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Die Welt · 1898-09-09 · 36 (9.9.1898) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
36 (9.9.1898)
Article
Referat von Leo Mozkin über Palästina
Date
1898-09-09
Page
11 (sequence 3)
Language
German
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Sette 11 päische Schule zur Erziehung für Knaben, die Lämelschule, wird gegründet. Der Idee nach, wenn auch noch verfehlt, kommt eine neue Wendung im Jahre 70 für die Gesammtjudenheit Palästinas durch die Gründung von Mikweh-Jsrael, der ersten jüdischen Ackerbauschule, von Cremieux enthusiastisch ausgenommen. Aber eine wirkliche Umwälzung bedeutet für die Jerusalemer Juden der Beginn der Colonisation. Wie von einer inneren Revolution werden die palästinensischen Juden aufgerüttelt, und ein Sturm der Entrüstung erhebt sich ob der Umwertung aller Werte. Während jedoch die Führer und Leiter die neue Einwanderung mit fanatischem Hass verfolgen, den hauptsächlich wohl auch materielle Interessen eingeben, beginnt in den unteren Volksschichten, dank der Thätigkeit intelligenter Zionsfreunde, eine andere Stimmung gegenüber der Neuerung aufzukommen und wird immer maßgebender für die palästinensische Bevölkerung. So sind wir jetzt mitten in der Dämmerungszeit. Wersen wir einen Blick in das gegenwärtige Jerusalem. Theilweise auf Trümmern des alten erbaut, hat es wenig Beziehung zum biblischen, keine Inschriften, kaum Namen, sonst geringe Reste. An Gräbern allerdings ist kein Mangel, und eine Spur ehemaliger Größe ist auch noch vorhanden : die Klagemauer, schon seit Jahrhunderten von jüdischen Thränen benetzt und mit unzähligen Sagen, Legenden und geheimnisvollen Märchen ausgestattet. Der frommgläubige, wie der heuchlerische Jude sind in gleicher Weise an dieser Mauer zu finden, echtes Gefühl und Zufchautragen erkünstelter Extafe nebeneinander. So kann man den äußeren Verfall unserer materiellen Existenz wie der Entartung unseres inneren Wesens an derselben Stätte beobachten, lind für uns, da wir an neues Leben denken, ist diese Klagemauer schrecklich, sie erinnert an Golus und Anomalie: es ist kein Weinen, es ist Stöhnen. Um die Klagemauer und die Gräber dreht sich der Gedankenkreis der meisten: alles mahnt den Jerusalemer Juden an Tod und Verfall. Die richtige Größe begeistert ihn nicht: solche Herrlichkeiten schafft man nicht aus eigener Kraft, aber sie können nicht für immer vergänglich sein, so denkt er. Also hofft er zuweilen, aber seine wundersame Hoffnung ist überirdischer Natur. Das Gefühl des Verfalles verlässt den Jerusalemer- Juden niemals, auch in seinem winzigen Dasein nicht. Denn er muss leben: aber wovon? Nun, wir wissen es ja, wir haben doch die gewohnte Antwort bei der Hand: Von der Chaluka. Jahraus, jahrein wird für diese Gesellschaft von Nichtsthuern gesammelt. Bekannt sind jener Zorn und jene Verachtung, welche wir alle gegenüber der altangesessenen Bevölkerung Palästinas hegen. Wie eine Schmach lastet dieses Schnorrerthum auf der ganzen Judenheit. Hin und wieder haben sich Stimmen gegen die Verdammung der Masse der jüdischen Bevölkerung erhoben, aber sie verhallten ungehört. Konnte dock) die Thatsache der Chaluka nicht aus der Welt geschafft werden. Und es ist wahr. Nach einer für unsere Zwecke speciell angestellten Statistik sind von den in Jerusalem befindlichen 15.216 aschkenasischen Juden nur etwa 775 auszunehmen, inTTeme Chaluka empfangen. Es genügk-rndes, die Summen kennen zu lernen, welche die Jerusalemer Juden erhalten, um einzusehen, dass man von solchen Stützen nicht nur nicht leben, sondern auch nicht hungern kann. Vor uns liegt folgende Tabelle: In Jerusalem gibt es nach einer sorgfältig angefertigten Statistik gegenwärtig 28.254 Juden, von denen 15.216 aschkenasischer und 13.038 sephardischer Abstammung sind: zu den letzteren sind auch grusinische, persische, jemenitische, bucharische u. s. w. gerechnet. Die ofsiciellen Chakulasummen, welche recht häufig bedeutend gekürzt werden, sind nach den Kolelim folgende: A s ch k e n a s i m. __ Frcs. Jahresgeld Seelen per Seele 1. Wilna und Samut. 