Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- I. Congreßtag
- Date
- 1898-09-02
- Page
- 12 (sequence 9)
- Language
- German
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Sette 12 ArS"« Nr. 35 des österreichischen Dichters Grillparzer können die Zionisten rufen: „In unserem Lager ist Israel! Ihr andern seid müßige Glieder." Während der Rede ist es wiederholt zu enthusiastischen Kundgebungen gekommen. Bei der Bemerkung von der freien Schweiz erhebt sich die Versammlung von ihren Sitzen. Der Saal bietet wieder das gleiche Bild wie am Anfänge der Sitzung. Es wird aus der Mitte der Versammlung der Antrag auf Drucklegung der beiden Reden Herzls und Nordaus gestellt, wobei ihr Wert als Agitationsmittel hervorgehoben wird. Dr. H e r z l spricht sich dagegen aus, weil die Annahme dieses Antrages eine Hintansetzung der anderen Redner, deren Referate nicht besonders gedruckt werden, bedeuten würde. Zudem werden ja die beiden Reden in dem Protokolle des Congresies ohnehin zur Vervielfältigung gelangen. Die Delegierten B i r k e n st e i n und Fabius Schach sprechen sich aus Rücksichten der Agitation stir die specielle Drucklegung der beiden Reden aus. Der Anttag wird schließlich einstimmig angenommen und zwar mit dem Zusatze, dass zugleich eine Uebersetznng der beiden Reden ins Englische, Russische, Hebräische und Französische zu erfolgen habe. Architett Marmorek beantragt die Wahl eines fünfgliedrigen Prüfungsausschusses. Del. Schach stellt den Antrag, die Zahl dieser Commissionsmitglieder auf 13 zu erhöhen. Präs. Dr. H e r z l macht darauf aufmerksam, dass nach der Geschäftsordnung die Commission aus 5 Mitgliedern zu bestehen habe; jedoch sei nach $. 13 auch eine Erweiterung dieser Commission möglich. Dementsprechend könne man sich dem Antrag Schach anschließen. Der Vorsitzende beantragt die Wahl des Antragstellers Schach in diesen erweiterten Ausschuss. Es erfolgen nun die Wahlen der verschiedenen Ausschüsse. Hiebei kommt es zu langwierigen Debatten. Von einer Seite wird geltend gemacht, der Congress müsse darauf achten, dass der sogenannte proletarische Standpunkt auch in der Zusammensetzung der Commissionen gewahrt bleibe. Verschiedene Redner sprechen sich dagegen aus, dass künstliche Classengegensätze innerhalb des Zionismus construiert werden. Schließlich einigt man sich auf folgende Listen: Finanz-Aus sch uss: Dr. Gustav Cohen (Hamburg), Prof. Dr. R. G o t t h e i l, Tobias 27t« rkus, Schalit (Riga), I. H. E l 1 m a n n, Dr. Kornhäuser, Moses (Kattowitz), Wissotzky, D. Wolffsohn, Schwarzfeld. Organisations-Ausschuss (23): Dr. Th. Herzl, Dr. M. T. Schnirer, Dr. O- Kokesch, Dr. A. Mintz, Dr. Berger. Dr. Bruck, Dr. W. Jacobsohn, Dr. Leo K o h a n (KischineM' L. M o z k i n, Dr. Mandelstamm, I. H. Ellmann, Dr. Hickel, Kiprien, S. Pineles, Doctor Rosenhek, Dr. K o r k i s, Dr. Ebner, I. de Haas, Solotkoff, Dr. Bodenheimer, Dr. Rosenthal (Wien), Architett O. Marmorek, Veit (Basel), Herbst (Sofia), Dr. Alexander Marmorek (Paris). Colonisations-Ausschuss (17): Dr. Kohan- Bernstein, Ben Ami (Rabinowitsch), Ing. Temkin, Gregor S v r k i n sen., Ing. Us s y s ch k in, S. P in e l e s, I. £>. Ellmann, Dr. Salz, Dr. N e u m a r k, Dr. M e n c z e'l, Herbert Bentwrch, B. Ritter, Davis Trietsch, Dr. M. T. Schnirer, Bahar (Paris), Dr. Heinrich L o e w e, Doctor Friedemann. Programm-Ausschuss (9): Dr. Mar Nord au, Prof. Dr. M a n d e l st a m m, Bernard L a z a r e, Rev. Doctor M. G a st e r, Dr Alex. Marmorek, Dr. M e n c z e l, Dr. I. Jasinowsky, Dr. Schur, D. W o l f f s o h n, Dr. Hickel, ■ft™» ch a p ir a. Nach der^Dühl VA Commissionen ist die erste Sitzung des Congresses geschlossen. (N a ch m i t t a g s s i tz u n g.) Den