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Die Welt · 1898-09-09 · 36 (9.9.1898) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
36 (9.9.1898)
Article
Referat von Leo Mozkin über Palästina
Date
1898-09-09
Page
9 (sequence 1)
Language
German
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yit. 36 jrt$we: Serte 9 Referat von Leo Mozkin über Palästina. Geehrtes ersammlung! Ende April dieses Jahres wurde in den Wiener Vorconferenzen, zu welchen außer dem Wiener Centralcomitä noch eine Anzahl auswärtiger Zionisten hinzugezogen worden waren, der einstimmig angenommene Beschluss gefasst, eine Untersuchung über die socialen und ökonomischen Verhältnisse der Juden in Palästina ansiellen zu lassen. Dieser Beschluss bezog sich eigentlich aus die altangesessene Bevölkerung, um in Erfahrung zu bringen, welche Aussichten die palästinensischen Elemente sür die Zukunft bieten, und ob dieselben eventuell für colonisatorische oder industrielle Unternehmungen geeignet seien. Bald wurde es jedoch klar, dass die Kürze der Zeit eine derartige gründliche Arbeit nicht zulasse: der betreffende Beschluss wurde deswegen zugleich verengert und erweitert. Die Untersuchung sollte nunmehr die gesammle jüdische Bevölkerung Palästinas mit besonderer Berücksichtigung der Colonien umfassen, andererseits keine abgeschlossene Arbeit schaffen: die Forderung wurde gestellt, einen Blick in das gegenwärtige jüdische Palästina zu thun, so weit es gienge, statistische Daten zu sammeln und vor allem die Impressionen social- und völkerpsychologischer Natur dem Congreffe wiederzugeben. Erst nachdem diese Einschränkung vorgenommen worden war, konnte ich mich entschließen, diesen Auftrag zu übernehmen, während ich es es vorher abgelehnt hatte, eine bis zum Congreffe unausführbare Untersuchung anzustellen. Um meinen Zweck zu erreichen, bereiste ich fast alle jüdischen Colonien, Jerusalem, Hebron, Liberias, Jericho u. s. w. Ich musste mir manches versagen, das ich so gerne näher erforscht oder besichtigt hätte, aber ich war gezwungen, mit der Zeit außerordentlich knapp umzugehen,- um auch nur einigermaßen meiner Pflicht zu genügen. Mein System bestand darin, mit den verschiedenartigsten Kreisen in Berührung zu kommen, vor allem jedoch mit möglichst vielen Leuten aus dem Volke Unterhaltungen anzuknüpfen und unauffällig aus ein Gespräch über ihr Leben überzugehen. Feld und Haus, Schule und Synagoge mussten in geeigneter Weise ausgesucht werden, während die Straße oft die nöthige Belehrung gewährte, Anlass und Anhaltspunkt zu weiteren Studien bot. An verschiedenen Stellen hielt ich mich längere Zeit auf. um aus eigener Anschauung etwas vom Leben zu beobachten, so in Sichron-Jakob. Chedera, Kastinieh, Rischon-Lezion, Jerusalem, Jaffa; an anderen Punkten musste ich mich mit kurzen Beobachtungsfristen begnügen. Schon aus meinen früheren Worten erhellt es, dass meine Arbeit das Thema des jüdischen Palästina nicht im geringsten erschöpft, dass eine viel gründlichere Untersuchung am Platze ist; doch würde es rathfam sein, eine solche Untersuchung mit einer größeren Forschungsarbeit zu vereinigen, wenngleich ich die feste Ueberzeugung hege, dass meine allgemeinen Ansichten über die jüdischen Verhältnisse auch nach einem längeren, ruhigeren Studium die Bestätigung finden werden. Indes handelt es sich nicht nur darum, die Zustände und Eigenthümlichkeiten unserer palästinensischen 'Brüder detaillierter zu erforschen, sondern es ist von allergrößter Wichtigkeit, das Land genau zu studieren, eine vollkommen ausgearbeitete Ansicht über die klimatischen und hygienischen Verhältnisse zu erlangen, die Aussichten und Möglichkeiten neuer Industrien, sowie die legislatorischen Verhältnisse sestzustellen. wodurch wir Klarheit über den Wert und die Richtung unserer Bestrebungen in höherem Maße als durch Disputationen erlangen werden. Durch ihre ausgeprägten Zwecke würde eine solche Commission sich von den bisherigen nichtjüdischen, auf die mancher mit Unrecht als