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Die Welt · 1898-09-16 · 37 (16.9.1898) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
37 (16.9.1898)
Article
Culturcommission
Date
1898-09-16
Page
8 (sequence 3)
Language
German
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Seite 8 Nr. 37 I. de Haas: Nach dem Kongress. „Hört den Ostwind, liebe Freunde! Horcht, Ihr müsst chn leicht verstehn: Zion will Euch, Zion ruft Euch! Vorwärts, vorwärts! Lasst uns gehn! . .." Das überhitzte Blut in den Adern, das aufgeregte Durcheinander des Congresses in jedem Pulsschlag... In diesem Zustand gerieth ich von ungefähr auf den citierten Refrain , eines Liedes „An Zion", das einen Hörer des jüdisch-? theologischen Seminars von New-Iork zum Verfasser hat. Jawohl, der Congress ist zu Ende, die jüdische Flagge, die schon vor einigen Jahren in den Vorhersagungen von E. - Lazarus aufgetaucht war, ist von dem Balkon des Stadtcasinos herabgenommen worden und flattert nicht mehr in der hitzegeschwängerten Lust der sommerlichen Rheinstadt. Die Wunderfahne, die von ihrer luftigen Höhe herab den beruhig- . testen Gleichmuth hat aufschauern, die stolzesten Gedanken in : begeisterten Herzen hat austeimen lasten. Ein Tuch mit weißen und blauen Ferben st reifen, ein Tuch mit dem Mögen David — was ist nur so großes dabei? Und wieder stag ich: ist die arme Menschheit wirklich so leicht zu rühren? Was verlieh diesem Congreste seine überzeugende Macht? Die Flagge? die Reden? Die Scenerien? Auf mich, wie auf viele andere hat das Totale des Congrestes den tiefsten Eindruck geübt. Als ich von Basel nach Köln fuhr, fand ich die Welt der Zeitungsleser mit zwei Fragen beschäftigt: Warum diese Zionisten gar so begeistert seien, und was wohl das Ende der Dreyfusaffaire sein würde? Die klugen Leute! Sie ahnen gar nicht, wie tief der Zusammenhang der beiden Gegenstände ist, denen ihre Fragen gelten! Bon Köln kam ich nach Amsterdam. Und selbst in dieser Stadt, die ich, erstlllt von der Fröhlichkeit wehender Wimpel, durchrauscht von den heißen Wogen inniger Bolksbegeisterung fand, hörte ich vom zweiten Cangress. Man glaube nicht: dank der jüdischen Presse! Gott behüte! Dazu ist sie zu journalistisch schlau. Diesen uninteressanten Stoff hat sie der christlichen Presse überlasten. Und endlich war ich wieder in meinem lieben London und fand den East End in unsagbarer Austeguug, in bebender Neugier nach dem genauen Inhalt der vom Sultan eingelaufenen Depesche, in gespannter Erwartung der Delegiertenberichte. In den zwei Versammlungen am Sonntag und Montag Abend sah ich viele neue Männer sich unter die Judenfahne stellen und hörte Leute, denen der ganze Zionismus noch vor einer Woche ein fremdes Ding gewesen, goldige Zionsworte prägen. O, der Congress hat Wunder gewirkt: Stumme hat er sprechen gelehrt," ungelehrte Lippen beredt gemacht. Wer in Basel gewesen, ist auf dieses Privileg stolz, wer es unterlassen hinzugehen, ist nach gewöhnlicher Menschenart neidisch. Einer sagte mir: „Wenn die Russen dieses Jahr haben hundert Delegierte senden können, so müssen wir es dahin bringen, dass nächstes Jahr von unserer Seite ebensoviele hingehen". Einige versicherten mir: sie würden das ganze Jahr fleißig sparen, um die Reisekosten zum nächsten Congress bestreiten zu können. Ich kenne den East End zu genau, um nicht zu wissen, wann er wirklich aufgeregt und er-griffen ist. Nun denn, heut sag ich: Der East End ist so aufgeregt und so ergriffen, dass es für die localen Zionisten eine schwere Arbeit sein wird, ihre Kräfte mit der-neugewonnenen Situation zu messen. Dieganze englische Presse — die Tages- und Wochenblätter, die politischen sowohl als die religiösen haben den Congress commentiert oder zum mindesten die Thatsache verzeicbnet. Im allgemeinen lauten die Zeitungsstimmen wohlwollend. Der Zionismus behagt eben sowohl dem religiösen als dem politischen Gewissen der Engländer. Die Frommen sehen in ihm die Erfüllung biblischer Prophezeiungen, die Politiker denkender werde die asiatische Fratze lösen