Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- I. Congreßtag
- Date
- 1898-09-02
- Page
- 8 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 8 jpit^wac Nr. 35 In Russland hat sich kaum etwas geändert. Die Wirkungen des Gesetzes, das die Juden aus dem Schankwirtsgewerbe allsschließt, machen sich stärker geltend. Der Zugang zu den höheren Bildungsanstalten wurde den Juden noch mehr verengt und erschwert. Einer der höchsten Würdenträger des Reiches hatte eine berühmt gewordene Unterredung mit der Abordnung einer jüdischen Wohlthätigkeits-Gesellschast. In dieser Unterredung erkannte er die ausgezeichneten Eigenschaften unseres Stammes in schmeichelhaften Ausdrücken an. Er gab die entsetzliche Lage der Juden im Siedelungsbezirke zu und beklagte sie mit rührenden Gefühlstönen. Er drückte auch tief betrübt die Ueberzeugung - aus, dass das Elend mit jedem Jahre zunehmen werde, fügte jedoch mit ergreifendem Schmerze hinzu, die Rücksicht auf das arme, wehrlose, rechtgläubige Russenvolk verbiete bei aller christlichen Nächstenliebe den allzu gefährlich überlegenen Juden in Russland Freizügigkeit und das Recht auf Bildung zuzugestehen. In Rumänien verschloss die Regierung den Juden die Staatsschulen. Nicht nur ihrem Leib, auch ihrem Geiste soll die Nahrung vorenthalten sein. Das Bolk, eines Herzens und einer Seele mit seiner Regierung, plünderte und verwüstete in Bukarest und Galatz Judenläden. Ich sage: das Volk, und nicht: der Pöbel. Denn die Angreifer waren zum guten Theil Hochschüler und gebildete Bürger, die bei den Juden — den Fremden! — aus edler Vaterlandsliebe einbrachen, unter den Augen der wohlwollend zusehenden Behörden, die auf die hochherzige, begeisterte Jugend ihres Landes stolz waren. In Galizien brach eine weitverbreitete Volksbewegung aus, die das Einschreiten der Truppen, die Anwendung von Waffengewalt, die Verhängung des Standrechts nöthig machte. An vielen Orten wurden unsere Brüder an Leib und Leben bedroht, Dutzende verwundet, Hunderte ihrer ganzen Habe beraubt und zu hilflosen Bettlern gemacht. Aehnliche Ausschreitungen, wenn auch geringeren Umfanges, hatten Böhmen zum Schauplatz. Russland, Rumänien, Galizien — nun ja, das sind ja die classischen Zünder der Judennoth. Es ist doch selbstverständlich, dass unsere Brüder dort verfolgt, bedroht, unterdrückt werden. Es ist überflüssig, das besonders zu erwähnen. Es ist langweilig, darüber Einzelheiten anzuführen. Das ist eben der zurückgebliebene Osten, dem die Sonne der gesegneten Aufklärung noch nicht tagt. Aber siehe da — auch der vorgeschrittene Westen bietet uns ja einen ganz ähnlichen Anblick! In den Ländern der höchsten Freiheit und Bildung, wo milde, philosophische Duldung den Glaubenshass, wo Brüderlichkeit das Borurtheil gegen eine bestimmte Abstammung überwunden haben, ertönt ja gleichfalls lustig der Ruf: „Tod den Juden!" Frankreich, das Frankreich der großen Umwälzung und der Erklärung der Menschenrechte, das Land, das zuerst Europa das Beispiel der gesetzlichen Gleichstellung der Juden gegeben, marschiert heute an der Spitze der antisemitischen Bewegung. Noch nicht in seinen amtlichen Handlungen und Reden, die Gerechtigkeit erfordert dies festzustellen, noch uneingestanden, doch darum nicht minder tbatsächlich. Die Arbeit der langsamen, doch sicheren und unwiderstehlichen Ausschließung der Juden aus den Ehrenstellen und höheren Berufen, die beispielsweise in Deutschland bereits so schöne Ergebnisse geliefert hat, ist in vollen: Zuge. Die Zurückdrängung der Juden in eine abgesonderte Stellung, die Wiederauftichtung unsichtbarer, doch sehr wirklicher Ghcttomauern um die aus der Volksgemeinschaft Ausgestoßenen ist mit Eifer in Angriff genommen. Dies gilt vom festländischen Frankreich. In Algerien ist die Judenverfolgung schon erheblich weiter gediehen. Dort blieb es nicht bei der thätlichen Beleidigung einzelner Juden, bei lärmenden Straßenaufzügen unter dem Rufe: „Tod den Juden!", beim Einwerfen einzelner Ladenschaufenster, wie in Paris, Nancy, Nantes u. s. w.; dort wurde durchgreifend geplündert und auch ein wenig gemordet. Vielfach wird die Aufhebung der Crömicux'schen