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Die Welt · 1898-10-14 · 41 (14.10.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
41 (14.10.1898)
Article
Dr. Herzl in London
Date
1898-10-14
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Sette 3 zu sein. Die Versammlung folgte jedem Worte der Rede, zügelte ihre Begeisterung, dämpfte ihren Beifall, um jedes Wort — ich finde keinen anderen Ausdruck — auszufangen. Ein intereMnter Moment war es, als Dr. Herzl in geschickter Wendung an die Berfammelten die Frage richtete: „Ob sie, wenn sein Plan gelinge, nach Palästina zurückkehren wollten?" „Gewiss", riefen die einen, die anderen antworteten mit einem Beifallssturm. Nach Beendigung feiner Rede wurde Dr. .Herzl wieder stürmisch acclamiert. Dieses wunderbare Schauspiel, das zwei Stunden — zwei ganz und gar von unerhörtem Enthusiasmus ausgefüllte Stunden — gedauert hatte, war vorüber. Es war das größte Schauspiel, das die englische Judenheit jemals gesehen hat. An den Wänden der Creat Assembly Hall brach sich ein Beifallssturnr, dessen Echo in allen Weiten gehört werden wird. Eindrücke eines Bersammlungsbesnchers. . . . Zionismus! So oft einer von den Rednern das Wort nannte, jauchzte es aus dieser Riesenmenge zurück in jubelnden Accenten. Kein Stichwort war das, auf das geschulte Parteimenschen im Takte einfallen, es war ein K a m p f r u f. Der einzige, der zehntausend Juden auf einem Platze vereinigen konnte, um einen Mann zu hören. Vielleicht noch niemals war eine solche Fülle jüdischenglischer Typen zur Betrachtung einladend neben einander. Da saßen alte Rabbinen, die in unbekümmerter Frömmigkeit die Kopfbedeckung aufbehalten hatten, neben vornehmen Financiers, die sich in ihrem Adoptivvaterlande zu Reichthunr und Ansehen emporgearbeitet haben; kleine Geschäftsleute, die ihren Laden vorzeitig geschloffen halten, um in die Versammlung zu eilen, neben Handwerkern und Arbeitern jeder Kategorie. Auffallend genug nahmen sich in dieser Gesellschaft die jungen Engländer aus, wahre Turnergestalten mit dem freien, furchtlosen Blick der selbstbewussten Briten. Aber sie selbst fühlen sich eins mit ihren unglücklichen Brüdern, und ihre Zukunft heißt: Rettung für diese Armen! Das Frauen-Element war durch jeden Altersrang vertreten, angefangen von der ehrwürdigen Großmutter, die ein Menschenalter unter uns lebt, die Liebe aber zum Jugendheim, aus dem sie vertrieben worden, noch immer treu im Herzen trägt, bis zum jungen Mädchen, das tagsüber als Putzmacherin oder Schneiderin gearbeitet hat, am Abend aber hergeeilt ist, weil sie des unmodernen Glaubens ist: Begeisterung sei Erholung. Ein. Blick auf die Platform. Da fällt mir die Classificierung nicht so leicht. Denn hier haben neben den Veranstaltern der Versammlung und den auswärtigen Delegierten auch solche Leute Platz genommen, die niemals beanspruchten, in den Sinn des Zionismus eingedrungen zu sein, die aber, einmal im Besitze des Einlass-Tickets, sich zum Besuche der Versammlung aufgerafft hatten, (warum auch nicht, dachten sie sich), vielleicht, um eine Lücke ihres Wiffens zu füllen, die angefangen, ihnen unangenehm fiihlbar zu werden, und um den Mann zu sehen, dem heute die East-End-Massen folgen, weil er aus chren Herzen und aus ihren Seelen spricht. Nachdem sodann der Besucher den Beifallssturm geschildert, mit welchem Dr. Herzl und die übrigen Mitglieder der Bureaus, sowie Pater Ignatius und Reverend Ch. Voysey empfangen worden, fährt er fort: Mehr als eine Stunde stand Dr. Herzl auf der Tribüne und sprach. 