Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- I. Congreßtag
- Date
- 1898-09-02
- Page
- 7 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315778-3362554--07904-3362626- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 35 standhaft in den schlimmsten Tagen, seien wir dankbar und demüthig, wenn einmal bessere Tage kommen sollten. Und wie müssen wir uns diese besseren Tage vorstellen, die heute noch jenseits unseres Gesichtskreises liegen? Ist ihr Inhalt erschöpft in Landbesitz, vermehrtem Ansehen, ungetrübter Ruhe? Nein! Gerade diejenigen unter uns, die heute ihre ganze Person daranzusetzen bereit sind, würden bedauern, auch nur einen Schritt dafür gemacht zu haben, wenn es nur gelänge, eine neue- Gesellschaft einzurichten und nicht auch eine gerechtere. Bessere Tage für uns, aber auch für die anderen, als deren opferbereite Pionniere wir wieder einmal hinausziehen möchten auf ungebahnten Wegen. Wir brauchen dazu keinen höheren, keinen fabelhafteren Stand der Cultur, als es schon der jetzige ist. Nur benützt sollen die Culturmittel werden, und zwar für die Menschlichkeit. Und wir glauben, dass unser Volk das verstehen wird, weil es durch so viele Schulen gegangen ist, unter so vielen Völkern gewohnt und bei allen gelitten hat, aber auch die Leiden aller kennt. Uns erscheint als ein Bild besserer Tage eine Zusammenkunft von Menschen aller Culturen, wie sie heute dieser Saal darbietet; eine Gemeinbürgschaft, welche nicht in einer einzigen Sprache begrenzt ist: ein beständiger Versuch, dem Elend durch einträchtiges Zusammenwirken beizukommen — und aus alledem erwachsend eine höhere Art der Gesittung. Und unsere Anpassungsversuche, deren Misslingen uns wieder zusammenführte, werden uns dann doch noch zum Segen. Die Tüchtigkeit der Germanen, die Beweglichkeit der Romanen, die große Geduld der Slaven sind vielleicht nicht ohne Spur an uns geblieben . . . Sieht man endlich, was wir meinen? Jüdische Künstler, Philosophen und Gelehrte aus allen Ländern auf dem Boden der Arbeit und in einer duldsamen Gesellschaft vereinigt! Jawohl, wir streben nach unserem alten Land. Aber in dem alten Lande wünschen wir nur eine neue Blüte für den jüdischen Geist." Dr. H e r z l schneidet den Beifallslärm, dr durch den Saal tönt, durch den Nachruf ab, der den dahingegangenen Gesinnungsgenossen des vergangenen Jahres gilt. Die Anwesenden erheben sich von ihren Sitzen, die Gallerie ahmt das Beispiel nach. Es herrscht eine feierliche Stille im Saale. Dr. Herzl spricht mit herabgedämpfter Stimme. Auf den Zügen zahlreicher Delegierter malt sich Bewegung. Sie standen wohl den Dahingeschiedenen im Leben näher. Dr. Herzl betont die Verdienste, die sich Professor Sch apira um unsere Sache erworben, er erinnert daran, dass der Verblichene im Vorjahre am Congress theilgenommen, dass er auf einer Agitationsreise sich befunden habe, als er von dieser Erde gieng; der Vorsitzende gibt hierauf einen Ueberblick über das Leben Schapira's; in gleicher Weise gedenkt der Nachruf unserer Gesinnungsgenossen Wassilewsk, Dr. Koroltschuck, Dr. Jacobsohn und Sterner. Den Schluss der Rede widmet der Vorsitzende dem Andenken des Rabbiners Samuel M o h i l e w e r. Er betont, nachdem er das hingebungsvolle Wirken des russischen Gesinnungsgenossen hervorgehoben, dass der Zionismus ihm die letzte Lebenszeit mit mildem Schein verklärt habe. „Möge es sich erfüllen, dass dieser Schein, den er sah, eine Sonne werde." Dr. Herzl richtet nun an die Versammlung die Anftage, ob sie in eine Discussion der Geschäftsordnung einzugehen gedenke. Architekt Marmorek beantragt die Geschäftsordnung en dloe anzunehmen. Dr. S. R. Landau spricht sich dagegen aus. Antrag Marmorek wird angenommen. Bernhard Lazare aus Paris meldet sich zum Wort. Die Versammlung begrüßt ihn mit lautem Applaus. Man steht neugierig auf, um den rühmlichst bekannten Gesinnungsgenossen von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Bernhard Lazare spricht in französischer Sprache. Er