Verordnung gefordert, die den algerischen Inden französische Bürgerrechte verlieh, und die Angebereien der Hetzpreffe, die der Wuth des antisemitischen Pöbels jede Person mit Namen und Wohnung bezeichnet, die jüdische Arbeiter beschäftigt oder in jüdischen Läden einkauft, haben Tausende von jüdischen Proletariern, Hunderte von Keinen jüdischen Geschäftsleuten des täglichen Brotes beraubt. Den Anlass des Ausbruchs der Judenfeindschaft in Frankreich kennen Sie alle. Es ist der Fall Dreyfus. Dieser Congress, der das jüdische Bolk in seiner Gesammtheit vertritt, hat keine Ursache, sich mit dem Falle selbst zu beschäftigen. Er ist keine Angelegenheit des jüdischen Volkes; er ist eine solche des ftanzösischen Volkes. Nur die ihn begleitenden Nebenumstände berühren ein jüdisches Bolksinteresse, und nur bei diesen Nebenumständen will ich mit Ihrer Erlaubnis kurz verweilen. Die ftanzösischen Judenfeinde haben ein einfältiges Märchen von einem sogenannten jüdischen Syndicat erfunden, das unbeschränkte Geldmittel aufwenden soll, um eine teuflische Verschwörung gegen den ftanzösischen Staat zu zetteln. Die Albernheit einer Beschuldigung ist ' leider kein genügender Grund, dass sie keinen Glauben finde. Das Syndicatsmärchen wird von der Mehrheit der Franzosen thatsächlich geglaubt. Es ist deshalb nicht überflüssig, dass wir es ausdrücklich als das bezeichnen, was es ist: als eine ebenso thörichte wie boshafte Erfindung. Es ist ein würdiges Seitenstück zum Blutmärchen. Mit den antisemitischen Lügnern polemisieren wir nicht. Wo sie physisch stärker sind als wir, da können sie uns unter Umständen ermorden, aber unsere Verachtung überwinden können sie nicht. Den anständigen, nur leichtgläubigen und irregeführten Franzosen aber sagen wir: „Seid versichert, dass kein Jude der Welt einen Grund hat. Euch Böses zu wünschen oder zuzufügen. Die Inden der meisten Länder bewahren Euch Dankbarkeit und Liebe. Und selbst die deutschen Juden, die nicht vergeffen können, dass Ihr ihrem Baterlande, dem sie hingebende Söhne und treue Bürger sind, feindlich gesinnt seid, selbst die deutschen Juden übersehen nicht, dass Ihr in ruhmreichen Zeitabschnitten Eurer Geschichte Leuchten der Menschheit, Führer ihres Fortschrittes wart, und sie gönnen Euch von Herzen Gedeihen und Wohlergehen, solange Ihr mit ihrem Baterlande Frieden haltet!" Wenn man die Franzosen, die an das Märchen vom jüdischen Syndicate glauben, ftagt, wie sie sich das eigentlich vorstellen, weshalb die Juden denn ein Syndicat bilden sollten, um Dreyfus zu vertheidigen, so antworten ne: „Man weiß doch, welches Zusammengehörigkeitsgefühl alle Juden miteinander verknüpft. Sie lasten auf keinen der Ihrigen das Geringste kommen." Sagen wir auch über dieses berühmte Zusammengehörigkeitsgefühl einige Worte. Wo hat man es jemals erlebt, dass die Juden in ihrer Gesammtheit oder auch nur in großer Zahl für einen jüdischen Verbrecher eingetreten wären? Niemand beurthcilt jüdische Sünden härter als der Jude. Keine Herde stößt räudige Schafe unerbittlicher aus als die jüdische. Wir beschönige!: niemals die Missethat eines der Unserigen; wir empören uns nur gegen die Methode unserer treulosen Feinde, die jeden einzelnen Fehler eines Juden sofort zum Fehler eines jeden einzelnen Juden verallgemeinern. Auch im Falle Dreyfus ist es anfangs keinem Juden in der weiten Welt in den Sinn gekommen, für den des niederträchtigsten Verbrechens beschuldigten Mann Partei zu nehmen, weil er Jude ist. Die Judenheit begann erst aufzuhorchen, als sic beobachtete, dass der Fall eine ganz andere Physiognomie zeigte als jede andere der leider nicht allzu seltenen Strafsachen wegen Landesverraths. Die Preffe, die zuerst allein Einzelheiten über den Fall veröffentlichen konnte, war die antisemitische. Sie zog lange, che ein Urtheil vorlag, aus dem Falle weitgehende Folgerungen. Sie sagte: „Es geschieht Frankreich Recht, wenn es von einem jüdischen Ofsicier verrathen wird. Man weiß ja, dass der Jude von Natur ein Berräther ist. An uns war es also, ihn nicht zu den Officiersstellen zuzulaffen, in denen er seinem Berrätherhange mit verheerender Wirkung folgen