Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 36 (9.9.1898)
- Article
- Referat von Leo Mozkin über Palästina
- Date
- 1898-09-09
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 10 die türkische Regierung allen diesen Vorgängen thatenlos zuschaut. Die englische und französische Sprache ringen miteinander um die Herrschaft, während die anderen Kirchen direct darauf ausgehen, materielle Güter im Lande zu erwerben. Ländliche Colonien im vollen Sinne des Wortes haben nur die Deutschen in der Nähe von Jaffa, Haisa, Rephaim geschaffen und bilden darum ein nicht unbeträchtliches, ansässiges Element in den Centren, wo sie auch Geschäfte betreiben, Hotels besitzen u. s. w. Die sranzösische Kirche bemüht sich, katholische Dörfer von Eingeborenen zu gründen und zu stützen. So ist das Palästina der Jetztzeit ein buntes Gemisch von Wildheit und Touristen- und Pilgercultur, von Europa in seinen Formen, aber nicht in seinem Wesen beeinflusst, von keinem Elemente völlig beansprucht. Eine vollständig richtige Statistik über die Einwohnerzahl ist bis setzt nicht vorhanden. Man muss zugestehen, dass die Dichtigkeit der Bevölkerung nicht dazu beiträgt, den Besucher Palästinas in eine freudige Stimmung zu versetzen. In ganzen Länderstrichen sind fortwährend große arabische Dörfer anzutreffsn. und es ist eine feststehende Thatsache, dass die fruchtbarsten Gegenden unseres Landes von Arabern besetzt sind, so auch die vielgerühmte Jesreelebene, welche aus Auge und Gemüth einen wunderbaren Eindruck macht. Die gewöhnliche Angabe, die amtlichen Berichten entnommen ist, geht dahin, dass Palästina höchstens <».',0.000 Personen, beherbergt, doch ist diese Zahl zweifelhafter Ratur^Was die Größe des ehemaligen Palästina anbetrifft, so umfasst die englische Karte des Westjordanlandes einen Flächenraum von 10010 Quadratkilometern, während das Qj&ßXpLauIaaö sicherlich ein Drittel des Landes bildet, so dass man mit Recht von einem Gebiet von beinahe 80.000 Quadratkilometer sprechen kann, das wegen des gebirgigen Bodens in Wirklichkeit größer gerechnet werden kann.' Indes haben ja die Grenzen deS biblischen Palästina oft gewechselt, so dass eine Zeit auch Damaskus den Juden gehörte, ebenso Philistäa, wo ein Theil der jüdischen Eolonien sich befindet. Was ganz Syrien anbetrifft, io soll die Gesammtzahl der Einwohner sich auf 272 —23., Millionen belaufen, d. h. bei circa 280.000 Kilometer 0—10 Seelen auf den Quadratkilometer (gegen 00 in Deutschland und 100 in Belgien.) Es ist nicht meine Ausgabe, über die Fruchtbarkeit des Landes zu sprechen. Noch dürfte bisher selbst von den in der Colonisation Thätigen Memand ein abgeschlossenes Urtheil über das ganze Land fällen können. Dazu ist ein specielles, unseren Verhältnissen und Forderungen angepasstcs Studium vonnöthen: aber eine subjective Ansicht sei gestaltet. Für mich erwies sich Palästina oft als das Land der Wunder, die Fruchtbarkeit ist an manchen Stellen ebenso erstaunlich, wie die Dürre des Bodens an anderen. Man kann sagen, dassder Himmel und die Sonne den f r u ch b a r st e n Theil P a l ä st i n a s bilden. Nur dank den klimatischen Verhältnissen ist Frucht aus Steinen und Sand hervorgebracht worden. Aber man täusche sich nicht: es gibt Länderstriche, auf die nicht einmal der palästinäische Himmel einwirken kann, z. B. wo die Steine, an denen Palästina außerordentlich, sagen wir zu reich ist, in geschlossener Masse den Boden bedecken. Wer in Palästina umherreist, kann oft den schroffen Uebergang von wüster Gegend zu paradiesischer Schönheit und blühenden Gärten bewundern. So sticht die nähere Umgebung Jaffas von der entfernteren grell ab. Es ist, rvie Russegger schon vor 00 Jahren schrieb, eine üppige, wildkräftige Vegetation. „Es ist ein Dickicht von Feigen-, Orangen- und Citronenbäumen, die unter der Last ihrer goldenen Früchte sich beugen, mitten im lebendigsten Grün glüht die brennendrothe Blüte