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Die Welt · 1898-10-21 · 42 (21.10.1898) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
42 (21.10.1898)
Article
Eine jüdische Protestversammlung
Date
1898-10-21
Page
10 (sequence 4)
Language
German
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S>cttt 10 Nr. 42 wahlberechtigt sind, nur die in den besten gesellschaftlichen und finanziellen Verhältnissen lebenden. Und da es eine der traurigen Erscheinungen im Judenthume ist. dass, wenn ein Jude zu einer gesellschaftlichen Stellung oder Vermögen gelangt, er es dieser Stellung oder diesem Vermögen schuldig zu sein glaubt, wenn schon nicht das Judenthum ganz abzuschutteln (was ja häufig genug vorkommt), so doch den geringsten Gebrauch davon zu machen — so ist die merkwürdige Erscheinung zu verzeichnen, dass die Wahl der Vertretung des Judenthums jenem Theile der Judenheit obliegt, die dem Judenthum am wenigsten anhängt. Die Wohlhabenden und gesellschaftlich Gutsituierten kennen ja auch nicht die verheerenden, zerschmetternden Wirkungen des Antisemitismus, denen sie sich entziehen können. Die kennt der arme Jude; aber der Hausierer und seinesgleichen haben kein Wahlrecht in die Vertretung der Judenschaft. Das muss anders werden. Jeder volljährige Jude hat das Recht zu beanspruchen, dass er an der Wahl, der jüdischen Vertretung theilnehmen dürfe. Die von der ganzen Judenheit gewählte Vertretung muss aber Muth haben, und lieber untergehen, als sich ducken und nachgeben. Nur sich wehren, bringt Ehren. „Wer in solchen Tagen nicht Muth hat, gehört in die Kinderstube", sagte vor fünfzig Jahren ein Jude in Wien, und ist durch dieses Wort berühmt geworden. Aber die Ursache, die uns hier zusammengeführt hat, so traurig sie auch für die Juden ist. nach dem Ausspruche des talmudischen Philosophen, hat auch sie ihr gutes: es fängt spät aber endlich unter unseren Juden die Ueberzeugung sich zu regen an, dass man sich zusammenthun müsse. Der einzelne ist im Kampfe nichts, alle zusammen aber bilden schon eine nicht zu vernachlässigende Masse. Gleich dem socialistischen Propheten möchte ich den Juden zurufen: Vereinigt euch, organisiert euch, gewinnet und bekundet jüdisches Selbstbewusstsein und Stolz.. . . Das Wort „jüdisch" sei kein Horror mehr für euch. Wählet energische Vertreter, welche den Muth haben sollen, den die Zeit fordert und kämpfet bis ans Lebensende, aber hofft von niemandem Hilfe als von euch selbst. (Langauhaltender Beifall.) Nach der Rede des Architekten Marmorek erklärte der Vorsitzende plötzlich die Versammlung für geschloffen, obwohl die Abstimmung über die Resolution keineswegs geschäftsordnungsmäßig stattgesunden hatte Wie es sich später herausstellte, glaubte ein Theil der Versammlung für Schluss der Debatte zu stimmen, während der andere Theil die Resolution votierte. Gegen den Schluss der Versammlung protestierte man daher nicht nur von einzelnen zionistischen Gruppen aus, sondern auch von mehreren anderen Seiten. Da die Erregung wuchs, wuchs natürlich auch die Hilflosigkeit des wackeren Präsidenten, bis die rasch herbeigeholte Polizei zur freudigen Genugthuung des Versammlungsleiters und seiner Freunde die Anwesenden aus dem Saale drängte. Wir wollen dieses Vorgehen nicht weiter c»mmentieren. Es wird noch lange dem Namen Anninaer zur besonderen Ehre gereichen. Zum Schluffe wollen wir noch folgendes constatieren: In der Versammlung war eine stattliche Zahl Zionisten, darunter Vorstandsmitglieder des zionistischen Evmitr-s, Vorstände der zionistischen Einzelvereine, sowie eine große Zahl jüdisch-nationaler Studenten anwesend. Letztere bewahrten während der Tauer der ganzen Versamnilung trotz der fortwährenden Prvvocationen jüdischer Jnng-Socialisten und einzelner aufgeregter Bourgeois, welchcwohl vom Zionismus nichts mehr kennen, als den Namen, aber die Zionisten fortwährend nach Zion schickten, ihre Ruhe. Selbst als der Vorsitzende der Versammlung die Reihe der Redner verlas, in welcher die Zionisten, trotz ihrer früheren Meldung zum Wort, an die letzte Stelle gesetzt worden waren, selbst dann noch bewahrten unsere jungen Gesinnungsgenossen den parlamentarischen Anstand, was der Vorsitzende der Versammlung unserem Sprecher gegenüber privat, und Herr Hofrath K ar e i s öffentlich in loyaler Weise anerkannt haben. Als aber nach der Rede des Vertreters des zionistischen Standpunktes, welchem die Anerkennung, sehr gemäßigt gewesen zu sein, wohl niemand versagen können wird — als dann der "Antrag auf Schluss der Sitzung gestellt und nicht