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Die Welt · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
Rechenschaftsbericht des Actions-Comités
Date
1898-09-02
Page
15 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 35 Seite 15 kann an dieser Stelle nur angedeutet werden. Eine eingehendere Besprechung dieses Punktes scheint uns an dieser Stelle unzulässig. Zum Schluss sei noch ein Ereignis erwähnt, das streng genommen nicht unbedingt zu den Agenden des Actionscomites gehört. Als im Juni dieses Jahres wilde Horden im Osten Oesterreichs den traurigen Beweis sür die Nothwendigkeit des Zionismus auch in verfaffungsmäßig regierten Ländern lieferten, in welchen die Juden alle Rechte besitzen — bei hellichtem Tage geplündert zu werden, da glaubte das Actionscomite an den Wohlthätigkeitssinn unserer Stammesgenoffen zugunsten der ihrer Habe beraubten Brüder appellieren zu müssen. Damit hat das Actionscomite nicht allein ein gutes Werk gethan, sondern auch einen Schritt von principieller Bedeutung unternommen. Es soll dies die erste jener Reihe von Actionen sein, welche die Besserung der materiellen und moralischen Lage unserer Brüder in den Ländern, in denen sie leben, bezwecken sollen. Damit ist beileibe nicht ein Eingreifen in die politischen Verhältnisse dieser Länder gemeint, — vielmehr sollen unsere Brüder dort, wo es Noth thut, gekrästigt werden, damit sie leistungsfähiger werden in dem Kampfe für die Wiederbelebung unseres Volkes. Gestatten Sie mir nun. Ihnen ein Bild von dem gegenwärtigen Besitzstände unserer Organisation vorzuführen, soweit sich derselbe auf die Extensität unserer Bewegung bezieht. Wir haben der besseren Uebersicht wegen diejenigen zionistischen Gruppen und Vereine, die auf dem Boden des Baseler Programms stehen, tabellarisch nach Ländern zusammengestellt. Die Gruppen wurden in d Kategorien getheilt, die auf den Tabellen als neue und alte bezeichnet sind. Neu sind jene Gruppen, die seit dem ersten Baseler Congress ins Leben gerufen wurden, alte haben wir jene Gruppen genannt, die schon vor dem ersten Congreffe bestanden haben. Wenn wir diese Tabellen — deren vollständige Lesung 1V2 Stunden in Anspruch nehmen würde — überblicken, so "ergibt sich Folgendes: 1 — 10 Russland . . . 373 hievon 350 23 alte 11—1« j Oesterreich. . . 218 176 42 s Ungarn. 32 250 " 32 " " 17—IS Rumänien . . . 127 100 2/ 19 England .... 26 12 14 20 Deutschland . . 25 25 21 Italien. 12 12 22—23 Bulgarien . . . 16 15 Schweiz .... 6 6 Frankreich . . . 3 3 Belgien. Türkei. Dänemark . . . 1 1 Serbien .... 1 1 XXIV Griechenland . 1 1 Aegypten. . . . Transvaal. . . 6 XXV Amerika .... 60 50 10 New-Iock . . . 26 Chicago .... 8 913 " 796 " U7 " Unsere Bewegung hat somit im Laufe des abgelaufenen Verwaltungsjahres um mehr als das ^NeMsache-^an Extensität zugenommen. Was unsere Bewegung an Intensität gewonnen, welchen Einfluss sie auf einen großen Theil der jüdischen Preffe ausgeübt, wie mächtig sie insbesondere aus unsere Jugend eingewirkt und — last but not least — wie sehr sie die Gemüther unserer Frauen ergriffen hat, das sind Momente, die Sie sicherlich alle wahrzunehmen Gelegenheit hatten, und die hier nur angedeutet werden können. Nur in Bezug auf den letzteren Punkt möchte ich mit großer Genugthuung constatieren, dass unter den in unseren Tabellen angeführten Gruppen .sich eine ansehnliche Zahl von Frauen- und Mädchengruppen findet, und dass die vor dem Congreffe stattgehabte Frauenconferenz eine weitere Extension unserer Bewegung unter den jüdischen Frauen in sichere Aussicht stellt. Wir können unseren Bericht nicht schließen, ohne mit Worten des Dankes jener Männer zu gedenken, die unserem gemeinsamen Werke ihre' so wertvolle Unterstützung angedeihen ließen. Die Zahl dieser wackeren Mitarbeiter ist zu groß, als dass wir sie einzeln nennen könnten. Ihnen allen sei herzlich gedankt! Und somit legt das Actionscomite das ihm vom ersten Congress übertragene Mandat in Ihre Hände zurück, in dem Bewusstsein, das Beste angestrebt und das im erstenJahre