dann sangen die Schüler die türkische Hymne. Schon zwei Tage vorher hatte die Gemeinde Dr. Herzl aufs freudigste begrüßt. Tr. Herzl besuchte noch am Tage seiner Ankunft die Allianccschule, befragte die einzelnen Schüler um ihre Namen, ihre Heimat, den Bern: ihrer Eltern und ihre Familie und verweilte eineinhalb Stunden in der Schule. Bon Arikweh aus besuchte er mit der zionistischen Abordnung die Eolvuien Rischon Lezion und Rechowoth, kehrte dann nach Jaffa zurück und von dorr wieder nach Mikweh, wo er, wie erzählt, vom Kaiser angesprochen wurde". K. G Berliner Brief. Von Redivivus. Der Fink hat wieder Samen. Diesen Jubelruf stieß ein preußischer Fortschrittsmann — Franz Ziegler, glauben wir — vor vierzig Jahren aus, als wiederum eine liberale Mehrheit in die preußische Volksvertretung einzog. Und das Wunder, das sich an dem armen liberalen Finken ereignet hatte, hielt eine geraume Weile an. Dann aber schrumpfte es immer kläglicher ein, und jetzt frohlocken unsere Freisinnigen sogar schon, weil sie sich aus einer Minderheit von zwanzig in eine Minderheit von fünfunddreißig Stimmen verwandelt haben. Und die Juden? Es wird wieder ein Jude — einer, wohlgemerkt — in der neuen Kammer sitzen, der bekannte Gewerkschaftspolitiker Dr. Mar Hirsch, der in Berlin durchgebracht wurde. Darüber herrscht nun große Genugthuung unter unseren Juden vom Alexanderplatz bis zum zoologischen Garten, und nach dem Wahltage fehlte nicht gar viel dazu, so hätten sie Victoria geschossen. Ja, sie sind sogar wie durch ein Wunder von dem zaghaften Misstrauen gegen die Freisinnigen curiert, das sich bereits in ihre Seelen eingeschlichen hatte. Nun soll gewiss die denkwürdige Thatsache nicht unterschätzt werden, dass unter vierhundertdreiunddreißig Volksvertretern wieder ein Jude — einer, wiederholen wir — Platz gefunden hat. Ihre Bedeutung soll auch dadurch nicht beeinträchtigt werden, dass der zweite jüdische Candidat in Berlin, Dr. Friedemann, verworfen wurde, weil er — horribile dictu! — gewagt hatte, in einer Wählerversammlung zu sagen, es müsse nicht bloß der „Reaclion von oben", sondern auch der „Reaction von unten" entgegengetreten werden. Man darf sich doch aber wohl seine schüchternen Gedanken machen über die trostlose Genügsamkeit, zu welcher das einstige Selbstbewusstsein der „Assimilierten" zusammengeschrumpft ist, denen ein wahrer Angstschauer über den Leib lief, als ihnen vor dem Wahltage zugerufen wurde, dass „confessionelle Candidaturen" nicht geduldet werden dürften. Diese sublime Distinction bereitete ihnen unsägliche Pein, dass ein Jude zum Abgeordneten gewählt wird, obgleich er ein Jude ist, das lässt man sich, wenn es eben nur bei einem bleibt, immerhin noch gefallen: aber dafs ein Jude gewählt wurde, weil er ein Jude ist, dagegen verwahrt inan sich, als ob es ein Sacrileg am Staate wäre. Keine confessionelle Caudidatur! lautet die Schreckensformel, vor welcher die stolzen Berliner Juden wie Taschenmesser zusammenklappen. Es ist also Dr. Max Hirsch gewählt worden, obgleich er ein Jude ist, und Dr. Friedemann ist durchgefallen, weil er ein Jude ist. Oder was auf das Nämliche hinauskommt: von dem Dr. Friedemann wurde gewärtigt, er tonnte sich bisweilen erinnern, dass er ein Jude sei und als solcher im Abgeordnetenhause für die Juden cintreten müsse: dem Dr. Hirsch, der völlig in seinen socialpolitischen Arbeiten aufgeht, traut man eine solche Verwegenheit nicht zu, und deshalb wurde nicht Friedemann, sondern Hirsch gewählt. Als das kleinere von drei Nebeln sozusagen! Der politische Effect ist. dass die Juden für weitere fünf Jahre auf die parlamentarischen Sachwalterdienste Virchows, Richters. Traegers, Munkels angewiesen sein werden, was ja im Grunde immer noch bis zu einem gewissen Grade beruhigend wäre, wenn nur nicht eine so tiefe Demüthigung darin steckte, dass das offene Bekenntnis zum Judenthum die parlamentarische Selbstausschließung bedeutet. Diese Demüthigung ermisst man in ihrer ganzen Deutlichkeit, wenn man einige Thatsachen der letzten