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Die Welt · 1898-10-14 · 41 (14.10.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
41 (14.10.1898)
Article
Dr. Herzl in London
Date
1898-10-14
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Sette i jpir^wae Nr. 41 Tagen hielt ich außer der englischen auch eine deutsche Rede. Die englische im Westen, die deutsche im Osten dieser großen und herrlichen Stadt. Die englische wurde weniger verstanden, obwohl in der Landessprache gehalten. Die Schuld lag vielleicht an der Wahl des Bezirkes, in welchem ich meine zaghaften Versuche machte. Im East-End fielen meine Worte, die damals ebenso kunstlos waren, wie sie es heute Abend sein werden, auf fruchtbaren Boden. Der East-End ist unser!.(Zustimmung.) Ich bin kein Redner, außerdem spreche ich heute unvorbereitet. Ich schöpfe bloß aus der Fülle und Tiefe unserer Idee. Ich erinnere mich noch, in welcher Weise einst unser Vorsitzender den Zionismus bei Ihnen cinführte. Er sprach damals davon, dass für gewisse Kreise Zionismus und Berücktheit synonym seien. Woher kommt das? Jene Kreise haben eben keinen rechten Begriff davon, was wir, das jüdische Volk, eigentlich brauchen. Sie wissen, in den jüdischen Zeitungen wogt ein heftiger Kampf für und gegen unsere Sache. Ich bemerke nun, dass unsere Gegner immer nur das widerlegen, was sie sich cinbilden, nicht aber das, was wir denken, ja nicht einmal das, was wir sagen, und zwar recht deutlich sagen. Sie widerlegen den Zionismus, den sie formulieren. Natürlich sind wir für ihren Zionismus nicht verantwortlich, und ihre Lufthiebe dürfen uns gleichgiltig laffen. Immerhin schädigen ihre Fälschungen unsere Bewegung. Obwohl wir bisher aus Brüderlichkcitsgefühl die Antwort schuldig geblieben sind auf vieles, tvas vielleicht böswillig gemeint tvar und den Zweck hatte, unsere täglich wachsende Bewegung zu unterminieren, so wollen wir doch heute, wo mir en famille sind, uns ein wenig mit unseren Gegnern beschäftigen. Unter den Argumenten, welche die Antizionisten dieses Landes gegen uns ausspielen, komnrt an erster Stelle, dass wir den Antisemitismus nach Engand bringen. Ich glaube, und jede ehrliche Erwägung ergibt dasselbe, dass im Gegentheil die zionistische Bewegung England vor dem Antisemitismus bewahren wird. Die Frage ist: Wie viele Inden verträgt England, ohne antisesemitisch zu werden? Es ist eine Fremden-Bill angenommen worden. Aber sie ist kein so sicherer Schutz gegen den Antisemitismus, wie es der Zionismus ist. Vielleicht haben einige Juden in dieser Fremden-Bill einen Damm gesehen, der die Fluth der jüdischen Einwanderer von diesem Lande abstauen wird. Falls es solche Juden gibt, so lebt sicherlich kein Funken von Großmuth in ihren Herzen. Denn wenn sie der Meinung sind, dass diese jüdischen Flüchtlinge nicht ihre Bolksgenoffen sind — als Glaubensgenossen, zum mindesten, als Menschen muffen sie dieselben doch gelten laffen! Diese Leute müffen sich die Frage vorlegcn, wohin nach Annahme der Bill ihre Bolksgenoffen, oder, in Gottes Namen, ihre Glaubensgenoffen hingehen sollen. Haben die Gentlemen, die sich gegen den Zionismus stemmen, sich diese Frage vorgelegt? Und wenn nicht, wie dürfen sic es wagen, uns anzugreifen? Uns, die wir uns der Unglücklichen weil sie unsere Bolksgenoffen, unsere Glaubensgenoffen sind, annehmen wollen? Was wollen die Zionisten? Sie wiffen es: Wir wollen eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk. Tann wird uns keine Fremden-Bill beunruhigen, dann wird cs keinen Hass, keine Verfolgungen in den antisemitischen Ländern geben, dann haben wir einen Boden, auf dem der Jude als menschliches Wesen anerkannt sein wird, das arbeiten will und in Freiheit leben. Liegt in diesem Plane etwas, dem Opposition gemacht werden muss? Die Anwesenheit dieses verehrungswürdigen Mannes (Pater Ignatius) an meiner Seite zeigt Ihnen, dass man nicht einmal Jude sein muss, um unsere Idee zu unterstützen. Unsere Idee hat wirklich etwas Magisches in sich. Die Sage erzählt von .einem Becher, welcher jeden, der daraus trinkt, die Wahrheit zu sagen nöthigt. Ein solcher Becher ist der Zionismus! Leute, die sich sonst um nichts kümmern — sobald sie mit denk Zionismus in Berich rung kommen, haben sie etwas zu sagen. Mit einemmale fühlen sie den Zwang, ein Bekenntnis abzulegen. Ein solches Bekenntnis ist die Mission, dieses zweite gegen uns ausgegebene Stichwort. Die Juden, heißt es, seien die Lehrer der Völker, sie müssen es auch ferner bleiben. Was ist das nun eigentlich für eine Mission? Ist sie von der Art der Mission christlicher Priester, die in srmde Erdtheile gehen und den Kanibalen sagen: „Effet rein Menschenfleisch!"