einmal die verlangte Gegenprobe vorgenommen wurde — da verließ die erhitzten jugendlichen Gemüther die lang bewahrte Geduld, und cs kamen nach erfolgtem Schluffe der Versammlnng lärniende Auseinandersetzungen vor. Das wollen wir ausdrücklich hervorhebcn. Tribüne. Geehrter Herr Redacteur! In Nummer 79 und 80 des Mainzer „Israelit" befindet sich eine Eorrespodenz aus Fürth, die an meinen „Ein merkwürdiges Büchlein" betitelten Aufsatz, der in Nummer 39 Ihrer geschätzten Zeitschrift erschienen ist, anknüpft und zwei Behauptungen, die in diesem Aussätze mit Bezug auf Herrn Doctor Herrn. Deutsch in puruntdo^i enthalten sind — offenbar in deffen Aufträge oder doch auf deffen Inspiration hin in Abrede stellt. Herr Dr. Deutsch lässt nämlich bestreiten: 1. dass er Zionist sei und 2. dass er das Büchlein ,mfo einem hiesigen Gec Erklärung: Herr G ol t e i n will seine eigene zionistische Gesinnung niemandem aufdrängen und legt insbesondere nach allem, was sich zugetragen hat, absolut keinen Wert auf die Gesinnungsgenossenschaft des Herrn Dr. Deutsch. Wenn er diesen dennoch mir gegenüber als Zionisten bezeichnet hat, so geschah dies in gutem Glauben und mit vollem Rechte, da Herr Dr. Deutsch während der ganzen fraglichen Unterredung, die sich um den Zionismus drehte, nicht nur mit keinem einzigen Sterbenswörtchen seine Gegnerschaft zur zionistischen Bewegung bekundete, sondern auch sich positiv zustimmend und sehr warm — um nicht zu sagen begeistert — über unsere Bestrebungen äußerte und unter anderem den aus dem Munde eines Protestpredigers gar seltsam klingenden Ausspruch that, er könne, soweit er mit dem Programm des modernen Zionismus vertraut sei, absolut nicht begreifen, was die Rabbiner dagegen einzuwenden hätten. Sollte Herr Dr. Deutsch, mittlerweile über unser Programm eines besseren belehrt worden sein? — Das nähme mich wunder. Bemerkt muss noch werden, dass nicht etwa, wie zu vermuthen stünde, Herr Goitein, sondern Herr. Dr. Deutsch das anfangs ganz indifferente Gespräch auf den'Zionismus lenkte und erstcrem das Büchlein TH*]: emphatisch anpries, über dessen Verfasser er sich in überschwänglichen Lobeserhebungen ergieng und von ihm behauptete, er (Alkalayf habe noch mehr Muth und Unerschrockenheit gezeigt als selbst Dr. H e r z l in seinem „Judenstaat." Dr. Deutsch überließ sodann Herrn Goitein auf dessen Ansuchen das Büchlein bereitwillig und bemerkte ausdrücklich, dieser könne davon beliebigen Gebrauch machen. Auch meinte Herr Dr. Deutsch, dass es angebracht wäre, das Bächlein zu Agitationszwecken neu herauszugeben. Schließlich forderte er Herrn G o it e i n auf, die Schrift dem Herrn Dr. Her zl und anderen Parreiführern, die hebräisch verstehen und mit denen Goitein auf dem Kongress zusammentrepe, zu zeigen. Gleichzeitigbe zeichnete Dr.Deut s ch imB ei s ein Goiteins, behufs einer besseren Uebersichtlichkeit, die besonders markanten Stellen des Schriftchens mit Blaustift und schrieb, gleichfalls in Gegen wart des Herrn Goitein, die zustimmenden Aeußerungen derBrochüre "rn^? wH« auf d i e Innenseite des Titelblattes von Da Sie, geehrter Herr Redacteur, das von Dr. Deutsch herrührende Exemplar des letztgenannten Schriftchens gleichzeitig mit dieser Zuschrift erhalten, werden Sie in der Lage sein, sich von der Wahrheit meiner beiden letzten Angaben durch den Augenschein zu überzeugen. Ter Vollständigkeit halber darf nicht unerwähnt gelassen werden, dass Herr Dr. Deutsch die Broschüre Herrn Goitein nicht als eine gegnerische, sonderm gegentheils als eine solche Schrift darstellre, in der für die Alkälay'schen Ideen eine Lanze eingelegt werde. Nach alledem mögen sich die geschätzten Leser über Herrn Dr. Deutsch und über den Wert des von ihm inspirierten Dementi im „Israelit" ihr Urtheil bilden. Ich verbleibe, geehrter Herr Redacteur, mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ganz ergebener Moriz Zobel (M. Nclchum). Fr-ankfurt a. M., 14. October 1898. Für die geplünderte» gcklizischen Juden sind Herrn Dr. Alexander M i n tz bis 18. October zugekommen: Von Herrn Dr. M. Gottlieb, Warschau (Sammlung der Herren >syrkin und Bojukansky R. 61-29, des Ferienheims in Warschau durch Frl. Zenia Awitz und Frl. Eva Lehr R. 54-71, und Ergebnis einer Lotterie R. 32) 148 Rubel ~ 187 fl. 96 kr.; „aus Berlin" 100 Mk. — 58 fl. 85 kr.; von Dr. Med. B. Natansohn, Suwalki (Sammlung der Zionisten in Suwalki) 66 Rubel 83 fl. 8' kr. Summe 330 fl. 63 kr. Hiezu der frühere Ausweis von 3702 fl. 98 kr. — 4033 fl. 61 kr.

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