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Die Welt · 1898-10-21 · 42 (21.10.1898) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
42 (21.10.1898)
Article
Eine jüdische Protestversammlung
Date
1898-10-21
Page
9 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 42 PKs&WdC Seite 9 die Aeußerung des Ministers dienen, welche Hofrath K a r e i s der Versammlung mittheilte. Der Unterrichtsminister habe sich in folgender Weise geäußert : Er könne nicht leugnen, dass es Umstände und Verhältnisse gebenkönne, einzelne Fälle, in denen die confessionellen Classen sich als eine Nothwendigkeit Herausstellen. Wer das seien nur vereinzelte Fälle. Gegen einen Versuch, diesen Erlass zur Regel zu erheben, müsste er als Unterrichtsminister sich stellen. (Beifall.) Nach Hosrath Kareis ergriff Architect Oskar Marmor e ck das Wort zu folgender Rede: Verehrte Versammlung! Vor einigen Tagen hörte ich eine Anecdote, die Sie mir, meine geehrten Herren, anzusühren gestatten wollen: Czar Alexander II. besuchte einst ein Lustschloss, das nur selten die kaiserliche Familie beherbergte. Da sah er eine ^childwache vor einer Wiese aufgestellt; aber er konnte sich die Ursache dieser Wache nicht erklären. Er fragte den Adjutanten, dieser den Hosmarschall, dieser den Schlosshauptmann, aber keiner konnte Antwort geben. Das reizte nur immer mehr die Neugierde des Kaisers, der den Auftrag gab, auszuforschen, warum diese Wiese bewacht werde. Da ergab sich folgender Sachverhalt: Kaiserin Katharina II. hatte auch einmal in diesem Lustschlosse einige Tage zugebracht und aus der in Rede stehenden Wiese ein Veilchen entdeckr, das ihr so gefiel, dass sie den Auftrag gab, eine Wache aufzustellen, damit das Blümlein nicht zertreten werde. Die Blume ist längst verdorrt, die Kaiserin längst gestorben; Jahrzehnte um Jahrzehnte sind dahingegangen: die Wache zog aber immer vom neuen vor der Wiese aus. Dieser Schildwache gleichen die Juden. Die Verfassung, die sie seinerzeit mit erringen halfen, ist durchlöchert an tausend Stellen, und wenn sie auch noch de jure besteht, de facto ist sie längst nichts mehr als ein Stück Papier, an das niemand mehr glaubt . . . Die Juden stehen aber noch innner Schildwache vor der Verfassung. Die interconfessionelle Schule ist längst nur mehr leerer Schall und hat der clericalen Schule Platz gemacht, aber die Juden wollen die Fiction nicht aufgeben, als ob sie noch bestünde. Wie Shylock auf seinen Scheine, berufen sie sich auf das Gesetz, das verletzt worden sei ... . und es hätte doch nicht einmal der eminent scharfsinnigen und geistreichen Ausführungen des Herrn Abg. Dr. Ofner bedurft, um das zu wissen. Wer ein Gesetz ist nur dann lebendig, wenn es im Volksaemürhe lebt; wo diese Resonanz verloren ist, ist auch das Gesetz nur leerer Schall. Das christliche Volk will heute einmal von der interconfessionellen Schule nichts wissen (lebhafter Widerspruch seitens eines Theiles der Versammlung, Beifall von anderer Seite) ... ja, meine Herren, mit dem Widerspruche leugnen Sie doch die Thatsache nicht aus der Welt, dass unsere nichtjüdischen Mitbürger in ihrer Majorität die factische Hinwegräumung des letzten Restes der interconfessionellen Schule" ganz ruhig, ohne jede Erregung hinnehmen, sie sogar freudig - begrüßen, und die Protestversammlungen, von denen Herr Hofrath Kareis sprach, waren nichts anders als sehr schwachbesüchte Versammlungen von einigen sogenannten liberalen Vereinen, in denen die Juden die Majorität bilden. Das