Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- Rechenschaftsbericht des Actions-Comités
- Date
- 1898-09-02
- Page
- 16 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 16 Nr. 35 Koh an-Bernstein schließt sich dem Anträge Marmore! an. Die Verdienste des Actio nscomitcs seien in Anbetracht der beschränkten Msttel doppelt hoch anzuschlagen. . Fabius Schach bringt' dem Congresse die beabsichtigte Institution eines Nationalfondes wieder in Erinnerung. Die Colonialbank sei nur eine Zwischenstufe zu diesem Endziele. Der Plan eines Nationalfond es dürfe umsoweniger in Vergessenheit gerathen, als er das theuere Vermächtnis eines theueren Todten sei — des Profepors Schapira. Durch die Stärkung der sinanziellen Lage werde auch eine zweite Hauptaufgabe, die Agitation. gefördert. Schlaposchnikoss spricht russisch. Auch die Delegierten, die der russischen Sprache nicht mächtig sind, verfolgen die einzelnen Wortwendungen mit sichtlichem Interesse. Sie lasten die wohlklingenden Laute wie eine fremdartige Musik auf sich einwirken. Bernstein-Kohan verdolmetscht die russischen Worte. Schlaposchnikoss bemerkt zum Referate des Herrn Doctors Schnirer, dass der erste Baseler Congress eine größere Anzahl russischer Zionsfreunde» die früher nicht politische Zionisten gewesen, für das Baseler Programm gewonnen habe. Der Zuwachs an russischen Zionisten von ausgesprochen politischer Richtung lasse sich aus der Formulierung des Baseler Programmes auf dem ersten Congresse erklären. Dr. Heinrich Löwe spricht sich in ähnlichem Sinne aus wie Dr. Friedemann. Tie Sitzung wird auf zehn Minuten unterbrochen. Dem neuerdings znfammentretenden Congress macht Dr. H e r z l die Mittheilung, eine Adreste aus Amerika benachrichtige den Congress, dass aus Anlass der heurigen Baseler NationAlversammlung die beiden Gruppen amerikanischer Zionisten, die bisher getrennt marschierten, sich zu gemeinsamer Arbeit unter der Fahne des politischen Zionismus geeinigt haben. (Lebhafter Beifall.) Dr. H e r z l verliest noch die Einladung zu mehreren Versammlungen und Besprechungen, die im Laufe der folgenden Tage stattfinden sollen. Hierauf wird die Sitzung bis 8 Uhr abends unterbrochen. (A b e n d s i tz u n g.) Vorsitzender: Chief-Rabbi Dr. Gaste r. Del. M. Moses, Referent des Finanz-Ausschusses, verliest das Resultat der Nachmittags - Sitzung: es hat folgenden Wortlaut: „Der Finanz-Ausschuss des Congresses hat die Bücher und sinanziellen Ausweise des Actions comites sorgfältig geprüft und sich davon überzeugt, dass die finanzielle Gebarung eine vollkommen tadellose und musterhafte, und die Buchführung eine exacte und übersichtliche war. Es wurden bei umsichtiger Wirtschaft mit den Schekelgeldern nicht allein die Verwaltungskosten des abgelaufenen Jahres gedeckt, sondern auch noch ein activer Ueberschuss von 01.251 Frcs. 89 Ets. erzielt. Wenn man bedenkt, welche Kosten die lebendige Erhaltung einer so colostalen, über alle Welttheile verbreiteten Bewegung naturgemäß verursacht, so ist die Gebarung, die ein solches Ergebnis zutage fördern konnte, unter allen Umständen als eine befriedigende anzusehen. Der Finanz-Ausschuss stellt daher einstimmig den Antrag, dass dem Actionscomit« das Absolutorium zu ertheilen und insbesondere dem Herrn Dr. O. Kokesch für seine hingebungsvolle Mühewaltung und dem Secretär des Congresses, Herrn A. H. Reich, für die ausgezeichnete Bewältigung des technischen Materials der Dank ausgesprochen werde." (Anhaltender Beifall aus der ganzen Versammlung.) Dr. Heinrich Loewe verlangt einige Details bezüglich des Verhältnisses zwischen Einnahmen und Ueberschuss. Del. Rappaport sen. meldet sich zum Wort und macht zum Referate Schnirer die Mittheilung, dass die im Referate erwähnten Pariser Zionisten, die früher nicht auf dem Boden des politischen Zionismus standen, seit dem ersten Baseler Congress sich dem Baseler Programm angeschlossen haben. Ein Delegierter fragt um Auskunft, was im Referate Schnirer unter „sicheren Garantien" verstanden sei. Er beherrsche die deutsche Sprache nicht genügend und wolle informiert sein. Del. M e n c z e l gibt die Anregung, man möge die Grenzen der Discussion über das Referat Schnirer weiter ziehen und aus dem darin gegebenen Materiale auf die Discussion allgemeinerer Gesichtspunkte eingehen. Redner erklärt, er habe von der Bukowina aus in die wahrhaft bewundernswerten Leistungen des Actionscomit^s einen Einblick gewinnen können. Die Arbeit, die das aus wenigen Personen bestehende Comit« in einem Jahre bewältigt habe, sei eine erstaunliche. Der Congress müsse den Mitgliedern des Actionscomitüs zu größtem Danke verpflichtet sein. ,,Stürmisch.r Applaus.) Dr. S. R. Landau kündigt den Congresstheilnehmern an, dass er die vom Vorredner gegebene Anregung nicht befolgen und den Rechenschaftsbericht