Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- Rechenschaftsbericht des Actions-Comités
- Date
- 1898-09-02
- Page
- 14 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 14 jM$mr Nr 35 unseren orientalischen Brüdern bekannt zu machen. Endlich wurde noch eine kleine, populäre Aufklärungsschrift als Flugblatt in Form von Frage und Antwort abgefasst, welche bestimmt ist, unter den breiten Schichten der Bevölkerung die Grundsätze unserer Bewegung zu divulgieren, und die demnächst zur Ausgabe gelangen soll. . Was die Agitation durch das gesprochene Wort anlangt, so konnte das Actionscomitv nur in den wenigsten Fällen direct eingreifen, da es \a die competenten Kreise der diversen Landesorganisationen nicht stören durste. Wir beschränkten uns daher in den meisten Fällen, die agitatorischen Maßnahmen dieser letzteren nach Kräften zu unterstützen. Nur in Oesterreich, in Italien und in der Schweiz hat das Actionscomite durch Wander- und Gelegenheitsredner, sowie durch Agitatoren wiederholt aus diesem Gebiet direct eingegriffen. Die Erfolge dieser Intervention werden Sie gelegentlich der Darstellung des gegenwärtigen Besitzstandes unserer Bewegung selbst zu würdigen in der Lage sein. Die Einfügung bestehender oder neu gegründeter zionistischer Körperschaften in die Congressorganisation, bezw. die Festigung der gelockerten Bande zwischen dieser und den einzelnen Gruppen, erschien uns als eine dankenswerte Aufgabe, der wir denn auch große Aufmerksamkeit zuwendeten. In ganz hervorragender Weise diente diesem Zwecke die Theilnahme des Actionscomites durch einen Delegierten, Herrn Wolffsohn, an der Landesconserenz der englischen Zionisten, die im Mai dieses Jahres in London stattfand, und die das erfreuliche Resultat der Angliederung der englischen Zionisten an die Baseler Organisation zur Folge hatte. Mit Vergnügen verzeichnen wir an dieser Stelle auch den Anschluss der amerikanischen Gruppen. Die Theilnahme des Actionscomitös an den beiden Delegiertentagen der galizischen Zionisten in Lemberg durch Herrn Dr. Kokesch, und in Kolomea durch Herrn Dr. Mintz, galt der Vertheidigung des Baseler Programmes, dem man in Galizien eine Deutung zu geben versucht hat, die weder dem Geiste des ersten Congreffes noch der Entwicklung unserer Bewegung entspricht. Das Einvernehmen wurde leidlich hergestellt und die endgiltige Entscheidung dem zweiten Congresse überlassen. Hierher gehören auch die wiederholten Bemühungen des A. C., die Wirksamkeit der bestehenden Colonisationsvereine mit dem Baseler Programme in Einklang zu bringen. Mit Freude könnnen wir Ihnen mittheilen, dass es bei einer diesem Congresse vorangegangenen Conferenz der Vertreter der meisten Colonisationsvereine und des A. C. den beiderseitigen Bemühungen gelungen ist, einen Boden zu finden, auf welchem das Wirken der genannten Factoren wohl keine principiellen Gegensätze mehr schaffen wird. Lassen Sie uns die Hoffnung aussprechen, dass damit die so nothwendige Eintracht im Lager des. Zionismus dauernd gesichert ist. Wenn wir noch hinzufügen, dass die Mängel und Lücken unserer bisherigen Einrichtungen das Action: comite veranlassten, auf Grund der im Verlauf seiner Thätigkeit gesammelten Erfahrungen einen neuen und, wie wir glauben, verbefferten Organisationsentwurf auszuarbeiten und diesem Congresse vorzulegen, so haben wir in großen Zügen die Hauptmomente unserer Bestrebungen im Sinn des ersten der zwei früher erwähnten Gesichtspunkte geschildert. Als zweites Hauptziel der Bestrebungen des Actionscomitös nannten wir die Gründung der jüdischen Colonialbank. Diese ist die unmittelbare logische Consequenz der neuen, erweiterten Form, die der Zionismus seit dem ersten Congresse angenommen hat. Die nationale