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Die Welt · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
I. Congreßtag
Date
1898-09-02
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Sette 6 Nr. 35 herbergte; keine Halbcivilisation ist so zurückgeblieben, dass sie die neuesten Formen und Schlagworte nicht kennte. Pöbel rast plötzlich durch die Gassen, und beim Feuerschein wird die jüdische Habe, zuweilen auch deren Inhaber, zerstört. Aber das ist nicht das Aergste. Nicht das Blutvergießen, nicht die Verwüstungen, nicht die Beschimpfungen sind das Aergste. Diese Unruhen richten einen schweren Schaden an in der misshandelten Seele unseres Volkes. Sie untergraben immer wieder das Rechts- und Ehrgefühl, ste machen die Betroffenen zu Feinden einer stiefmütterlichen Gesellschaft, in der solches geschehen kann. Wundern wir uns nicht, wenn die Proletarier unter den Proletariern, von allen Menschen die Verzweifeltesten, bei allen äußersten Umsturzparteien zu finden sind. Wundern wir uns nicht; bemühen wir uns vielmehr, eine Befferung herbeizusühren. Bon weiterblickenden Staatsmännern darf vielleicht erwartet werden, dass sie die ganze Gesellschaftsgefahr erkennen, die in der ungelösten Judenftage liegt. Die Juden seien ein zersetzendes Element, sagt man gewöhnlich. Hüben und drüben taumelt man von Unrecht zu Unrecht. Da wir aber ein aufbauendes Element aus den Juden machen wollen, so müssten uns in guter Logik alle diejenigen unterstützen, die nicht wünschen, dass die Juden alles zersetzen. Wir sind bereit, die Bauzeit des Judenthums herbeizuführen — alles haben wir dazu in Hülle und Fülle: die Menschen, das Material, die Pläne. Wir brauchen nur noch — den Bauplatz. Freilich ist der, welcher für uns taugt, ein Bauplatz von besonderer Art. Kein Fleck der Erde ist so begehrt worden wie dieser, und so sehr haben chn viele Völker gewünscht, dass er unter all dem heißen Verlangen verdorrt ist. Wir aber glauben, dass dieser verödete Winkel des Morgenlandes nicht nur eine Vergessenheit, sondern auch eine Zukunft hat, gleich uns selbst. Auf diesem Boden, auf dem jetzt so wenig wächst, find Ideen für die ganze Menschheit gewachsen. Und gerade darum wird niemand leugnen können, dass eine unverjährbare Beziehung zwischen unserem Volk und diesem Lande besteht. Wenn es überhaupt legitime Ansprüche auf ein Stück der Erdoberfläche gibt, so müffen alle Völker, die an die Bibel glauben, das Recht der Juden anerkennen. . Sie können es aber auch neidlos und ohne Sorge anerkennen, denn die Juden find keine politische Macht und werden nie mehr eine politische Macht sein. Wie es bei der Besitzergreifung durch eine der bestehenden Mächte, sei es welche immer, wäre — das ist eine andere Frage. Das Land ist nicht nur die Heimat der höchsten Ideen und des unglücklichsten Volkes, es ist auch durch seine geographische Lage von bedeutender Wichtigkeit für ganz Europa. Da wird in einer Zeit, die nicht ferne sein kann, eine Cultur- und Handelsstraße nach Asien führen: Asien ist das diplomatische Problem des nächsten Jahrzehnts. Wir dürfen vielleicht in aller Bescheidenheit daran erinnern, dass wir Zionisten, denen man so gerne den praktischen Blick abspricht, diese kommende Entwicklung des europäischen Wettbewerbes um einige Jahre früher als bevorstehend erkannt und an gekündigt haben. Man sieht heute schon, wie das geht. Sie wissen, mit welcher Aufmerksamkeit jeder Schritt einer Macht in dieser Richtung von den anderen beobachtet wird. Und wenn der modernste Fürst der bewohnten