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Die Welt · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
I. Congreßtag
Date
1898-09-02
Page
11 (sequence 8)
Language
German
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Nr 35 Seite 11 Es gab unter uns Juden selbst, aber noch mehr unter den Christen, Liebhaber romantischer Anblicke, die die Poesie dieses Bildes intensiv empfanden, und denen es eine Entweihung schien, dass die Strenge dieser unbeweglichen Linien gelöst, die Einförmigkeit dieser reinen Schneedecke durch hervortauchende Erdflecke unterbrochen werden sollte. Und nun kam der Zionismus wie eine Frühlingssonne und begann diese feierliche Eiswüste anzuglühen. In günstig gelegenen Winkeln, in geschützten Mulden brachen sofort die Spitzen der ersten Grashälmchen und die frühesten Schneeglöckchen hervor. Aber sonst war weit und breit nichts zu scheu als ein einziger großer Morast. In diesem Kothmeer waten wir jetzt. In diesem aufgeweichten Schlammboden versinken wir gegenwärtig bei jedem Schritt bis ans Knie, bis an die Hüfte. Welche Widerwärtigkeit! Welche Mühsal! Alles Niederträchtige, alles Gemeine, was das Judenthum in sich schließt, was aber hinter der bisherigen Festgefrorenheit verborgen blieb, treibt jetzt auf der Oberfläche. Allein ein einziger Blick auf den Kalender muss genügen, um uns über diesen leidigen Zeitabschnitt hinwegzuhelfen und in uns keinen Augenblick lang Entmuthigung aufkommen zu lassen. Denn wir wißen, dass der Frühling ganz nahe ist, dass er immer damit beginnt, die reinliche Winterwelt zu versumpfen, dass er aber nicht säumt, den Sumpf in blühende Gefilde umzuzaubern. Der Zionismus erweckt das Judenthum zu neuem Leben. Das ist meine Zuversicht. Er bewirkt dies sittlich durch Auffrischung der Bolksideale, körperlich durch die physische Erziehung des Nachwuchses, der uns wieder das verloren gegangene Muskeljudenthum schaffen soll. Aber der Zionismus vollzieht auch die scharfe Scheidung zwischen dem Lebenden und dem Abgestorbenen. Erst jetzt können wir uns Rechenschaft darüber geben, welche furchtbaren Verwüstungen die achtzehn Jahrhunderte des Goluth unter uns angerichtet haben. Zum erstenmal seit dem Verzweiflungskampfe des großen Bar-Kochba, den nur niedrige Erfolganbeterei geringer schätzen darf als den glänzenden Hasmonäer, tritt an das Judenthum wieder die Forderung heran, eine Gesammtanstrengung zu machen, sich selbst und der Welt zu zeigen, wieviel es noch' an Lebenskraft, an Lebenshoffnung, an Lebensverlangen in sich birgt. Und da müssen wir uns denn überzeugen, dass vieles, was noch lebendig schien, so lange man davon keine Lebensbeweise verlangte, thatsächlich todt ist. Zahlreiche Juden sind vom Judenthum auch äußerlich abgefallen. Dieser Abbrvckelungsprocess hat seit der Zerstörung des zweiten Tempels niemals ganz stillegestanden, er ist in den letzten Jahren in den Ländern des Westens besonders lebhaft geworden. Eine ungleich größer- Anzahl Juden aber sind sich bisher über ihren inneren Abfall vom Judenthum nicht klar geworden, obschon dieser Abfall thatsächlich stattgefunden hat. Sie hielten sich selbst und die Welt hielt sie für Inden, sie waren aber Juden nur aus Gewohnheit, ans Bequemlichkeit, aus Geistesträgheit. Ihr Judenthum setzte sie zwar der Verfolgung aus, aber theils hatten sie nicht mehr Ehrgefühl genug, um unter der Verfolgung zu leiden, theils fühlten sie sich als interessante Opfer, was kein unangenehmer Seelenzustand ist. In Stunden der Schwärmerei glaubten sie Dichtern wie Disraeli, George Eliot, Alexander Dumas Sohn, die vom Judenthum, seiner Sendung, seiner Macht, seiner herrlichen Zukunft ein schmeichelhaftes Bild entwarfen, und schwelgten in diesem Traume, der die Schönheit und die Unwirklichkeit von Träumen hatte. Positive Leistungen forderte ihr Judenthum von ihnen nicht. Die 613 Gebote und Verbote des Schulchan Aruch belächelten sie. Die Gemeindesteuer drückte sie nicht schwer. Den Weg zur Synagoge brachte ihnen häufig nur der Versöhnungstag in Erinnerung. Sie überredeten^ sich oennoch selbst, dass sie gute Juden seien, weil sie Heine liebten, sich an Daniel Deronda erbauten und auf den Ruhm von Kugel und Schalet nichts kommen ließen. Da tritt mit