unter den gegebenen Verhältnissen Mögliche erreicht zu haben. Groß und würdig, auch den Gegnern Achtung gebietend, steht der Zionismus als eine feste Säule des Judenthums. Die Grundlage zu einem glücklichen Gedeihen des Werkes ist gelegt, an uns allen ist es, durch weises Vorgehen, unermüdliche Arbeit und unerschütterliche Einigkeit den Bau seiner Vollendung zuzuführen." Nach dem Referate des Herrn Dr. Schnirer macht Chiefrabbi Gaster, der wiederum den Vorsitz übernommen hat, dem Congress die Mittheilung, dass der Bericht des Herrn Doctor Koke sch der Finanzcommission vorgelegt worden sei, und dass diese das Resultat ihrer Prüfung dem ConAreffe vorlegen werde. Dr. Herzl will zum Referate über die allgemeine Lage der Juden eine instructive Ergänzung geben. Es handelt sich um das furchtbare Elend, das unter den Bergarbeitern von Boryslav herrscht. Dr. Herzl, der von den Bergarbeitern in Boryslav als Delegierter nach Basel gesandt wurde, soll dem Congress eine Schilderung des schreienden Jammers geben, wie er unter dem jüdischen Proletariate zu finden ist. Dr. Herzl theilt aus einem Memorandum, das ihm von den Arbeitern übergeben wurde, einige besonders markante Stellen mit. Das Memorandum schildert die Verdienste, welche sich die jüdischen Arbeiter um das Aufblühen von Boryslav erworben haben. Aus einem Dörfchen von 80 Bauernfamilien (im Jahre 1854), sei heute ein über 10.000 Menschen zählendes Gemeinwesen geworden. Die Juden haben das Petroleum entdeckt, als die ersten es verwertet, haben 1862 das Erdwachs aufgefunden, aus eigenem Antriebe eine Anzahl von Leuten nach London geschickt, um dort von Chemikern die Art der Verwendung und Verwertung des Erdwachses zu erlernen. Seit die galizische Landes-Creditanstalt Herrin der Gruben geworden, begann sie die Juden zu verdrängen. Mit der Compagnie commerciale fraiK;aise erwirkte sie die für die Juden verderblichen polizeilichen Vorschriften, welche nicht nur die jüdischen Schachtbesitzer verdrängen, sondern auch fast mit einem Schlage 5000 jüdische Arbeiter brotlos gemacht haben. Dadurch, dass auch christliche Arbeiter durch die Verminderung der Arbeitsgelegenheit leiden, werden sie erbittert und drohen den Juden Gewaltthaten an. Die Arbeiter wenden sich vertrauensvoll an den Congress, dass er ihre Sache erwäge und eine rettende Maßregel beschließe. D. Wolsfsohn stellt den Antrag, man möge bei den Verhandlungen über die allgemeine Lage der Juden die Erörterung socialpolitischer Fragen ausschalten. Dr. M in tz entgegnet hieraus, dass die Durchführung dieses Vorschlages unmöglich sei. Socialpolitische Themen können bei Erörterungen der allgemeinen Lage eines Volkes nicht vermieden werden. Dr. Schauer spricht in ähnlichem Sinne, wie D. Wolffsohn. Dr. Herzl constatiert, dass in dieser Debatte eine Verwechslung der Begriye socialpolitisch und socialistisch vorliege. Es wird nun ein Antrag auf Schluss der Debatte angenommen. Dr. F a r b st e i n, der trotzdem mit einem kleinen Aufwand von Erregung denselben Gegenstand zu behandeln beginnt, wird vom Vorsitzenden Chieftabbi Dr. Gaster das Wort entzogen. Während der Rede des Herrn Dr. Schnirer wurden dem Congress die Tabellen, welche das Wachsen der zionistischen Bewegung seit dem ersten Congress ziffernmäßig Nachweisen, vorqelegt. Sie erweckten lebhaftes Interesse und wurden von den Delegierten mit großer Genugthuung zur Kenntnis genommen. Architekt Marmorek weist aus diese Tabellen hin. Er macht darauf aufmerksam, dass die zionistische Bewegung seit dem Vorjahre um das Neunfache zugenommen habe. Es hätte trotzdem noch viel mehr geschehen können, wenn die entsprechenden Mittel dagewesen wären. Als einfaches Mitglied des Congreffes stellt er den Antrag, es solle dem Actionscomite der Dank ausgesprochen und das Absolutorium ertheilt werden. (Beifall.) Dr. F r i e d e m a n n ist sür den ersten Theil des Antrages, hinsichtlich des zweiten Theiles will er nicht dem Berichte oer Finanzcommiffion vorgreifen.

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