Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 41 (14.10.1898)
- Article
- Dr. Herzl in London
- Date
- 1898-10-14
- Page
- 5 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315784-3363451--08520-3363534- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 41 Sette 5 Unsere Bewegung gehört vor allem dem armen Volke, für das wir eine bessere Zukunft vorbcreiten. Ich will Ihnen kein Bild der Heimkehr malen, sie selbst wird ja bald beginnen. Ich darf Sie dessen versichern: Wir halten nicht mehr weit von dem Zeitpunkte. Ich weiß wohl, wasich sage, ich habe noch nie so bestimmt gesprochen. Heute erkläre ich Ihnen: Ich halre die Zeit nicht mehr für weit entfernt, da das jüdische Volk sich in Bewegung setzen wird. . . . Das ist ein Traum, aber was für ein TraumErinnern Sie sich nur an Aufträgen und Afrika I Arbeiter haben wir genug in Rußland, Rumänien und anderwärts. Wissen Sie, was die nächste Folge sein wird, wenn wir das Land einmal haben? Der Boden wird im Preis' steigen! Denn wir dürfen annehmeu, dass viele hinziehen werden. Glauben Sie, wenn wir das Land haben, dass die Juden hingehen werden? «Rufe: Ja! Gewiss! Bewegung.) Ich bitte Sie, nehmen Sie mich beim Wort, wenn es^auch noch kein ganz bestimmtes sein kann. Sie werden sich deffen erinnern, was ich Ihnen heute gesagt, dass wir nämlich schon viel erreicht haben. Wenn ich wieder kehre, dann werden wir hoffeutl'ch noch viel weiter halten! Zum Schluss null ich auf euren Punkt zurückkommen, auf die Behauptung unserer Gegner, dass wir den Antisemitismus in England einführen. Bis jetzt hat der Zionismus sich viele englische orthodoxe Christen zu Freunden gemacht. Unsere Gegner behaupten nun. der christliche Zionist sei offenbar ein Antisemit, der uns Juden weghaben will. Folglich erzeuge der Zionismus den Antisemitismus. Nun schließe ich so: Entweder ist der Antisemitismus in England bereits heimisch. Dann kann ihn der Zionismus nicht herovrgerusen haben. Oder es gibt in England keinen Antisemitismus. Dann können diejenigen, die uns unterstützen, keine Antisemiten sein. Es ist nicht wahr, dass ein Christ, um Zionist zu sein, Antisemit sein muss. Heute nachmittag hatte ich die Ehre, mit dem Bischof von London zu sprechen. Bon ihm habe ich ein schönes Wort gehört : „In Zukunst werden die Völker sich nicht mit nationalen Fragen beschäftigen, sondern mit der Wohlfahrt der gesammten Menschheit." Tiefen schönen Gedanken nehmen wir für unsere Bewegung in Anspruch. Auch sie stellt einen Civilisationsgedauken dar. Und wenn einer nicht begreifen kann, warum wir, die wir uns eigentlich um nichts zu künimern brauchten, uns mit dieser Frage beschäftigen, so will ich es ihm sagen: Wenn in einem Manne ein Gedanke erwacht, der ihn ergreift und bewegt, der ihm keine Ruhe lässt - dann ist dieser Gedanke eine Wahrheit. Ja, wir glauben, wir s i n d d i e Leibgarde der Wahrheit. Ich fordere Sie auf, folgen Sie dieser Macht der Wahrheit, folgen Sie ihr, bis sich das Los unseres Volkes zum Besseren gewendet. (Ungeheuerer Beifall.) Me. H. B entwich .sagte, die Größe dieses Meetings erinnere ihn an die letzte Zivnfftenversammlung, die vor einigen Jahren in demselben Saale stattgefunden habe. Zu jener Zeit hätten viele ihre Hilfe versprochcn, sich aber später in aller Sülle sortgcschlichen. Die echten Zionisten aber seien entschlossen, vorwärts zu gehen unter dcr Führung Dr. Herz l's, welcher der beste Führer sei, den die Inden seit Jahrhunderten gehabt. Hier in England habe Tr. H e r z l den Hebel angesetzt, sie (die Versammelten) müssten nun dem Hebel die feste Sütze bieten. Mr. B e n t w i ch beantragte sodann folgende Resolution: „Die heutige Massenversammlung von Juden gibt ihrer Freude über die durch den Zionismus bereits erreichten Erfolge "Ausdruck und erklärt, die zionistische Bewegung unterstützen zu wollen." Nach einer Ansprache des Herrn Rev. A. A. Green und einer Jargvnrede des Rabbi Werner trug Herr Prof. Leo Rafaels ein