Ersatz Hinweisen dürfte, scharf unterscheiden, da sie weder kirchliche, noch historische, ja nicht einmal wissenschaftlich-geographische Studien topographischen Charakters verfolgen würde. Sie würde nach einem Specialstudium mit Daten in der Hand auf die Frage antworten können, ob das größere Palästina in der Lage ist, Millionen von Juden aufzunehmen, inwieweit die klimatischen Verhältnisse einer massenhaften Ansiedlung günstig sind, unter welchen Umständen eine gedeihliche Colonisation möglich. Rur nachher kann eine begründetere Propaganda geführt und rationelle Thätigkeit entfaltet werden, speciell auch, um zur Schaffung eineröffentlich-rechtlichen Basis beizutragen. Denn auch die Kenntnis des ökonomischen Wertes des Landes und der Chancen seiner Regenerierung verleiht eine gewisse Macht. Allerdings fehlt es nicht an Untersuchungen Palästinas seitens verschiedener christlicher Völker. Ich spreche natürlich nicht von den unzähligen Beschreibungen, die in früheren Jahrhunderten und noch am Anfang des unserigen fast ausnahmslos gebräuchlich gewesen: das waren meistens Aeußerungen bestimmter Gefühle, durch den Glauben hervorgerufen. Jeder Stein rief Hallucinationen hervor und versetzte die Menschen in die Traumwelt. Welchen Wert gerade Träume auch bei unserer historischen Arbeit haben, wissen wir wohl, da wir doch auch immer mit seelischen Stimmungen rechnen, aber für unsere praktische Thätigkeit und unseren Unternehmungssinn haben nur jene Forschungen eine gewisse Bedeutung, die seit Mitte dieses Jahrhunderts begonnen, da sie theilweise auch die geologische und meteorologische Seite berücksichtigt haben. Seit den Fünfziger-Jahren hat sich das Interesse verschiedener Länder Palästina zugewandt, meistens von bestimmten Gesellschaften ausgehend. Zuerst von Frankreich her, das feit Napoleons abenteuerlichem Zug nach Palästina, an welchem auch zahlreiche Forscher theilgenommen, eine besondere Aufmerksamkeit den heiligen Stätten schenkt und im Orient den .Katholicismus vertritt, alle katholischen Bestrebungen wahrnehmend. Sodann kommen England, Deutschland und Russland. Immer sind es von vornherein religiöse Gesichtspunkte, welche die betreffenden Gesellschaften veranlassten, in Palästina Einfluss zu suchen, aber allllmählich bildeten sich Machtbestrebungen heraus; die Volksmassen allerdings blieben ihnen fern. Die Literatur über diesen Gegenstand ist ins Ungeheure gewachsen, die wissenschaftliche Form hat die kirchliche verdrängt. Einzelne Personen waren es anfangs, die das Land zu erforschen begonnen, Forscher wie Ritter, Robinson, Seetgen, Lusner, Tobler u. a. widmeten sich dieser Thätigkeit. In den Sechziger Jahren trat eine Wendung ein, Gesellschaften werden gegründet, um das Gebiet aufs genaueste zu erforschen, vor allem die berühmte englische, welche zahlreiche Arbeiten veröffentlicht und, wie Ankel sich ausdrückt, das bedeutendste geleistet hat, was je in systematischer Erforschung eines außereuropäischen Landes geschehen ist. Nachher kommen der deutsche Palästinaverein und die orlhodore Gesellschaft, welche Mittheilungen und Sammelbücher herausgeben. Karten von ungeheuren Dimensionen sind angefertig: worden. Die Vertreter einer Nation beschuldigen häufig die Vertreter der anderen, dass sie neben wissenschaftlichen und kirchlichen noch andere Gedanken hegen — und diese Gegenseitigkeit ist unser Trost. Eine bibliographische Zusammenstellung für das Jahr konnte 5K> Werke und Aufsätze über Palästina aufweisen, wovon allerdings nur ein Bruchtheil wissenschaftlichen Charakter trägt. England suchte durch seine wissenschaftliche Gesellschaft den französischen Einfluss zu stören, Teutschlaud gründete in aller Ruhe Colonien, während Russland möglichst viele kirchliche Niederlassungen und Hospize stiftete. Man braucht nur einen Blick in das gegenwärtige Palästina zu thun, um sich zu überzeugen, dass das Land ein Kampfobject der verschiedenen Kirchen bildet, während

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