des Granatbaumes: die Farbenpracht dieser Gärten gleicht tropischen Bildern. Diese berühmten Gärten befinden sich im Besitze der Araber, welche noch immer keine europäische Pflege anwenden. Die Sümpfe tragen» viel dazu bei, einen solchen Reichthum der Natur zu schaffen, aber in allen solchen Fällen leuchtet es ein, was das Land, das eine wunderbare Mannigfaltigkeit der Naturproducte bietet, bei großangelegter Bewässerung werden könnte. Die deutschen Colonien bilden ebenso wie die jüdischen geradezu Oasen. Mit Recht nimmt man an, dass jene Gegenden wüst sind, weil sie nicht hinreichend cultiviert sind, weil noch nicht einmal der Versuch einer rationellen Cultivierung gemacht worden, da wir den Beweis haben, dass aus Sand Wein gemacht worden, und in wüsten Ortschaften Oliven und Maulbeerbäume emporgewachsen sind. Aber zu gleicher Zeit konnten wir erfahren, dass verschiedene Versuche in den einzelnen Colonien fehlgeschlagen sind, da sich der Boden als nicht ergiebig bewiesen; selbst mehrfache Experimente und Culturwechsel haben nichts gefruchtet. Als zum Theil jahrhundertlang nichts bebautes, deshalb auch nicht erkanntes Land ist es häufig launisch und schafft nicht selten Enttäuschungen. Die Öede und Verwüstung rufen oft ein beklemmendes Gefühl hervor, aber dieses verschwindet beim Anblick einer europäischen Ansiedlung. Wunder der Natur und der Culturarbeit bildet die Verwandlung des Sandes von Rischon-Lezion und der Steine von Samarin in prangende Weinpflanzungen. Zukünftiges Studium wird uns lehren, wie weit solche Verwandlungen möglich. Wenden wir uns von der Betrachtung des Landes ab und richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die jüdische Bevölkerung. Wie alt ist sie? Seitdem das jüdische Staatswesen zerstört worden, haben die Juden immer wieder Versuche gemacht, sich in ihrer alten Heimat anzusiedeln. Ihr actives Heldenthum war erstickt, nachdem Hunderttausende auf Schlachtfeldern und in Befreiungskämpfen gefallen, nachdem die Brutalität der Römer Palästina von den Juden gesäubert. Auch nach dem Fall Roms konnten die Juden nur mit Schmerzen ihres Landes, ihrer Städte, ihrer Berge gedenken. „Aus dem Heimweh quoll ihre Poesie" — und das war echte Volkspoesie. Einzelnen gelang es doch, in das Land ihrer Sehnsucht zu dringen. Aber alle Kämpfe und Umwälzungen, welche das vielumstrittene Land hervorgerufen, übten vor allem ihre Wirkung auf die Juden aus. Unzähligemale wurden sie hingeschlachtet, fielen als Opfer ihrer Sehnsucht. Unter der türkischen Herrschaft beginnt eine regelrechte Niederlassung von Juden in Palästina, obgleich es auch da nicht an Verfolgungen gefehlt hat. Vor etwa 700 Jahren suchten 800 Rabbiner, welche aus Frankreich und England kamen, die jüdische Gemeinde zu stärken, und Nachmanides erneuerte die zerstörte Gemeinde von Jerusalem. Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien wanderte ein Theil derselben nach Jerusalem, während gleichzeitig etwa eine jüdische Gemeinde in Saffed gegründet wurde. Vor mehr als 300 Jahren trat eine L-cheidung zwischen sephardischen und aschkenasischen Juden hervor. Die aschkenafische Gemeinde, am Anfänge des 17. Jahrhunderts verfolgt und vernichtet, im Jahre 1000 von R. Jehuda Chossid, dessen Name sagenumwoben ist, wieder erneuert, war nachher von neuem dem Verfalle nahe. Erst seit 1812 findet beständige Einwanderung aschkenasischer Juden statt und erleidet eine Störung mit dem Beginn der Masseneinwanderung. Im Laufe dieses Jahrhunderts wächst auch die jüdische Bevölkerung von Tiberias, Hebron, Saffed u. s. w. und erweckt das Interesse europäischer Juden. Es beginnt eine Reihe von Wohlthätigkeitsgrüudungen, die Armut und Bettelei werden sanktioniert. Und mit dem Wachsthum der Bevölkerung wächst auch gleichzeitig der Fanatismus, die Heuchelei und Jntriguensucht. Im Jahre 1856 wird der. erste kühne Versuch gemacht, Cultur nach Jerusalem hineinzutragen: eine euro-