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Die Welt · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
I. Congreßtag
Date
1898-09-02
Page
10 (sequence 7)
Language
German
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Seite 10 Nr. 35 Gruppe Menschen: vor Juden. Man sucht diese allen engrasche Verschwinden des Antisemitismus zu weissagen, obschon lischen Ueberlieferungen hohnsprechende Grausamkeit mit Gründen der bisherige Verlauf der jüdischen Geschichte Euch mit den zu beschönigen. Die fremden Juden sollen der englischen Stimmen von fiebenzig Generationen grollender oder stöhnender Armenpflege zur Last fallen. Sie sollen englischen Arbeitern ' Juden die Lügenhaftigkeit Eurer Weissagung ins Ohr schreit? chr Brot nehmen. Diese beiden Gründe widersprechen ein- Eure Prophezeihnng ist nichts auderes als eine Form des beander und schließen einander aus. Sind die Juden Bettler, trügerischen Bankerottes. Da Ihr Eure Schulden nicht in der so nehmen sie englischen Arbeitern nicht ihr Brot. Arbeiten sie dagegen so erfolgreich, dass sie englischen Arbeitern ihr Brot nehmen, so find sie keine Bettler und können der Armenpflege nicht zur Last fallen. Es ist übrigens nachgewiesen worden, dass beide Gründe bloße Borwände sind. Die Juden, die in England landen, sind keine Bettler, sondern fleißige, strebsame Arbeiter, die sich selbst erhalten und häufig in verhältnismäßig gute Verhältnisse auffteigen. Diejenigen unter ihnen, die zeitweilig der Unterstützung bedürfen, empfangen diese von ihren Stammgenosien und werden den christlichen Engländern nicht über das Maß hinaus lästig, wozu ihr Antheil an der Armensteuer sie berechtigt. Sie nehmen auch den englischen Arbeitern nicht chr Brot, sondern schaffen neue Gewerbe, die früher in England nicht heimisch waren, und vermehren den Wohlstand des Landes. Das Gesetz gegen die mittellosen Ausländer ist also auch wieder nichts anderes als ei» Symptom von larviertem Antisemitismus. Selbst die Vereinigten Staaten sind von dieser Krankheit nicht ftei geblieben. Das Gesetz, das öffentliche Leben kennen allerdings keinen Judenhass. Wohl aber züchtet ihn die Gesellschaft, und die Zahl der Gasthöfe und Erziehungsanstatten, die ausdrücklich den Juden die Aufnahme verweigern, ist ansehnlich und zeigt eine Neigung zu beständiger Zunahme. Das ist also die Lage. In den Ländern des Ostens, die sich eben erst aus der Barbarei entrungen haben oder entringen, hasst und verfolgt man die Juden ohne Beschönigung; in den Ländern des Westens, die an der Spitze der Gesittung einherschreiten, hasst und verfolgt man die Juden unter heuchlerischen Vorwänden, im Osten wie im Westen hasst und verfolgt man die Juden. Damit man uns nicht des Undankes zeihe, wollen wir ausdrücklich die wenigen Länder Europas anführen, wo die Juden nicht zu klagen haben. In Holland, Belgien, Italien, in den flandinavischen Staaten, in der fteien Schweiz, deren köstliche Lust uns heute die Brust weitet, deren mannhafte Söhne, wie vorhin schon unser Vorsitzender Doctor Herzl dankbar erwähnte, uns vorgestern Abend hier durch brüderliche Zurufe geehrt haben, die uns bis an den Grund unserer Seele bewegten, werden die Juden als Bollmenschen, als Vollbürger behandelt, und nur ein misstönender Schrei aus dem ungewaschenen Munde eines Gaffenjungen erinnert sie vielleicht noch ab und zu daran, dass man auch in diesen Ländern noch nicht ganz aufgehött hat, sie als eine Sondergruppe innerhalb der Bevölkerung zu empfinden. Aber diese Staaten, glückliche Inseln des Friedens im Ocean des Antisemitismus, beherbergen im ganzen noch lange keine 200.000 Juden, und ich möchte ihnen nicht nahetreten, indem ich die bange Ahnung ausspreche, dass auch ihre Gerechtigkeit gegen die Juden einer harten Probe ausgesetzt sein würde, wenn ihnen die verfolgten Juden der anderen Länder in größerer, in großer Zahl Zuströmen würden. Die jüdischen Gegner des Zionismus, denen wir dieses Bild der Weltlage des Judenthums vor die Augen hallen, können nicht leugnen, dass es die Wirklichkeit getreu wiedergibt, aber sie machen mit Kopf und Händen die bekannten beschwichtigenden Bewegungen und säuseln voll Salbung: „Einzelne betrübende Erscheinungen dürfen nicht verallgemeinert werden. Der Antisemitismus ist eine hässliche Tagesmode und wird vorübergehen." Wie! Ihr seht, dass die Seuche des Judenhaffes von ihren altbekannten Herden in immer neue Länder einbricht, dass sie an Stellen verheerend aufflackert, wo sie seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten für erloschen galt, oder wo sie, wie in Nordamerika, vorher nie aufgetreten war, und Ihr sprecht von „einzelnen Erscheinungen"? Ihr wagt es, das Gegenwart bezahlen wollt, stellt Ihr großzifferige Anweisungen auf die Zukunft aus, die Euch nichts, kosten und von denen Ihr wohl wisst, dass sie niemals werden eingelöst werden. Seid doch ehrlich! Habt doch den Muth eurer Kallherzigkeit! Sagt dem jüdischen Bolle doch gerade heraus: '.Uns geht es leidlich. Wir haben nicht zu klagen, und wünschen keine Aenderung dessen, was ist. Ihr aber, die Verfolgten, die Gedemüthigten, die Gemarterten, Ihr geht uns nichts an." Hättet Ihr wenigstens die verhältnismäßige Anständigkeit, die wirklichen Beweggründe eurer Haltung zu bekennen, so würden wir Euch diese Haltung beinahe verzeihen können. Das jüdische Bott würde Euch dann einfach aus seiner Rechnung streichen und diese Rechnung würde dadurch klarer, genauer, zuverlässiger werden. Ihr würdet nicht länger die armen Unwissenden unter uns verwirren und den Zaghaften eine fettige Ausrede liefern, sich vor der nothwendigen Anstrengung zu verkriechen. Das Judenthum würde wissen, wer wittlich an der Heilung oder mindestens an der Besserung seiner tausendjährigen Leiden arbeitet, dass Ihr aber pflichtvergessene Scheinärzte seid, die sich damit begnügen, einen Schlaftrunk zu reichen, damit die Schmerzensschreie aus der Krankenstube chre Nachttuhe nicht stören. Diese Behandlungsweise mag ihre Berechttgung bei einem Sterbenden haben, der doch nicht zu retten ist, und dem man mindestens die Qualen des Todeskampfes erleichtern will. Wir jedoch geben das Judenthum durchaus nicht auf. Wir glauben an seine Lebenskraft und hoffen es wieder in blühender Gesundheit einherwandeln zu sehen. Bei einem solchen Kranken aber ist eine Therapie der Betäubung, die das Ende beschleunigt, ein Verbrechen. Diese Darstellung der Lage des Judenthums wäre äußerst einseittg und unvollständig, wenn sie sich darauf beschränken würde, zu zeigen, wie die verschiedenen Völker sich zu unseren in ihrer Mitte wohnenden Brüdern stellen. Ebenso wichttg, wie das Verhälttiis der Völker zu den Juden, nach meiner Empfindung sogar wichtiger, ist die innere Verfassung des Judenthums, sind die Gedankenströmungen, Gefühlsttchtungen und Strebungen, die innerhalb unseres Stammes zutage tteten. Der Anblick ist unerfreulich und könnte Kleinmüthigen allen Glauben an unsere Zukunft rauben. Die erste Wirkung des Zionismus auf 'das jüdische Volk erweckt in meinem Geiste die Erinnerung an gewisse Anblicke der Natur, die Ihnen allen geläufig sind. Eine Winterlandschaft hat ihre Schönheit. Der Eispanzer der Ströme, die Schneedecke der Gefilde, geben ein düsteres Bild von Grabesruhe, von weihevoller Trauerstimmung um den großen Pan, der todt ist. Die Frühlingslandschast hat eine andere ftöhlichere Schönheit. Die Wasser murmeln und glitzern, die Felder grünen und blühen, neues Leben waltet und webt überall, dtun. aber der Uebergang von dem einen Bilde zum andern! Die erste Wirkung der Frühlingssonne ist, dass sie die Winterlandschaft zerstört, ohne sie jedoch sofort durch die Frühlingslandschaft ersetzen zu können. Zwischen den beiden liegt ein hässlicher Zwischenraum, der unleidlich wäre, wenn die Gewissheit, dass er zu neuer Schönheit hinüberleitet, seine Hässlichkeit uicht etträglich machen würde. Die blanke Eisdecke der Ströme zerbröckelt in einen grauen, lehmbeschmutzten Eisbrei, das reine, glatte Schneelaken schmilzt und lässt bodenlosen Schlamm zurück, eine Weile scheint die Landschaft eine einzige Kolhpfütze, bis sie sich allmählich mit glorreichem Grün überzieht und mtt den bunten Farben der Blumen schmückt. Etwas ganz Aehnliches erleben wir gegenwättig im Judenthum. Es glich bisher einer Winterlandschaft. Alles war starr, alles war bleich und kalt. Aber die reglosen Formen waren monumental. Das Bild hatte Majestät: die Majestät des Todes.

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