beantragt, es mögen die Verhandlungen auch in die französische Sprache übersetzt werden. Der Antrag wird acceptiert. Del. O. Marmorek erbittet das Wort zu einem Vorschläge bezüglich des Congressbureaus. ,!Wen wir zum Präsidenten wählen werden, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen, — dort sitzt er schon." O. Marmorek weist auf Dr. Herzl. Diesen Worten folgt ein neuer Beifallssturm. Es ist die Abstimmung der Versammlung. Dr. Herzl wird per Acclamation zum Präsidenten des Congresses gewählt. Zu Bicepräsidenten des Congresses werden gemäß der vorgeschlagenen Liste Dr. Max Nordau, Chief- Rabbi Moses Gaster und Dr. M. M a n d e l st a m m gewählt. Als Beisitzer wurden gewählt: HerbertBentwich, Prof. Dr. Richard Gottheil, Dr. Jacob Kohann Bern st ein, Bernard Lazare, S. Pineles, Dr. I. R ü l f, Dr. E. T s ch l e n o w, Rabbiner Dr. O. T h o n, D. Wolffsohn. Schriftführer: Deutsch: Dr. Schauer. Russisch: Ing. W. T e m k i n. Hebräisch : Rabb. Dr. Ehrenpreis. Englisch: Rev. Stephen Wyse. Französisch und rumänisch: I. 4?. isum cnntr-—-— Oscar Marmorek verliest die von der Permanenz- Commission vorgeschlagene Liste der Ordner. Diese Liste wird en bloc angenommen. Die Namen der einzelnen bewährten Gesinnungsgenossen werden mit lautem Beifall ausgenommen. Del. Stern ftagt an, was die Permanenz-Commission für einen Wirkungskreis habe und wie sie zusammengesetzt sei. Der Vorsitzende gibt die gewünschte Auskunft. Die Permanenz- Commission sei aus allen Landsmannschaften zusammengesetzt und habe den Zweck, als vorbereitende Körperschaft dem Congress den schleppenden Gang der Verhandlungen zu erleichtern. Nun ertheilt der Präsident Herrn Dr. Max Nordau das Wort zum Referate über die allgemeine Lage der Juden. Bei der Nennung des Namens Nordau spielen sich ähnliche Demonstrationsscenen ab, wie bei der Eröffnung des Congresses. Dr. Max Nordau, der zur Rechten Dr. Herzls sitzt, erhebt sich von feinem Sitze, verlässt die Präsidialtribüne und geht längs der ersten Reihe der Delegiertensitze zur Rednertribüne. Dieser Weg ist ein kleiner Triumphzug. Der ganze Spannungsinhalt der Begeisterung, der in der Congressversammlung ruht, entlädt sich jählings. Das ist, wie wenn man ein Stück Metall dem elektrischen Conductor nähert. Ein Prasseln und Knattern, Hunderte von Handflächen schlagen klatschend zusammen. Dazwischen stürmische Zurufe, die etwas Ursprüngliches, Jnstinctives an sich haben. Zu bewundern ist nur die fast gleichgiltige Ruhe, mit der die Gefeierten diese Huldigung entgegennehmen. Ein fteundliches Kopfneigen, das ist alles. Dr. Nordau ist ein ausgezeichneter und geschulter Redner. Als hätte er Jahrzehnte irgendwo in einem Parlamente gesessen und sich mit hingebendem Eifer an allen Debatten betheiligt. Die Aussprache bis zur geringsten Nuance plastisch präcisiert. Jede Silbe, jeder Buchstabe kommt zum deutlichen scharfen Ausdruck. Er hat das tönende R, wie eine im Berufe ergraute. Bühnengröße. Das Tempo des Redens passt sich genau dem Stimmungsinhalt des behandelten Gegenstandes an. Bald langsam und getragen, gedehnt und gemächlich, bald hastig dahineilend, Wort hinter Wort, wo die Silben sich jagen aber nicht überstürzen. Dabei eine durch und durch harmonische Mimik. Zum Worte findet sich immer die naturgemäße, regelrechte Geste. Die Hände werden in ihrem Drange nach Bewegung anfangs der Rede stark eingeschränkt. Ein schwaches Zucken des Handgelenkes unter dem Niveau des Tribünenverschlages, aber es wird sofort unterdrückt. Die linke Hand verbirgt sich von Zeit zu Zeit hinter dem Rücken wie in einem Asyl, wo sie Ruhe halten soll. Rede des Dr. Norda». Geehrte Versammlung! Wieder ist mir die Aufgabe geworden, eine zusammenfassende Darstellung der allgemeinen Lage des jüdischen Volkes zu geben. Es ist eine undankbare Aufgabe, denn sie verurtheilt mich zu Wiederholungen. Ich habe heute nichts wesentlich anderes zu sagen als im vergangenen Jahre. Es ist nirgendwo besser, und es ist an manchen Stellen schlimmer geworden.