Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Article
- Referat von Leo Mozkin über Palästina
- Date
- 1898-09-09
- Page
- 12 (sequence 4)
- Language
- German
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fec*. c 12 dürfnisloses Element bilden, wie die Araber, oder ein isoliertes, wie die fremdländischen Christen. So ist es eine Thatsache, dass alle diese Handwerker und Kleinkrämer einander aufzehren, in düsteren Löchern wohnen, die Ställen gleich von irgend woher einen zweifelhaften Lichtschimmer erhalten und grauenhafte Dünste ausströmen. Kaum vermag man auch nur wenige Minuten in diesen zahllosen Wohnungen sich aufzuhalten und wundert sich immer mehr, wenn man mit diesen Unglücklichen in eine Unterhaltung geräth. Auch diese abgestumpften Menschen können fühlen, in Zorn gerathen und zuweilen sogar Hoffnungen hegen. Dieses personificierte Elend besitzt eine Zähigkeit, die uns an unseren Stamm mahnt. Was Wunder, wenn diese in einer bestimmten Atmosphäre auferzogene Gesellschaft, der es vor ihrer eigenen Heiligkeit graut, oft zur Bettelei ihre Zuflucht nimmt. Wer da durch Straßen Jerusalems schlendert und mitten in das Beten, Klagen, Schnorren hineingeräth, ist darum leicht geneigt, den Stab über Jerusalem zu brechen und vom Widerwillen erfasst, wird er aus den ersten obersiächlichen Eindrücken seine Schlüsse ziehen, ohne Spreu von Weizen zu sondern. Die Mehrheit fällt der Minderheit zum Opfer: das Unglück wird verdammt. Allerdings gibt es seit der Mitte dieses Jahrhunderts Bestrebungen, welche darauf zielen, das Los der Jerusalemer Juden zu mildern. Krankenhäuser und Schulen werden von der ^Ilianee Isradito, den Rothschilds und anderen gegründet, Häuser werden von verschiedenen Personen, so auch von Montefiore, für billige oder freie Wohnungen gebaut, aber alle Anstalten tragen den Stempel der Wohlthätigkeit und berühren kaum die Oberfläche. Der Mangel einer ökonomischen Grundlage wird nicht abgeschafft. Und dazu kommt noch ein anderer wichtiger Umstand, der das ganze jüdische Leben in Jerusalem vergiftet. Ich meine die Zerrissenheit und Zerspaltung, die unendlichen Jntriguen. Da gibt es nicht bloß aschkenasische und sephardische Juden, sondern solche nach Ländern, Provinzen und Gouvernements. Dank diesen gesonderten Verwaltungen schmelzen die zu vertheilenden Gaben arg zusammen, nachdem sie schon theilweise an den Orten der Sammlungen in unverhältnismäßiger Weise gekürzt worden. Der Kampf ums Brot schafft specielle Leidenschaften, hetzt die Kolelim gegeneinander, erweckt heuchlerischen Fanatismus. Auch der tiefeingewurzelte Hass der Kolelimführer gegen die Colonisation und Colonisten entspringt unzweifelhaft solchen Ursachen. In diesem Kampf hat der Fanatismus oft die hässlichsten Mittel angewendet, lügenhafte Pamphlete verbreitet und selbst zur Polizei gegriffen. Nur die Angst vor der Gesammtjudenheit bändigt sie oft. Aber was haben diese Elemente mit den hungernden Volksmassen gemein? Eine compacte Masse bilden demnach die Jerusalemer Juden nicht. Das Ghetto hat sie zusammengewürfelt und eine buntscheckige Menge erzeugt. Wir lesen in der Mannigfaltigkeit der Anomalien, die da heroortreten, unsere Geschichte und unsere Leiden. Wer ein Bild des gesammten jüdischen Volkes, von seiner Zerklüftung und Verstümmelung bekommen will, der suche alle russischpolnischen, galizischen, österreichischen, ungarischen, holländischen, westeuropäischen und rumänischen, grusinischen, jemenitischen, persischen, bucharischen Juden auf und dazu noch die spagnolischen. Letztere interessierten mich in erhöhtem Maße, weil ich mich immerwährend