Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- Rechenschaftsbericht des Actions-Comités
- Date
- 1898-09-02
- Page
- 17 (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 3o j Kohan-B ernstein bittet um das Wort zur Geschäftsordnung und ersucht um Redefreiheit für den Schluss seiner Rede, die er früher nicht habe beendigen können, da er durch ein Missverständnis das Wort verloren habe. Der Vorsitzende ertheilt ihm das Wort zur Fortsetzung der Rede. Kohan-B e r n st e i n spricht sich in schmeichelhafter Weise über das Wirken des Actionscomites aus. Doch verlange er noch mehr von den Mitgliedern des Comitös. Und wenn sie noch tausendmal mehr arbeiten würden als jetzt, so würde er doch immer wieder mit neuen Ansprüchen an sie herantreten. Er sei überhaupt nicht zufriedenzustellen. Der Zionist muss alles vernachlässigen und sich ganz und gar seiner Bewegung in die Arme stürzen. Und wenn er sein ganzes Sein dem Zionismus hingeben wollte, es wäre kein erschöpfendes Opfer — er müsste immer noch geben. Redner spricht sich gegen den Antrag Bambus aus, mit der Begründung, dass die Einnahmen des kommenden Jahres unberechenbar seien. Dr. O. K o k e s ch gibt die kurze Erklärung ab, dass er an den Finanzausschuss das Verlangen gestellt habe, dass dem Plenum sämmtliche Bücher, Tabellen und Belege sammt den Details des Schekeleinlaufes vorgelegt werden. Dieses Verlangen sei abgelehnt worden. Dr. E l l m a n n erklärt als Mitglied der Prüsungscommission, dass im Schoße dieser Körperschaft der Beschluss gefasst worden sei, die Details nicht der breiten Oeffentlichkeit zu übergeben. Dr. Herzl: „Die Kritik, die an dem Rechenschaftsbericht geübt wurde, war erträglich, und ich wünsche, dass unsere Nachfolger im nächsten Jahre es nicht schwerer haben sollen als wir. Die Fragen, die an das Aetionscomitä gestellt wurden, will ich von Mann zu Mann beantworten. Zunächst die Frage, was wir unter sicherer Garantie verstehen. Wir haben das oft genug, gesagt, und es wäre namentlich eine müßige Wiederholung dessen, was den ganzen ersten Congress ausgefüllt hat. In Kürze so viel: Es ist die Garantie öffentlich-rechtlicher Sicherheit, ohne die wir uns eine dauernde Lösung der Judenfrage nicht vorstellen können. Es handelt sich für uns nicht um momentane Erfolge, die vielleicht darin bestehen, dass wir den Güter- und vielleicht auch den Menschentransport lebhafter gestalten. Es handelt sich uns darum, einen dauernden Zustand zu schaffen. An der Schaffung dieses Zustandes arbeiten wir, arbeiten wir jeden Tag. Ich habe Ihnen nie versprochen, zu welcher Zeit das Werk vollendet sein sott. Es handelt sich darum, die Bedingungen, die nothwendig sind, herzustellen. Wenn die Bedingungen an der richtigen Stelle an gelangt sind, so sollen die einzelnen Fäden verknüpft werden. Sie müssen sich gedulden. Wer geglaubt hat, dass wir eine traumhafte Arbeit in kurzer Zeit machen werden, der hat uns nicht verstanden, oder er hat sich Illusionen hingegeben. Eben weil wir eine ruhige, ernste Arbeit machen wollen, müssen wir uns in Geduld fassen. Ein anderer Redner, Herr Dr. Land a n, ist mir verschiedenen Anfragen an das Actions comitherangetreten, von denen ich die erste nicht verstanden habe. Vielleicht erklärt er uns jetzt, was er meint. Dr. Landau erhebt sich von seinem Sitze und gibt die gewünschte Erklärung. Er habe angefragt, warum das Äctiouscomite noch nicht das Verzeichnis jener Blätter veröffentlicht habe, welche als Parteiblätter anzusehen seien. Dr. Herzl erklärt, dass dem Actionscomitö ein Organ zur Verfügung stehe, welches nicht die öffentlichen Gelder belaste und gleichwohl die Verlautbarungen des Actionscomitös der Oessentlichkeit übergebe. Blätter jedoch, welche dem Zionismus Opposition machen und das Actionscomitü bekämpfen, zu Parteiblättern zu stempeln, wäre eine Milde und Duldsamkeit, zu der wir uns noch nicht aufgeschwungen haben. Im übrigen kann ich dem Herrn Interpellanten noch die Mittheilung von der bevorstehenden Herausgabe eines Jargonblattes machen, das gleichfalls die öffentlichen Gelder nicht belasten wird und unter Umständen dem Actionscomitö zur Verfügung gestellt wird. Was die 'Anfrage der statistischen Commission betrifft, so habe ich Folgendes zu bemerken. Die statistische Commission existiert und hat schon seit geraumer Zeit ihre Arbeit ausgenommen. Tr. Landau wurde zur Theilnahme an den Arbeiten dieser Commission ausgesordert, erbat es aber abgelehnt, sich zu betheiligen. Es gehört jedenfalls zu den heitersten Interpellationen, wenn man das Actionscomit'' über einen Gegenstand interpelliert, dessen Verwirklichung man selbst zu vereiteln bemüht war. . Del. Bambus hat angefragt, warum das Actionscomit.' leine politischen Schritte zur Zeit der galizischen Judenercesse unternommen habe. Wir Zionisten stehen auf dem Standpunkte, dass