ist das Traurigste an der traurigen Lage der Juden, dass sie mehr als über das an ihnen begangene Unrecht darüber entrüstet sind, dass die Fiction, in die sie durchaus sich hineinleben wollen, als ob die gesetzlich stipulierte Gleichberechtigung thatsächlich bestünde, wieder einmal beseitigt ist. Seit mehr als 20 Jahren werden die Juden systematisch auf allen Linien mit den schärfften Waffen und den brutalsten Mitteln angegriffen. Aber ihre hauptsächlichste Sorge ist nicht etwa des Angriffs muthig sich zu erwehren, sondern nur die Außenwelt glauben zu machen, dass dieser Angriff ein vereinzelter, vorübergehender sei. Die Juden sind ausgeschlossen aus fast aller Gemeinschaft ihrer christlichen Mitbürger, aus Vereinen und Gesellschaften, aus öffentlichen Aemtern und Ehrenstelllwgen. So bilden sie denn eigene Vereine und Gesellschaften, in"welchen sie sich aber nicht stolz auf sich selbst zurückziehen, sondern durch einzelne, sehr vereinzelte Paradechristen den Anschein erwecken wollen, als ob noch eine Gemeinschaft weiterbestehe. Nur nicht jüdisch. Das ist das Losungswort. Man empfindet das Judesein förmlich als Schmach. Nicht-dass die Kinder unter der Ordnung der Dinge, wie sie Verein Frage stehende Bezirksschulrathserlass festsetzt, werden physisch leiden müffen, wird so schmerzlich empfunden, als der Umstand, dass die jüdischen Kinder als solche in einzelnen Classen vereinigt sein werden. Wir Zionisten, oder richtiger gesagt, da wir eine nationale Partei sind, in der alle politischen Anschauungen Platz haben, ich und viele meiner Gesinnungsgenossen, sind Gegner der confessionellen Schule, wenn man darunter versteht, was man richtig verstehen soll, der clerical-antisemitischen Schule. Aber wenn man unter confessioneller Schule eine Schule versteht, in der die jüdischen Kinder von den christlichen, oder richtiger arischen, getrennt sind, also die nationale Schule, dann sehen wir darin nichts weniger als ein Unglück, und umsoweniger, als dies jedenfalls eine Besserung des durch den Bezirksschulrathserlass geschaffenen status bedeutet. Die gegenwärtig factisch existirende, wenn auch noch nicht gesetzliche confeffionelle Schule bringt den Juden nur alle möglichen Unannehmlichkeiten. Die wirkliche sogenannte confeffionelle Schule aber würde wenigstens das eine Gute haben, dass an Stelle der gegenwärtig in den Judenclaffen beschäftigten, den Schülern übelgesinnten antisemitischen Lehrer, den Schülern wohlwollende Lehrer ihres eigenen Stammes treten würden. Für uns Zionisten ist jüdisch und reactionär durchaus nicht identisch. Im Gegentheil, wir sind überzeugt, dass die jüdische Schule liberaler sein wird, als die gegenwärtige sogenannte interconfepionelle, dass sie ihre Zöglinge erziehen wird, nicht im beschränkten Geiste, sondern im Geiste wahrer Menschenliebe, freilich jener Menschenliebe, die, wenn sie auch nicht bei sich selbst anfängt, doch auch nicht bei sich selbst aufhört (Lebhafter Beifall.» vor allem aber im jüdischen Geiste. (Lebhafter Beifall.) Ein Redner hat es für gut befunden hier zu tadeln, dass in einer Wiener Schule der Religionslehrer den Schülern anempfahl, am Succoth die Schule nicht zu besuchen. Ich weiß nicht, in welcher Eigenschaft dieser geehrte Herr Redner dann in dieser Versammlung gesprochen hat. Auf die Frage, ob er jüdischnational sei, hat er ein entschiedenes „Nein" geantwortet, und von der Religion will er auch nichts wiffen, worin besteht dann sein Judenthum? (Rufe: Sehr gut, und lebhafter