Vorsitz führt im Anfang der Bicepräsident des Congresses, Chieftabbi Dr. Gaster. Die Sitzung wird mit einer Geschäftsordnungsdebatte eröffnet. Es liegt ein Antrag von Herrn Bambus vor: „Wenn Schluss der Debatte ohne Anhörung der weiteren Redner beanttagt wird, so soll über die Annahme, respective Ablehnung des Antrages Zweidrittelmajorität entscheiden." An der Debatte betheiligen sich unter anderen: Wolffsohn, Oskar Mamorek, Dr. Bodenheimer. Der Antrag wird schließlich abgelehnt. Unterdessen hat Dr. Herzl den Vorsitz des Congresses übernommen. Er bringt die schwebenden Fragen zur Erledigung und ettheilt dem Mitglied des Actionscomitös, Herrn Dr. M. T. Schnirer, das Wort zur Erstattung des Rechenschaftsberichtes. Der Bericht über das mächttge Anwachsen der zionistischen Bewegung seit dem ersten Congresse wird von der Versammlung mit freudigem Beifalle begrüßt. Redner wird häufig durch lauten Applaus unterbrochen. Rechenschaftsbericht des Actions-Cvmites, erstattet von Dr. M. T. Schnirer. Verehrte Versammlung! Düster, ja zum Verzagen traurig ist das Bild, das Ihnen Herr Dr. Nordau mit so beredten Worten von der allgemeinen Lage unseres Volkes entworfen hat. Wohin man den Blick wendet, derselbe dunkle Farbenton. Ein einziger Lichtstrahl erhellt wohlthuend das finstere Gemälde. Es ist dies das Streben nach gründlicher Abhilfe für die materielle und sittliche Judennoth — der Zionismus. Die Geschichte Israels im abgelaufenen Jahre wäre unvollständig, enthielte sie nicht auch ein Bild von dem Verlaufe der Regenerations-Bestrebungen unseres Volkes. Das vom ersten Congresse eingesetzte Actionscomitö ergreift daher gerne das Wort, um den zum zweitenmale versammelten Vertretern der jüdischen Nation über seine Thätigkeit und über den Gang der zionistischen Bewegung im abgelaufenen Jahre Bericht zu erstatten. Ein Jahr organisierter zionistischer Arbeit liegt hinter uns — das erste Jahr. Dieses letztere Moment muss man sich vor Augen halten, will man der bisherigen Thätigkeit und den erzielten Resultaten eine gerechte Würdigung zutheil werden lassen. Groß war allerorts die Begeisterung nach dem ersten Baseler Congress, aber noch viel größer waren die Erwartungen, die vielfach schon für die nächste Zukunft an dieses Ereignis und an die Thätigkeit des Actionscomitös geknüpft wurden. Der starke Erfolg der ersten jüdischen Nationalversammlung, der mächtige Eindruck, den dieselbe überall hervorgerufen hat, mochten vor die Seele mancher treuer Anhänger unserer Sache Bilder gezaubert haben, die sie so nahe wähnten, dass sie nur die Hand nach ihnen auszustrecken brauchten. Aber nur naive Gemüther und die in ihrer Bedrängnis und schweren Noth des klaren Blickes beraubten Hilflosen konnten schon für die nächste Zeit eine Realisierung der letzten Ziele des Zionismus hoffen; eine Hoffnung, die in unschwer zu errathender Absicht von Gegnern des politischen Zionismus genährt wurde. Den Klarsehenden, den ruhig und nüchtern Denkenden konnte es keinen Augenblick zweifelhaft sein, dass unsere erste und allernächste Aufgabe in der Schaffung der Vorbedingungen für die Inangriffnahme und erfolgreiche Durchführung des Baseler Programmes zu bestehen habe. Es braucht nicht erst bewiesen zu werden, dass die Schaffung einer öffentlichen, rechtlich gesicherten Heimstätte für ein Volk einerseits das Vorhandensein einer großen, festgefügten, zielbewussten, in einheitlicher, planmäßiger Weise vorgehenden Phalanx voraussetzt, andererseits beträchtliche materielle Mittel erfordert. Damit war der Weg, den wir zunächst einzuschlagen hatten, klar vorgezeichnet, und in der That hat denn auch das Actionscomite sein Arbeilsprogramm planmäßig nach diesen zwei Richtungen festgestellt.