Wiedergeburt eines Volkes und radical-socialpolitische Reformen sind Dinge, die man nickt mit Hilfe der Barmherzigkeit durchführt. Hier ist kein Feld für Bethätigung der Wohlthätigkeit. Damit soll dieser ihre sonstige Berechtigung nicht abgesprochen werden. Die Wohlthätigkeit ehrt den Spender — obgleich nicht selten mehr dessen Herz als Kopf —_ aber sie entehrt und entwürdigt die Beschenkten, wenn sie dieselben ans Nehmen gewöhnt. Nicht ein Volk von Schmarotzern soll auf dem heiligen Boden unserer Väter _ erzogen werden, sondern ein Volk von unabhängigen, auf eigenen Füßen stehenden, freien Männern. Unser Volk will keine Almosen, arbeiten will es, im Schweiße seines Angesichtes will es sich den Boden erwerben, zu dessen Erlangung es nur Hilfe braucht. Darum fort mit der Almosenwirtschaft, fort mit der Wohlthätigkeit dort, wo sie nicht am Platze ist! Die Erlangung der vom Zionismus angestrebten Heimstätte ist eine politische und wirtschaftliche Frage und als solche bedarf sie ganz anderer Mittel als der bisher üblichen. Wirtschaftliche Ziele werden nur mit wirtschaftlichen Mitteln erreicht,' und ein solches ersten Ranges soll die jüdische Colonialbank werden. Dieses Institut, nach welchem der Volkswille schon seit 15 Jahren lechzt, der aber wegen der engen und kleinen Fassung des zionistischen Gedankens trotz mehrfacher Versuche nie zustande kommen konnte, ist die unumgängliche ökonomische Vorbedingung für eine gedeihliche Entwicklung unserer Sache. Darum hat das Actionscomitö der Gründung der jüdischen Colonialbank seine ganze Aufmerksamkeit zugewendet, und wir können mit. Freude constatieren, dass schon der Wiederhall, den unser erster Ruf im jüdischen Volke gefunden hat, eine glückliche Lösung dieser Frage in Aussicht stellt. Mehr über diesen Gegenstands an dieser Stelle zu sagen, erscheint uns überflüssig. Auf eines sei jedoch aufmerksam gemacht. Die Inangriffnahme der Gründung der jüdischen Colonialbank ist wohl der sicherste Beweis dafür, wie sehr jene im Unrecht sind, die dem Actionscomit6 colonisationsfeindliche Absichten zuchreiben. Wir sind keine Gegner der Colonisation, wenn sieselbe im Sinne unseres Programmes mit den Garandien der öffentlich-rechtlichen Sicherheit umgeben wird. Die Beschlüsse des Actionscomites. dem Project der Bankgründnng näher zu treten und den zweiten Congress im August dieses Jahres in Basel abzuhalten, veranlassten uns, für den April eine Vorconferenz nach Wien einzuberufen, in welcher die wichtigsten der uns beschäftigenden Fragen besprochen werden sollten. Diese Vorconferenz, an der nebst den meisten auswärtigen Mitgliedern des Actionscomitös auch Vertrauensmänner aus verschiedenen Ländern theilnahmen, hat in viertägigen, ernsten und eingehenden Berathungen die Grundlagen für die Arbeiten unseres Congreffes geschaffen. Die Vorconferenz war es auch, auf welcher das Project der Gründung der jüdischen Colonialbank zur Reife gelangte. Einem von derselben ausgesprochenen Wunsche nachkommend, hat das Actionscomite einen Abgesandten nach Palästina geschickt, der nebst den Verhältnissen des Landes an Ort und Stelle eine Untersuchung über die Lage der dort lebenden Juden und über die Mittel und Wege zur Hebung und Nutzbarmachung derselben für das Land veranstalten soll. Das Actionscomitö betraute Herrn Leon Mozkin mit dieser Aufgabe, der sich anfangs Juni in Triest einschiffte, und der erst vor kurzem von dort zurückgekehrt ist. Sie werden Gelegenheit haben, seinen Bericht aus seinem eigenen Munde zu hören. Dass das Actionscomite im Sinne des Punktes 4 des Baseler Programmes wiederholt vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmungen gethan hat, die nöthig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen.