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Die Welt · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
I. Congreßtag
Date
1898-09-02
Page
9 (sequence 6)
Language
German
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Nr. 3L ^eite 9 kann." Die Antisemiten zeigten also von Vorneherein die feste Absicht, den Fall zn einer Angriffswaffe gegen das Gesammtjudenthnm zu machen und mit dieser Waffe zunächst die französischen Juden ans den Officiersstellen zu vertreiben. Das hätte den Bedrohten eigentlich ihre Mannespflicht vorschrcibcn sollen. Da das Jndenthum in seiner Gesammtheit angegriffen wurde, hätte cs sich in seiner Gesammtheit wehren müssen. Ta den französischen Juden ein glücklich erworbenes Ehrcnrccht entriffen werden sollte, hätten sie wie ein Mann für die Wahrung ihres Besitzes eintreten müffen. Aber es geschah nichts von alledem. Mit Verblüffung noch mehr als mit Schmerz, Beschämung, Entrüstung sage ich cs: das Gesamuujudenthum ließ sich sagen: „Alle Inden sind von Natur Verräther!" — und es fand kein Wort der Erwiderung. Das französische Judenthum ließ sich sagen: „Das kommt davon, wenn man Juden Officiere werden lässt!" — und es blieb stumm. Das Judenthum sah, dass man nicht Dreyfus allein, sondern auch dem Judenthum den Process machte, und es that den Mund nicht auf, um wenigstens die Bertheidigungsrechte eines Angeklagten für sich zu fordern. Ja noch mehr: als bereits vollständig bewiesen war, dass in dem Falle Dreyfus die ursprünglichsten Bürgschaften der Gerechtigkeit missachtet worden waren, dass der Angeklagte verurtheilt worden war, ohne dass ihm gesagt wurde, weshalb, selbst dann waren keine jüdischen Stimmen zu hören, die sich gegen die Beugung des Rechts erhoben und Gerechtigkeit gefordert hätten. Christen erfüllten diese Ehrenpflicht. Christen gebürt der Ruhm, für das Recht eingetreten zn sein; auf den Juden aber lastet die Schmach, müßig dabei gestanden und zugesehen zu haben, wie die anderen im Kampfe für eins der heiligsten Menschengüter, vielleicht für das heiligste, die Gerechtigkeit, ihre Haut zu Markte trugen. Einzelne Juden haben ja ihre Schuldigkeit gethan, ich kann dies glücklicherweise zn unserer Gewiffenserleichterung feststellen. Bernard Lazare, ein Guter, ein Starker, Jacques Bahar, unser tapferer Mitstreiter, Josef Reinach, der mannhaft in die Borderreihe trat, retten einigermaßen die Ehre des Judenthnms. Aber wie viele sind dieser Wackeren? Eine Handvoll. Ein verschwindendes Häuflein in der Gesammtheit des Judenthums, selbst nur des französischen Judenthnms. Wir müffen schamroth werden, wenn wir mit diesen wenigen Un erschrockenen die lange Reihe der christlichen Helden vergleichen, die Vermögen, Freiheit, bürgerliche Ehre und Leben im Kampfe um das Recht einsetzten, das nur in einem sehr hohen, sehr idealen Sinne ihr Recht war. Emil Zola, Picqnart, Scheurer-Kestner, Trarieux, Georges Clemenceau,?)ves Guyot, Jaurös, Labori, Björuson, Conybeare, das sind einige der Namen, die sich in dieser tragischen Angelegenheit unvergänglichen Ruhm erworben haben. Es sind christliche Namen, arische Namen. Judennamen dagegen, die ich nicht über die Lippen bringen will, obschon sie mir wie Scheidewaffer und Galle auf der Zunge brennen, Judennamen finden wir in entsetzlich großer Zahl unter den schriftstellerischen Banditen, die Zola und seine Kampfgenoffen anfielen, und ein Jude war es, der das scheußliche Wort gesprochen hat: „Dreyfus' mag unschuldig oderschuldig sein, wir wollen nichts von ihm wiffen, wir laffen das Wiederaufnahmeverfahren nicht zu." Da haben Sie das berühmte jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl! Das Volk, das zuerst in der Menschheit den Schrei: Gerechtigkeit! ausgestoßen hat, deffen ewiger Ruhm in der Weltgeschichte es bleiben wird, dass es zuerst seinen Gott als einen gerechten Gott, als einen gerechten Richter begriffen und gepriesen hat, dieses Volk hielt sich fern von einem Kampf um das Recht, einzig weil das Opfer einer Rechtsbeugung ein Jude war. Ich habe einen genügenden Glauben an meinen Stamm, um sicher zu sein, dass Zehntausende, dass Hunderttausende von Juden in heiligem Zorn entflammt wären, geschrieben, gesprochen, gestimmt, gehandelt, Geld und Blut geopfert hätten, wenn das, was Drcyfns widerfahren ist, einem Zigeuner, Lappen, Botokuden zugefügt worden wäre. Aber da es einem Inden zugefügt worden ist, begnügten die Juden sich damit, zn seufzen und den Kopf zu schütteln, und überließen es Christen, die Lorbeer» Voltaires zu pflücken. Die Antisemiten haben von uns uneingcstanden eine bessere Meinung, als wir verdienen. Sie glaubten keinen Augenblick lang, dass wir wirklich dem Kampf ums Recht unthätig Zusehen konnten, und da sie unter den Streitern kaum zwei oder drei Jndeunamen fanden, fo nahmen sie ohneweiters an, dass der jüdische Antheil an dem Kampfe ein geheimer und darum umso wirksamerer sein müsse. So erklärt es sich, dass so viele durchaus gutgläubige Christen, nicht bloß in Frankreich, sondern auch außerhalb dieses Landes, von dem Bestände des berühmten Syndicates fest überzeugt sind. Dieses von antisemitischen Verleumdern sehr geschickt erfundene Märchen kommt ihrem Bedürfnis entgegen, an jüdische Leidenschaft für Gerechtigkeit, an jüdische Kraft und Klugheit, an jüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl zu glauben. Das Märchen unserer Feinde zeigt, was sogar diese bestimmt von uns erwartet haben. Wir aber sind selbst hinter *>en Erwartungen derjenigen, die uns am meisten hassen und verachten, weit zurückgeblieben, und so ist dieser tragische Fall Dreyfus zu einem entsetzlich genauen Maße des Grades geworden, den unsere Schwäche. Zaghaftigkeit, Stumpfheit und gegenseitige Entfremdung erreicht haben. Nach dem, was ich auseinandergesetzt habe, wird hoffentlich niemand mehr die Lüge wiederholen, in Frankreich sei der Antisemitismus ausgebrochen, weil die Juden für Dreyfus eingetreten sind. Tie Wahrheit ist, dass die Inden eben nicht für Dreyfus eingetreten sind, sondern dass Christen dies gethan haben; dass die Juden, zwei oder drei tapfere Männer ausgenommen, keinen Finger zur Nothwehr rührten, obschon der Fall als Mordwaffe gegen ihre Ehre verwendet wurde. Der französische Antisemitismus ist nicht die Folge des Falles Dreyfus, sondern dessen Ursache. Wäre der Antisemitismus nicht das Borbestehende gewesen, so hätte höchst wahrscheinlich der Verdacht des Landesverrathes niemals Dreyfus getroffen und jedenfalls wäre weder die ihm zur Last gelegte Schuld zu einer constitutionellen Schuld aller Juden verallgemeinert worden, noch hätte das Bestreben, eine Wiederaufnahme des Verfahrens herbeizuführen. so.wüthende Volksleidenschaften erregt. Der Fall Dreyfus hat einen Schleier weggezogen und verheimlicht gewesene Gesinnungen enthüllt. Ec richtet sich als eine Mahnung und Lehre an diejenigen Juden auf, die durchaus noch immer an ihre endgiltige, vorbehaltlose Aufnahme in die Volksgemeinschaft wenigstens der vorgeschrittensten Staaten des Westens glauben wollen. Das gibt ihm Bedeutung in der Geschichte des Judenthnms und sogar den ernsten erziehlichen Wert einer Warnung, Aufklärung und Strafe, einen Wert, der es uns möglich macht, mit unserem unausrottbaren jüdischen Optimrsmus sogar angesichts des Falles Dreyfus auszurufen: ..Garn su letoba!M Frankreich ist nicht das einzige Land der Freiheit und Aufklärung, wo das alte Gespenst des Judenhasses im vollen Tageslichte der vorgeschrittensten Gesittung umgeht. In England, das ich noch im vergangenen Jahre begeistert pries, hat die Regierung bereits die Zustimmung des Hauses der Lords zn einem Gesetzentwurf erlangt, der den mittellosen Ausländern den Einlass in das Land versagt. „Mittellose Ausländer" ist das ehrbare Feigenblatt auf das Wort „Jude", das die englischen Staatsmänner in. ihrer Schamhaftigkeit gebildeter Söhne des neunzehnten Jahrhunderts zu nackt fanden. Das England, das immer seinen Stolz darein gesetzt hat, die Zufluchtsstätte aller Verfolgten, die natürliche Heimat aller Heimatlosen zu sein, das in früheren Jahrhunderten Blamen und Hugenotten, unter Cromwell die von Manassc ben Israel geführten Sephardim. unter Georg III. die französischen Emigranten, zur Zeit der heiligen Allianz Mazziui, nach 1848 die Flüchtlinge aus aller: Ländern Europas, in unseren Tagen die überall gehetzten und geächteten Anarchisten gastlich ausgenommen hat, dieses heilige Asyl der Menschheit verschließt sich mit eincmmale vor einer

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