7000 Augenpaare waren auf diesen einzigen Punkt gerichtet. Die Seelen dieser Riesenmenge hielt der einzige Mann in seinen Händen, und durch den Hauch seiner selten sich erhebenden Stimme konnte er mit diesen Seelen machen, was er wollte. Die Gedanken und Gefiihle all dieser tausend Frauen und Männern monopolisierte er, Redner und Hörer wuchsen zusammen zu einem untheilbaren . Wesen; ein Herz, eine Seele. Und die technischen Mittel dieses Redners? Immer dieselben, nämlich immer der einfache, unauffällige, fast der Gesprächston, unterstützt durch die gar nicht histrionische, maßvolle Geste. Jeden Moment brach der Beifall los, die Leute erhoben sich in ihrer Erregtheit von den Sitzen und erschöpften sich in Ausbrüchen des Jubels. Alles in allem: Eine ganz außerordentliche Versammlung, die auch auf die anwesenden Nicht-Zionisteu einen tiefen, nachhaltigen Eindruck machte. Was ein christlicher Versammlungsbesuchcr sagt: Durch die Freundlichkeit eines der hervorragendsten Führer der zionistischen Bewegung erhielt ich ein blaues Ticket für die Creat Assernbty Hall und fand mich am Montag abend zu dieser, für mich immerhin fremdartigen Versammlung ein. Es waren -7000 Personen anwesend. Mein Nachbar sprach sogar von 12.000. Aber das war ein Enthusiast und au Massenmeetings nicht recht gewöhnt, wie mir scheint. Ich habe schon viele große Versammlungen mitgemacht, aber noch keine, deren individuelle Componenten so verschiedenartig und so außerordentlich interessant waren. Dass auch englische Juden anwesend waren, sah man ans den ersten Blick. Schon am Unterschied des Sprechens, des Benehmens, wodurch die andern sich sofort als „Fremde" zu erkennen gaben. Ich habe zugunsten der Einschränkung der Fremdeneinwanderuug oft und viel gesprochen und geschrieben. Aber meine vorgefasste Meinung über diese „Fremden" gerieth ganz und gar ins Wanken durch einen kritischen Blick über die Anwesenden, deren Mehrheit noch nicht lange in England sein konnte. Viele von ihnen hatten augenscheinlich eben ihre Arbeit aus den Händen gelegt und in aller Eile Toilette gemacht, um herzueilen. Ernst und Erregung, aufs höchste gesteigert, spiegelte sich in ihren Mienen. Die Ordner waren höflich, aber in wohlbegründeter Angst vor dem County Council, unerbittlich. Sie duldeten keinen Aufenthalt in den Gängen zwischen den Sitzbänken. Ich gestehe, meine Eitelkeikeit ist in dieser Versammlung verwundet worden. Ich fragte mich, ob man eine ähnliche Versammlung eng l i s ch e r Arbeiter zustande bringen könnte, die imstande wären, in drei Sprachen gehaltenen Reden mit solchem Verständnis zu folgen wie diese East-End-Juden! Das interessanteste psychologische Moment ergab sich zweifellos bei der leidenschaftlichen Ansprache des Pater Ignatius, dieses hervorragenden Mannes, dem die Leute zujubelten als einem der Ihrigen. In seinen Worreu . verdichtete sich gleichsam der Geist, der in dieser Riesemnafse lebte. Die halb Ermüdeten rüttelte er zu einer letzten grandiosen Kundgebung der Begeisterung auf. „Der Geist Eures Gottes ist über Euch!" rief der tonsurierte Mönch von Llanthony und er schloss: „Vorwärts! Euer der Sieg!" . Sehr glücklich war der Einfall Dr. Gasters. an das Echo der Musik anzuknüpfen, die von einem anstoßenden Saale freundlich hereinklang. Ich verließ die Versammlung mit dem Gefühle, dass die East-End-Masten von nun ab unerschütterliche Regimenter des Zionismus sein werden. Wir gehen nunmehr zu dem eigentlichen Versammlungsbericht über. Das Meeting fand Montag Abend unter den Auspicien der Bnei Zion Association und unter dem Vorsitz des Herrn Chacham Dr. Gaster in der Oreat Assembly Hall in der Mile End Road statt. Dr. Gaster eröffnete die Versammlung und sagte: „Meine Damen und Herren! Sie kennen alle den Namen Dr. Herzls. Wo immer ein jüdisches Herz in neuer Hoffnung schlägt, ist ja sein Name bekamit und verehrt. Ich will mich nicht länger zwischen Sie und ihn stellen und bin stolz darauf, Herrn Dr. Herzl das Wort zu ertheilen. Dr. Herzl, stürmisch begrüßt, sagte: Ladies and Gentlemen! Das sind die einzigen englischen Worte, die sie von mir zu hören bekommen werden. Vor zwei Jahren war ich ebenfalls in London und hielt eine englische Rede. Das war eine schwierige Sache für mich. Was thut man aber nicht alles, um sich verständlich zu machen? In jenen

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