helfen. Bon all diesen freundlichen Benrtheilungen hebt sich eine herbe Kritik ab: sie ist in dem Interview enthalten, das der „Merning Leader“ mit Sir Samuel Montagu aufgenommen hat. Darüber möchte ich in Ihrer nächsten Nummer Ausführlicheres bringen. Heute beschränke ich mich auf einen Auszug aus der englischen Presse: „. .. Der Zionismus scheint uns ein Plan zu sein, den junge und edle Juden mit großem Eifer gefasst haben. Diese Thatsache ist natürlich nicht geeignet, die Aussicht auf ein Gelingen jenes Planes zu schmälern. Denn der ernste, jugendliche Eifer eines Volkes von solcher.Rasse vermag viele Hindernisse zu überwinden. Wenn die Zionisten einen praktischen Weg ausfindig machen, wie die Juden nach Palästina zurückzubringen wären, so zweifeln wir nicht daran, dass sich Leute finden werden, die im Besitze der Mittel sind, ihnen zu helfen. Vorläufig wird das Project von den reichen Juden Englands nicht offen befürwortet. Das ist ziemlich bezeichnend. Ebenso ist die Gegnerschaft des Sultans in Betracht zu ziehen. Noch halten die Türken das Heilige Land fest, und man sagt dem Sultan das Wort nach: „dadurch, dass er Palästina festhalte, verhindere er, dass die christlichen Nationen einander an die; Kehlen springen." Viele von den Scrupeln des Sultans dürften ' durch financielle Actionen aus der Welt zu schaffen sein, und ' er dürfte in irgend einer Weise gestatten, dass Juden daselbst tt Freiheit Land besitzen." Ich zahle recht viele Christen zu meinen Freunden. Sie ' alle haben die Berichte über den Congress genau verfolgt und sagten mir: „Wir sind von Eurem Werke entzückt. Glaubt nicht, das Ganze für Euch allein behatten zu können. Unser Interesse an dieser moralischen Revolution ist zn groß, als dass wir nichtwünschen sollten. Euch helfen zu dürfen." Wenn es dem Zionismus nur ' um das Interesse zu thun wäre, das er zu erregen die Kraft hat. längst wäre sein Ziel erreicht. Ein Gutes hat er — - hoffentlich für alle Zeiten — bewirkt: die Well dankt ihm eine moralische Revolutton, deren Resultate an und für sich - unsere Bewegung und den durch sie hervorgerufenen Enthusiasums rechtfertigen und erklären. Hurttg, wie der Rhein durch Basel strömt, ist der Wider- ' hall des Beifallklatschens, das so oft und so heftig im Baseler Stadtcasino vernommen ward, aus allen Ländern zurückgekehrt und erzählt uns, wie die Welt so erregt und bewegt sei, und — zwei kurze Jahre trennen uns von der Zell, da der Zio- - nismus von kurzsichtigen Declamatoren für einen „entsetzlichen Schnitzer" erklärt wurde! Diejenigen von uns, die im Strome des Zionismus gebadet haben, fühlen heute und erkennen es - dankbar, dass die Strömung so mächtig und reißend ist, dass sie uns selber fortträgt. Keine Rede sagt so viel wie unser Schweigen. Denn ich bin von Basel mit der Ueberzeugung - heimgekehrt, dass die Nation es ist, welche unsere Führer führt, - dass unsere Sache wert unseres Volkes, unser Volk aber mehr -- als wert unserer Sache ist. Selbstaufopferung hat die beiden ersten Congresse geschaffen; Selbstverläugnung wird die Thore des Paradieses öffnen, das unsere Seele sucht. Schon habe ich hier und dort die harte Rinde des Materialismus sich abkrümelu sehen, und wenn es uns erst gelungen ist, der Handelswelt zu zeigen, dass ihr Geld einem Ideal dienen ' kann, so werden wir die jüdischen Mäkler mit jenem Adel gettänkt haben, der dem Charatter der englischen Kaufmannschaft seinen Glanz verleiht. Der zweite Congress ist zu Ende. Das heißt, wir haben . Basel verlassen und unsere Fahne eingezogen. Aber der Geist des Congresses, der ewig-wache, unsterbliche, ward durch die sommerlichen Lüfte in. alle Lande getragen. Der zweite Congress ' kann nicht früher aus dem Gedächtnis der Menschen schwinden, ' als bis ihn in Wort und That der dritte überholt hat. Dass wir aus den vier Enden der Wett Zusammengekommenen einig und einttächtig sind — das ist ein Erfolg des zweiten Congresses. Des wollen wir uns freuen, damit uns erfrischen zu neuer Arbeit.

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