einemmale der Zionismus auf und ruft diesen Juden zu: „2tuf! Ermannet Euch! Thut eine That! Erarbeitet Euch und eurem Volke einen Platz unter der Sonne! Ruhet nicht, rastet nicht eher, als bis Ihr die Gleichgiltigen und selbst die Feindlichen überzeugt habt, dass Ihr ein Recht besitzet, als Volk wie die anderen Völker zu leben und Euch eures Lebens zu freuen!" Plötzlich hat es mit dem faulen Auch-Judenthum und Bauch-Judenthum, mit dem passiven Hindämmern, Hinfchlurren in überlieferten Gewohnheiten ein Ende. Da wehren sich denn diese Scheinjuden mit einer Kraft der Empörung, die uns eigentlich humoristisch berühren sollte. „Ja, wenn die Freude an den Sabbath-Gedichten nicht länger eine ausreichende Bethätignng unserer jüdischen Gesinnung sein soll, dann tbun wir nicht mehr mit", erklären sie entrüstet und verkünden uns bösen Störern den Vernichtungskrieg. Hier streichen die Rabbiner den für sie in der That bedeutungslos gewordenen Hoffnungs- und Verheißungsruf: „Im nächsten Jahre zu Jerusalem!" aus dem Gebetbuche. Dort protestieren die Rabbiner gegen den Zionismus als gegen eine von der jüdischen Religion verbotene Neuerung. Ein von mir hochgeschätzter jüdischer Geschichtsschreiber, der im Auftrag eines jüdischen Vereines ein Jahrbuch der jüdischen Geschichte verfasst, bringt es fertig, die Geschichte der Juden im Jahre 1897 zu schreiben und des ersten zionistischen Congresses zu Basel nicht mit einer Silbe Erwähnung zu thun. Ein anderer Jude hat die Stirne, von uns zu behaupten, wir hätten im vergangenen Jahre auf unserm Congress gewinselt, wir wollten feige die Flucht vor unseren Verfolgern ergreifen, während er, der Held, zu den hageldicht auf ihn niederklatschenden Maulschellen tapfer seine Backe hinreicht und den Fußtritten der anttsemitischen Regierungen und Völker muthig seine Kehrseite darbietet. Diese Erscheinungen sind schmerzlich, aber sie sind natürlich, und sie sollen uns nicht anfechten. Wir sind eine so uralte Gesellschaft, dass in unserer vieltausendjährigen Geschichte alles schon dagewesen ist. Neues kann sich bei uns eigentlich gar nicht mehr zutragen. Als Moses sein Volk aus der ägyptischen Knechtschaft befreien wollte, da waren es zuerst Juden, die sich wider ihn empörten und ihm drohten, sie würden ihn den ägypttfchen Behörden anzeigen. Als Esra und Nehemia nach Zion heimkehrten, da blieben die reichen, die gebildeten Juden, Schaletliebhaber und Heineleser jener Zeit in Babylon und ließen die hirnverbrannten Schwärmer, die wieder ein Volk sein wollten, mit Hohn und wahrscheinlich mit Herzenserleichterung ziehen. Es wird jetzt nicht anders sein. Sei es denn so. Die Schar des Esra und Nehemia war eine kleine Minderheit unter den damaligen Juden, wir alle aber sind die Nachkommen jener Minderheit, die große Mehrheit dagegen hat sich im Bölkermeer Vorderasiens spurlos aufgelöst. Auch die Zionisten sind vielleicht noch eine Minderheit unter den heutigen Juden. Aber aus ihnen heraus wird das Judenthum sich verjüngen, durch sie wird es weiterleben und in eine ferne Zukunft hinübergerettet werden. Die jüdischen Gegner des Zionismus aber, und wären sie heute noch so zahlreich, sind bestimmt, als Juden zu verschwinden. Wahrscheinlich ist dies ihr geheimer Herzenswunsch. Er wird sicher erfüllt werden. Darum ist es unzulässig, dass man von einer zionistischen Partei im Judentbum spricht. Wir weisen diese Bezeichnung mit Spott und Verachtung zurück. Die Zionisten sind keine Partei, sie sind das Judenthnm selbst. Ihre Zahl, ihre heutige Zahl, thut nichts zur Sache. Der Same der gewaltigsten Linde ist ein ganz kleines Gebilde, aber er ist die Zusammenfaffung der ganzen Lebenskraft des Baumes, das Ziel aller seiner organischen Anstrengungen. Die Linde lebt in ihrem Samen, nicht in ihrer Holz- und Bastmasse weiter. Alles, was im Judenthum lebendig ist, was ein jüdisches Ideal, was Manneswürde, was Entwicklungsfreudigkeit hat, das ist zionistisch. Was sich dagegen in der Sclaverei wohlfühlt, was in der Verachtung wühlt, oder was auf einen nahen natürlichen Tod des Judenthums hofft, das steht gleichgiltig beiseite oder kämpft grimmig gegen uns. Mit Anknüpfung an einen bekannten Vers

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