des Actionscomites von keinem höheren Gesichtspunkte aus untersuchen werde. Demgemäß spricht er sein Erstaunen darüber aus. dass das Actionscomite einem Anträge, den er am ersten Baseler Congress eingebracht, nicht die entsprechende Aufmerksamkeit zugewendet habe. Was denn das sei! Zudem habe er" damals nicht unterlassen, den Antrag zu motivieren. .Das Actionscomite sei ausgefordert worden, ein Verzeichnis zu verfassen, in dem alle zionistrschen Blätter, die als Parteiorgane zu gelten haben, eingetragen sind. Das Verzeichnis liege nicht vor. Dann habe er vor einem Jahre beantragt, dass eine statistische Commission zusammentrete. Er selbst sei vom Wiener Actionscomitczu den Sitzungen der Commission eingeladen worden, persönliche Rücksichten hätten ihn aber abgehalten, an den Arbeiten der Commission sich zu betheiligen und in ihr Wirken Einblick zu nehmen. Nun wisse er nichts über das Wirken der Commission. »Somit sei der Antrag, den er am ersten Congress eingebracht, stiefmütterlich behandelt worden. Was denn das sei?! Auch sei das Geld des „kleinen Mannes", nämlich der Schekel, im Finanzberichte nicht hinlänglich detailliert behandelt . . . Del. Willy Bambus äußert sich dahin, dass die Delegierten wohl da sind, um an dem Finanzberichte und dem Schekel Kritik zu üben, dass es aber nicht angehe, hierbei zu weit zu gehen. Der Revisionscommission müsse das absolute Vertrauen geschenkr werden. Dann schlägt Redner vor, es möge dem Congress ein Budget des kommenden Jahres vorgelegt werden. Einnahmen und Ausgaben sollen annäherungsweise festgestellt werden. Redner erkennt die Leistungen des Actionscomitäs an, es möge aber daneben nicht der Arbeiten vergessen werden, die auf das Conto der Landes-Organisationen und des Bankcomitüs kommen. Mit dem Passus des Referates Schnirer, der von der Verständigung der Colonisationsvereine und der politischen Zionisten handelt, könne er sich nicht einverstanden ecklären. Es seien noch humanitäre Vereine vorhanden, mit denen man nicht so ohneweiters werde Hand in Hand gehen können. Vielleicht wird sich später eine Grundlage der Verständigung ergeben. Redner findet einen Widerspruch darin, dass man die Betteljuden in Palästina nicht dauernd unterstützen wolle, während man für die galizischen Arbeiter und Kleingewerbetreibenden, die über Stacht durch Excesse ins Elend gerathen sind, einmalige Sammlungen einleite. Redner legt es weiterhin dem Actronscomite nahe, im Wiederholungsfälle von Judenexcessen politische Schritte zugunsten der Bedrohten zu unternehmen/Redner bespricht hierauf die Vorwürfe, die man dem Actionscomitö wegen der discreten Behandlung und Durchführung der einzelnen Actionen mache. Er billigt dieses Vorgehen des Wiener Comitös in heiklen Fragen, weist aber auf eine von den russischen Zionisten ausgehende Anregung hin, das Actionscomite möge sich in discreten Angelegenheiten mit einem eigens zu diesem Zwecke zusammengestellten Collegium von Vertrauensmännern von Fall zu Fall in Verbindung setzen. Del. Sch laposchnikoff spricht sich in russischer Sprache für einen detaillierten Ueberschlag des Schekels aus, damit man, wenn die Mittel nicht ausgiebig genug erscheinen sollten, die Anstrengungen im Einzahlen erhöhe. Del. Herb st sieht den Hauptvortheil des Schekels in den statistischen Folgerungen, die man daraus auf die Verbreitung und Zunahme unserer Bewegung ziehen könne. Del. Dr. W i l i n s k i macht den Vorsitzenden Chiefrabbi Gaster darauf aufmerksam, dass die Gallerie sich zu Kundgebungen hinreißen lasse. Ter Vorsitzende beantwortet diese Interpellation dahin, er habe die freien parlamentarischen Gewohnheiten seines Geburtslandes auch in Basel zur Anwendung gebracht, und er sehe keinen Grund, die Gallerie in Ketten zu legen, insolange die Würde der Verhandlungen durch das Benehmen der Gallerie. besucher nicht beeinträchtigt werde. Sollte eine Störung von der Gallerie ausgchen, so werde er sicher seines Amtes walten. (Die Gallerie applaudiert.) Del. Dopkin bittet um eine nähere Erläuterung des Ausdruckes „öffentlich-rechtlich", der sich im Referate Schnirer vor- Fabius Schach spricht über den Wert der Kritik. Der Weg zur Neuerung führe über die Kritik des Gegenwärtigen. So beginne der „Judenstaat" Herzls mit einer Kritik der bestehenden Zustände. Redner will die Agitation so stark als möglich betont wissen. Die Ausgabe von Flugblättern müsse größere Dimensionen annehmen Chiefrabbi Dr. Gaster: Die Herausgabe eines Flug, blattes ist eigentlich nicht nothwendig. Es ist ein sehr gutes Flugblatt da — die Bibel. — Es ist Schluss der Debatte beantragt. Zum Worte gemeldet sind noch Dr. Kokesch und Doclor Herzl. Ich bringe den Antrag auf Schluss der Debatte mit Anhörung der gemeldeten Redner zur Abstimmung." (Der Antrag erscheint angenommen.) Fortsetzung auf Seite 17