2130 23 2. Slonin. 13<> 23—38 3. Minsk. 975 ii; 4-. Grodno. 1H7.0 -21 5. Pinsk. 700 0 G. Kartin. 3G5 h 7. Chabod (Anhänger einerbestimmten Zaddik's Familie). 9lo 33 8. Weißrussland. <>50 IG 9. Warschau. 13io 2G—130 10. Ssuwalk. Gif; 31 11. Wolhynien. 11 go ig 12. Bessarabien. lso n 13 Oesterreich. 119 ) 32 14. Ungarn . oso im 15. Holland und Deutschland .... 170 n;o IG. Moldau. 500 13 17. Walachei. 120 13 18. Ohne Kolel. GOO 31 Außerdem sind noch 75 amerikanische Juden, die einen Specialkolel gründen wollen, und 775 aus verschiedenen Ländern, welche die Chaluka verschmähen. Zusammen 15.216 Seelen. Was die 13.038 sephardischen Juden anbetrifft, so erhalten von ihnen nur wenige, die ärmsten 31/., Frcs. per Seele Jahresunterstützung, während der Löwenantheil für Stadtausgaben und hauptsächlich für Chachamim (officiell i—55 Frcs. per Seele», die „Zier Israels" genannt, verwendet wird. Wenn man bedenkt, dass auch von den 14.411 aschkenasischen Juden,, die Unterstützungen erhalten, 1650 (32'2 Percent), eine Jahressubvention von 6—16 Frcs. und 8430 (58 Percenl), eine solche von nur 6—23 Frcs. erhalten, so leuchtet es von vornherein ein, dass die sephardischen wie die aschkenasischen Juden zum allergrößten Theile daraus angewiesen sind, sich irgend einen Erwerb zu suchen. Nur die 1150 Seelen aus Ungarn. Holland und Deutschland, welche 110, resp. 160 Frcs. pro Seele Jahressubvention erhalten, und eine Anzahl sephardischer Chachomim können von der Chaluka existieren, weil sie noch außerdem von Wohlthätigkeitsanstalien freie Wohnungen erhalten. Die übrigen Tausende jüdischer Familien befinden sich in einer derartigen Noth, dass das Wort „Faullenzer" ganz unangebracht ist. Die vorgenommene Berufsstatistik lehrt uns, dass es in Jerusalem 2576 Arbeiter und Handwerkes) gibt, d. h., wenn man eine Familie auf 5—6 Personen rechnet, dass mehr als 45 Perceut von ihrer Hände Arbeit leben oder leben wollen Hinzu komnit die große Menge von Kleinkrämern, Hausierern, Dienern u. a. Es gibt keine Beschäftigung, auch von den allerschwersten, der sich der Jerusalemer Jude nicht zuwenden mag. Und wenn es auch wahr ist, dass hunderte jüdischer Familien nur vom Beten und Lernen in Jeschiboth und Synagogen existieren, so muss man doch das Gros der jüdischen Bevölkerung Jerusalems eher als eine arbeitslose Masse betrachten. Der Kamps ums Dasein wühlt fürchterlich in der heiligen Stadt. Es gibt zwar auch wohlhabende jüdische Familien, so etwa 100 aschkenasische und 140 sephardische Familien, die je ein Vermögen von IO.oqo Frcs. besitzen, aber auch diese Gelder sind meistens totes Capital. Man findet dort sehr viele Juden, die um wenige Metalliks, 50—60 Centimes, Tageslohn bereit sind, schwere Arbeit auszuführen. Woher aber soll dort Arbeit vorhanden sein, da es keine jüdische Ackerbevölkerung als Grundlage gibt, und die Nichtjuden entweder ein rohes, be- *) Anmerkung: Darunter 75 Bäcker, 301 Schneider und Schneiderinnen, 124 Steinklopfer und Sleinhauer, 37 Drechsler. 319 Tischler, 55 Träger, 95 Bauarbeiter, 325 Schuhmacher und Schuhflicker u. s. m.

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