großer Namen erinnerte. Das sind die Nachkommen der Jehuda Halewi, Gabirol, Maimonides. Und was ist ihnen geblieben? Kaum eine Spur jenes Geistes, jener Lebendigkeit und Befähigung. Die spagnolischen Juden kommen mir wie verzauberte Prinzen vor, die den Dornröschenschlaf durchmachen. Nur ihre Grandezza, ihre Gemessenheit und Vornehmheit, die lebhaft von dem Wesen des aschkenasifthen Juden absticht, erinnert an das ehemalige Temparanrent, an ein großangelegtes Leben. Und alle diese Juden zusammen bilden eine furchtbare Anklage gegen die Verfolgungen seitens aller Völker und dürften den denkenden und fühlenden Nichtjuden tiestraurig stimmen: So sieht das Werk seiner Hände aus. Die materielle Noch an der Stätte des Verfalles hat dem Jerusalemer Juden den Much geraubt; er lässt sich von der anderen Bevölkerung die größten Beleidigungen gefallen. Wohl ist es auch der Duft der Heiligkeit, der sie gegenüber allen Verunglimpfungen gleichgiltig gemacht, sie genießen das Golus der Entwürdigung mit Wonne. Einen wirklichen Ruhepunkt bietet den dortigen Juden der Sonnabend, der sie gänzlich in die überirdische Welt versetzt. Ich muss es mir versagen, alle psychologischen Seiten des Jerusalemer jüdischen Lebens zu schildern, ich durste sie hier auf dem Congresse nur andeuten. Und wie in Jerusalem, so sieht es auch in allen Städten aus, in welchen Juden wohnen. Gegenwärtig gibt es in Palästina außer den Colonien folgende Anzahl Juden: Jerusalem.28.254 Hebron.1.420 Jaffa.3.000 Gaza. 75 Ramleh. 1 f.r> Akka. 130 Haifa. 1.375 öibort. 780 Liberias.3.200 Saffed.6.0.0 Stabulus. 120 Andere Ortschaften. 20 45J00 Die Armut soll in Saffed, Liberias und Hebron ncch größer als in Jerusalem sein. Wohin man auch kommen mag, hört man die Klage nach Arbeit, nach Land. Als ich in Hebron mit einem Synagogendiener ein Gespräch darüber anknüpfte, ob denn Familien vorhanden, die Landarbeit treiben würden, da entwickelte der sonst nicht beredte Mann eine wahrhafte Rhetorik: ich hatte offenbar den Punkt berührt, der ihn am meisten intereffiert. Dutzende von Familien seien sofort bereit, dem Rufe der Arbeir zu folgen, eine Behauptung, welche mir vom dortigen Arzte bestätigt wurde. Ich habe oft genug Gelegenheit, Juden aus den Städten arbeiten zu sehen, nicht nur in Jerusalem, sondern auch in verschieden Colonien, so in Rosch-Pinah, wo etwa 70 bis 80 Saffeder Jünglinge und Mädchen in der dortigen Seidensabrik um wenige Piaster täglichen Lohnes arbeiten, so in der Fässerfabrik von Sichron-Jakob, wo der Tageslohn 2 bis 5 Fr. erreicht, so im Keller von Rischon-Lesion, überhaupt in vielen Rothschild'schen Anlagen, in welchen indes die Pariser Anordnung, dass nur Juden in denselben arbeiten sollen, von der Administration leider umgangen wird, und auch bei einfachen Colonisten. Indes zwingt die Noch verschiedene, weiter zu wandern, nicht nur nach Damaskus, Beyrout, Aleppo, sondern auch noch nach England, Amerika und sogar Südafrika. Ihre einzige Hoffnung setzen die Palästinenser Juden auf die besseren Elemente unter dem Vorgeben, dass die Colonisationsthätigkeit sich in Zukunft auf sie erstrecken wird, zumal sich unter ihnen sehr viele befinden, die fast bedürfnislos, allen Schwierigkeiten der Colonisation gewachsen sind und es selbst mit den Arabern aufnehmen können: z. B. die jemenitischen, die in Jerusalem den schwersten Arbeiten sich unterziehen. Die Frage, ob nicht bald Colonien von eingeborenen Juden gegründet werden, ist demnach in Palästina eine brennende. So konnte sich auch in Jerusalem eine Gesellschaft „Ischub erez hakodesclr4 bilden, die zwar über wenige Mittel