selbstverfasstes, stimmungsvolles Gedicht vor, worauf die beantragte Resolution einstimmig angenommen wurde, Dr. Gaster (stürmisch begrü'st), sagte, der Zionismus sei e'u alter Traum, der jetzt in Erfüllung gehe. Tie Hoffnungen Dr. Herzl's seien der Erfüllung näher, als man glaube. „Haben Sie nicht, ivährcnd Dr. Herzl sprach, die Musik vom Nebensaal gehört. Ich habe sie gehört, und eine andere dazu: Die Musik jubelnder Herzen! Wir haben eine schwere Arbeit vor uns. Wir setzen sie, meine Damen und Herren, auf die Probe, setzen Sie uns, die Führer, auf die Probe! Wir haben viele gute Freunde in der Welt, keinen besseren, als die Türkei. (Lauter Beifall) Ich muss das wissen, denn nicht nur ich, sondern schon mein Va!er und Großvater haben im Osten gelebt. . . . Wir werde:! uns friedlich in Palästina ansiedeln ohne Waffen und ohne Anlass zu Revolutionen zu geben." Dr. Gaster schloss unter ungeheuerem "Applaus mit der Aufforderung, die Versammelten mögen Herrn Tr. Herzl für' die von ihm geleistete Arbeit ihre "Anerkennung ausdrückeu. Pater Ignatius, von immer wieder sich erneuerndem Beifall begrüßt, sagte: „Ich erlebe in dies.m Augenblicke die stolzeste Freirde meines Lebens. Ich danke Ihrem neuen Josua. (Lauter Beifall.) Ich war von allem Anfang an überzeugt, dass der Zionismus die Erfüllung der Worte des Propheten Ezechiel bedeute. Sollten hier sogenannte Refornijnden anwesend sein, so wünsch: ich sie nicht zu beleidigen, wenn ich sage: Judenthnm ist Zionismus! «Beifall.) Der Zionismus ist das Judenthum Gottes. (Erneuerter Beifall.) Der Geist Eures Gottes ist über Euch! Gott weist Euch den Weg nach Zion, gehet hin und seid gesegnet!" (Üangauhaltender Beifall.) Das von Tr. Gaster beantragt: Tank-'svvtum für Dr. Herzl wurde hierauf angcnvmm.n, ebenso das Tankesvotum, welches Herr I. de H aas für den Vorsitzenden beantragte. Tr. Gaster erhielt eine herzliche Ovation. Da die Versammlung sich weigerte, Herrn H. Landau, der seine Verwunderung darüber ausgedrückt hatte, dass Tr. Herzl nichts von Religion gesprochen habe, weiter anzuhören, schloss der Vorsitzende den denkwürdigen "Abend. W Lord Salisbury über den „Zionismus". Vor einigen Monaten hielt dcr englische Premier, Lord Salisbury, eine Rede über: „Lebende und aussterbende Nationen", welche in der englischen Presse große Beachtung gesunden hat. Nun theilt der Redacteur des in L o u d v n erscheinenden ..köntu: ciuv Ileviovv' mit, er habe Lord Salisbury in einem Interview gefragt, was er von der Wiederbelebung der jüdischen Nation und der zionistischen Bewegung halte, worauf er folgende "Antwort von Salisbury erhielt: „Ich habe noch nicht genug Zeit gehabt, um die zionistische Bewegung in theoretischer und praktischer Beziehung zu studieren. Aber kein vernünftiger Mensch dürste daran zweifeln, dass eine Nation, die so viele Leiden und Verfolgungen übcrstanden hat, gar v elcs dnrchzuführen vermag. Ter Zionismus darf auf Erfolg rechnen, ungeachtet dessen, dass er manche Gegner hat. Die Juden sind gewiss eher als alle anderen dazu berufen, die heiligen Stätten des Christenthums in Palästina zu beschützen. Sie würden dort einen musterhaft guten Staat bilden; im Centrnm von Klein asten würden sie durch ihre Fähigkeiten den Handel zu einer nie dagewesenen Blüte emporhebeu. Es hängt freilich von den Juden selbst ab. diese Idee zu verwirklichen. Wenn nur 40 Percent aus ihrer Mitte für die Sache energisch eintreteu sollte, so wäre dcr Erfolg ein sicherer. Seine Majestät dcr Sultan Härte gar keinen Grund cs zn verweigern, dass die Juden in Palästina einen autonomen Staat gründen; ein solcher dürfte ihm deu hundertfachen Nutzen bringen, wie Armenien und Kreta zusammeugenommen, die ihm so viel zu schaffen machen. Die jüdische Nation, dre einem zweitausendfüushuudertjährigen Sturme siegreich widerstehen konnte, besitzt Geduld und Ausdauer genug, um ein solides Unternehmen, wie es der Zionismus ist, mit Erfolg auszuführen. „V o l k s advocat."