? O nein! Die Mission, von der man uns die Ohren vollrcdet, muiet sich durchaus nichts derartiges zu. Die sitzt in aller Bequemlichkeit im wohlbewahrten Winkel, von wo aus sie mit superber Ueberlegenheit einen Blick in die Zukunft der Menschheit Ihut. Mir kommt wieder eine Parabel in den Sinn. Sie lautet: „Eines Tages kamen zwei Abenteurer zum Könige und versprachen ihm wunderbare Gewänder, echte Königsgewänder zu machen. Die würden von jedem gesehen werden können, nur nicht von einem Feinde des Königs oder von einem schlechten Menschen. Die beiden erhielten ein Zimmer des Palastes angewiesen und schloffen sich darin ein. Als nun der König dringlich wurde, brachten die Schneider, was sie inzwischen verfertigt halten und legten es ihm an, d. h. der König sah blos ihre Bewegungen, die Gewänder sah er nicht und konnte sie nicht sehen. Denn sie existirten gar nicht. Weil ab:r nur schlechte Menschen die Gewänder nicht sollten sehen können, so verstellte cr sich, zeigte großes Entzücken über die Arbeit, und mit ihm der ganze Hof, das ganze Land. Das ging so lange, bis einmal bei einer Prozession ein Landmädchen ansrief: „Der König hat ja nichts an!" Diesen Gewändern möchte ich die Mission vergleichen, die man uns anfdispntieren will, ohne dass sie in Wirklichkeit existiert. Wir haben keine andere Mission als die anderen Elationen:. Mir ihnen zusammen zu arbeiten zugunsten der allgemeinen Menschheirsgesittung. — Ja, sie sagen, wir wären keine Nation, weil der eine zu entfernt vom andern lebt. Als ob Geschwister anfhörten, Bruder und Schwester zu sein, »veil das eine in New-Jork, das andere in Berlin lebt: Kann man denn aus seinem Volke, aus seiner Raffe austreten? Außer den Miffiousjuden haben wir noch zwei Gruppen von Gegnern: die Protest-Rabbiner und die Protest-Banquiers. Die Banquiers (übrigens nicht alle, viele kenne ich als Ehrenmänner und zähle sie zu meinen Freunden) sind gewöhnt, jeden Profit bei Heller und Pfennig auszurechnen, sie nennen unsere Pläne Einbildungen, uns selbst aber Träumer. Sie sagen: Das sind Leute, die Reden hallen und Artikel schreiben ohne Bezahlung. — &utl Das lädt man zu Soireen ein, das duldet man, solange sie zur Unterhaltung unserer Damen Verse machen und zierlich sprechen. Kommen sie uns aber mit ernsten Ideen — dann fort mit ihnen! Wie steht es aber in Wirklichkeit mit den Träumern, mit der unpraktischen Idee? Schaut doch hin auf die Nationen, die lange nicht auf derselben Culturstufe stehen, wie die nnsrige, und die in ganz kurzer Zeit das erreichten, was wir anstreben. Behauptet einer im Ernst, dass wir das nicht können, was die Balkanvölker konnten? Also, Träumer wären wir? Gut, treten wir aus dem Mondschein heraus! Weg mit den Träumen: wir machen die Bank, die wir auf dem Eongress beschlossen haben. . . . Die Protest-Rabbiner und P.rotest-Banquiers könnten sagen: Congresse — gut! Was thun sie anderes als sprechen? Wir fragen zurück: Was anderes ist jemals geschehen, wenn Nationen sich befreien wollten? Sie sprechen. Je ernster, je moderner die Gedanken, desto glorreicher die Versammlung. Aber die Banquiers wollen Ziffern sehen. Dieser Wunsch trifft mit unserer Bankgründung zusammen. Es haben sich gegen - dieses Instrument unserer nationalen Bewegung Stimmen erhoben: Eine jüdische Bank wird sich nicht halten können. Wer giebt den Ton zu dieser Musik an? Leut'', die selbst Handelsintereffen im Orient haben und mit der Concurrenz unserer Bank rechnen. Aber gedenken Sie dessen, was ich Ihnen nun sage: Wir werden uns dadurch nicht beirren lassen! In Bälde werden Sie Berichte über unser financielles Instrument zu lesen bekommen. . .

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