Beifall.» Dann ist er ein Anhänger der Theorie, dass das Judenthum je eher je lieber vollständig untergehe in seiner jetzigen Umgebung. Was hat er dann in einer Versammlung zu thun, welche zusammeuberufen ist, um ihrer Entrüstung über die dem Judenthume widerfahrenen Angriffe Ausdruck zu geben, von der Ansicht ausgehend, dass sie abgewehrt werden müssen, weil das Judenrhum nicht untergehcn darf. (So ist es!) Wir, ich glaube die größte Mehrzahl der hier Versammelten, glauben noch an die Lebenskraft des Judcnthums und schämen uns nicht, Juden zu sein (lebhafter Beifall), schon aus dem Grunde, weil unser Judenthum etwas Natürliches, Angeborenes. Unabstreisbares ist. Wir sind der Ansicht, dass wir keiner anderen Nation inferior sind (lebhafter Beifall», und das, was wir bei anderen Völkern bewundern, die Liebe zum eigenen Volke bis zum letzten Athemzuge, wir wollen es auch bei uns nicht vernachlässigen. .. Darum würden wir die jüdische Schule freudig begrüßen, weil sie den jüdischen Geist in der Heranwachsenden Generation pflegen würde. Tenn unserer Ueberzeugung nach ist ein großer Theck der Schuld an all dem, was man den Juden gegenüber sich erlaubt, der Mangel an jüdischem Selbstbewusstsein, und diesen Mangel verschuldet zu haben, ist die große Schuld der jüdischen Vertretungen, der Cultusgemeinden, und nicht zum geringen Theile auch "der Wiener Cultusgemeinde. Treten Sie, meine Herren, in den Sitzungssaal der Wiener Cultusgemeinde und lesen Sie da die Namen der früheren Cultusvorstände und Sie werden mit Staunen finden, wie viele dieser Namen heute nicht mehr dem Judenthuine angehören. Tie A r n st e i n s, E s k e l e s, P e r e i r a bis auf Herrn P o l l a k von B o r k e n a u . . . ihre Nachkommen haben sich alle vom Judenthume abgewendet. Wie kann man aber von diesen Männern, die den jüdischen Geist nicht in ihrem eigenen Hause zu pflegen und zu erhalten vermochten, erwarten, dass sie ihn im jüdischen Volke kräftigen würden! (Lebhafter Beifall.) Es genügt nicht, und ganz besonders in den gegenwärtigen schweren Zeiten, die die Juden durchmachen, und in denen ich im Gegensätze zu meinem verehrten Vorredner Tr. Fialla keinen Lichtschimmer entdecken kann — es wird noch viel ärger, gewiss aber nicht besser werden — es genügt in diesen Zeiten für" die Juden nicht, dass in der Cultusstube lauter sehr ehrenwerte Männer sitzen, die ihre Pflicht thun und — verwalten. Diese Zeiten und die eigenartigen Verhältnisse der Juden erfordern mehr als bloße Pflichterfüllung und Verwaltung, sie erfordern Männer, die Muth und Kraft haben. Hätten die Vertreter des Judenthums vor zwanzig Jahren schon die Sache nicht leicht genommen, vielleicht wäre manches uns erspart geblieben. Die Herren hätten daran denken müffen, dass sie 140.000 Menschen vertreten, die sie kraftvoll hätten um sich scharen sollen. Unsere Cultusvertretung glaubte aber genug gcthan zu haben, indem sie Proteste überreichte, die in den Papierkorb wanderten, und immer aufs neue Geduld und baldige Wiederkehr besserer Zeiten predigte, trotzdem jeder Tag eine neue Enttäuschung brachte. — Freilich, woher sollten die Herren auch die factischen Zustände kennen! Die Vertreter des jüdischen Volkes sind doch nur eigentlich Vertreter eines kleinen Teiles derselben. Nur wer 10 Gulden Cultussteuer zahlt, ist für die Wahl der Vertretung der Judenschaft wahlberechtigt. So kommt es, dass von den 14-0.000 Juden in Wien nur 12.000

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