wir uns in die inneren Angelegenheiten unserer Wohnländer nicht hineinzumengen haben. Das Aetionscornitö hat in Vertretung des Congresses kein Recht gehabt, in die innere Politik Oesterreichs einzugreisen. Dem Antrag, eine Budgetberechnung für das kommende Jahr anfzustellen, stellen sich Schwierigkeiten entgegen, die in dem eigenthümlichen Wachsthum unserer Bewegung begründetsind." Ten Vorwurs,dass aus die Agitation zu wenig Gewicht gelegt wird, weist Dr. Herzl an der Hand der Thatsache zurück, dass die massenhafte Zunahme der Vereine doch nicht ohne Agitation entstanden sei. Schließlich weist Dr. Herzl noch in einerhumoristischen Wendung das Ansinnen zurück, als ob den Mitgliedern des Actionscomiläs für ihre allerdings nicht kleine Mühe der Sold der Ehre nicht genügend erscheine; die Ehre, für unsere Brüder wirken zu können und eine Besserung ihrer Lage einst erlangen zu können, das sei der beste Entgelt. Bor Schluss der Sitzung wird dem Actionscomitv der Dank votiert und das Absolntorium unter dem raitschenden Beifall des Congresses ertheilt. il. Congresstag. l B o r ni i 11 a g s s i tz n n g.) Beginn 10 Uhr. Der Vorsitzende Dr. H e r z l verliest den Einlauf. Die Zahl der Begrüßungsschreiben und Telegramme, die an den Congress eingelausen sind, ist vorläufig unübersehbar. Der Vorsitzende greift eine Anzahl von Telegrammen heraus und bringt sie zur Verlesung. Sie stammen ans allen Welttheilen; die Absender sind theils Körperschaften, theils Einzelpersonen. Unter den Zuschriften befinden sich auch solche von orthodoxen Rabbinern, welche ausdrücklich betonen, dass der Zionismus mit der Religion nicht in Widerspruch stehe. Bemerkenswert ist ein polnisches Gedicht, welches eine christliche Dame dem Congress gewidmet hat. Bernard Lazare stellt in französischer Sprache einen Antrag zur Geschäftsordnung. Präsident Dr. Herzl: Herr Bernard Lazare hat sehrberedt seinen Antrag begründet. Die deutsche Sprache ist kein Instrument, womit man einen großen, einen erheblichen Theil der Judenheit erreichen kann. Unglücklicherweise sind dienigen Juden, die nicht deutsch verstehen? auch nicht einmal einen deutschen Jargon, gerade diejenigen, für die der Zionismus eigentlich arbeitet, die der Besreiungsthat des Zionismus am meisten bedürftig sind. Gerade diese Juden haben es am meisten nöthig, dass sie aus ihrer unglückseligen >L>tumpfheit ausgerüttelt werden. Sie haben bis jetzt noch nichts von den Anstrengungen erfahren, die für die gesannnte Judenheit und in erster Linie für sie gemacht werden. Es ist deshalb nöthig, dass das erlösende Wort des Zionismus auch in ihre Seele dringe. Bernard Lazare hat nun beantragt, dass man ihnen die Botschaft des Zionismus auch in französischer Sprache verkünde. (Beifall und Händeklatschen.) Herbert Bentwich: Wenn eine Sprache oder zwei Sprachen die Berechtigung haben, in den Protokollen zu erscheinen, so hat auch die englische Sprache, die in 1j3 der Wclr gesprochen wird, dieses Recht. (Beifall.) Die Rede Bernard L a z a r e s übersetzt Dr. N o r d a u, die Rede Bentwi ch's Chiesrabbi Dr. Gaste r. Es wird schließlich beschlossen, das Protokoll des Congresses auch in die anderen Sprachen, deren sich die Massen der Juden bedienen, zu übersetzen. Rabbiner R a b b i n o w i t s ch aus Poltawa stellt den Antrag, das Congressprotokoll solle auch in hebräischer Sprache er , scheinen. Präsident: Alle Wünsche, die das Protokoll betreffen, werden möglichst berücksichtigt werden. Es wird vollständig genügen, wenn sich die betreffenden Personen an das Actionscomit«' wenden, welches bis jetzt noch jede 'Anregung und jeden Wunsch berücksichtigt hat. Ich ertheile das Wort Herrn Aschkenasi D e l i n e s. Herr D e l i n e s spricht in französischer Sprache zur Versammlung. Er bittet das Präsidium zunächst, eine vom „Regierungsboten" in Petersburg veröffentlichte amtliche Kund gebüng, die von mehreren Zeitungen reproduciert wurde, der Versammlung in mehreren Sprachen sofort übersetzen zu lassen. Das Telegramm, das als bekannt vorausgesetzt werden kann, wird in französischer, deutscher, englischer und russischer Sprache vorgclesen. 'Nach Verlesung des Telegrannucs begründet Herr D c l i n e s in längerer 'Ausführung den 'Antrag: anlässlich des großen Ereignisses, welches durch dieses Telegramm angczeigt wird, möge der Congress seine freudige Zustimmung zu dem großen Fricdenswerke Ausdrücken, das hierdurch begonnen werde. Es sei nicht zu bezweifeln, dass die Zionisten begreifen werden, von wre weittragender Bedeutung auch für das jüdische Volk diese Kundgebung' sei. Er beantrage daher, der Congress möge officiell seiner Sympathie und Genugthuung über dieses Ereignis Ausdruck geben. Der 'Antrag wurde nach einer ausgezeichneten Rede des Dr. Bodenheim er von der Versammlung unter brausendem Beifall einstimmig angenommen.