Erde in nächster Zeit eine Fahrt nach den heiligen Stätten unternimmt, so hört man aus den Commentaren der öffentlichen Meinung aller Länder eine gewisse Beklemmung, ja stellenweise sogar offene Feindseligkeit heraus. Dieses Land kann und wird wohl nie in den Besitz einer einzelnen großen Macht gelangen. denn es ist das bestbehütete; es wird nicht nur von seinem jetzigen Eigenthümer, sondern auch von allen übrigen sorgfältig bewacht. Wird es also bis ans Ende der Tage in seinem gegenwärtigen Zustande verbleiben müffen? Das wäre wohl für alle Theile bedauerlich, eben weil allgemeine Cultur- und Berkehrsnothwendigkeiten davon abhängen. Das osmanische Reich hat seine unverwüstliche Lebenskraft im letzten Kriege neu bewiese,,. Die Türken haben die vorzüglichsten Eigenschaften, sie sind tapfer, großmüthig, aufopferungsfähig nur die Eigenschaften, die zur Cultiviernng und Industrialisierung eines Landes erforderlich sind, besitzen sie nicht. Das ist eine Thatsache. Darum wäre für sie die Zuführung eines ftiedlichen, unternehmungslustigen Bolkselementes. welches gerade die dort entbehrten Eigenschaften hat, für die Türkei eine Stärkung, eine Bereicherung. Es ist nun unsere Aufgabe, an der wir unablässig arbeiten, die Bedingungen für eine Verständigung in dieser Hinsicht herzustellen. Wir dürfen sagen, dass der türkischen Negierung die vollkommene Loyalität unserer Bestrebungen wohlbekannt ist. Wir wollen keine Ansiedler einschmuggeln und überhaupt keine Thatsachen zu schaffen versuchen ohne vorherige Abmachung. Wir hätten nämlich keinerlei Interesse daran, eine wirtschaftliche Kräftigung der Türkei herbeizuführen, wenn wir dafür keinen Gegenwert erhielten. Die ganze Sache ist nach dem einfachsten Recepte von der Welt zu machen. Es lautet: do ut des! Die Frage ist nun, wie das weiter zu bewerkstelligen sei. Wir haben schon auf dem ersten Congresse die Notwendigkeit erkannt, ein financielles Instrument für die Zwecke unserer Bewegung zu schaffen. Das soll die jüdische Colonialbank sein. Es ist ungemein charakteristisch, dass unsere jüdischen Gegner uns durchaus nicht die Fähigkeit zutrauen wollten, ein solches Werk zustande zu bringen. Aber in unseren Reihen stehen ja nicht nur Künstler und Philosophen, Gelehrte und Zeitungsschreiber, Advocaten, Aerzte und Techniker, sondern auch eine stattliche Anzahl von Banquiers und Kaufleuten aus aller Herren Ländern. Zum erstenmale wurde da bezweifelt, dass Juden eine Bank machen können — uud auch diesmal haben sich die Zweifler geirrt. Die jüdische Colonialbank wird binnen kurzem programmgemäß ins Leben treten. Nach den Ergebnissen der Bankconferenz dürfen wir annehmen, dass die jüdische Colonialbank noch im Laufe dieses Jahres ihre geschäftliche Thätigkeit beginnen wird. Im übrigen will ich dem Referate der beauftragten Fachmänner, das Sie hören werden, nicht vorgreifen. Es sollen Ihnen noch mehrere andere Referate vorgelegt werden. Aus allen werden Sie hoffentlich erkennen, dass dieses Jahr nicht unbenützt verstrichen ist, und dass wir in geduldiger und hoffnungsvoller Liebe unserem Ziele zustreben. Auch außerhalb dieses Saales wird man einsehen, dass wir keine hochfahrenden Träume hegen, nichts Thörichtes oder Ungerechtes wollen, sondern nur eine Existenz der Arbeit für unser armes Volk, weil wir einzig und allein von der gesicherten Arbeit seine sittliche und körperliche Hebung erwarten. Darum, darum haben wir es zunächst unternommen, unser Volk unter einem Ideal zu versammeln. Das kann auch den Angehörigen anderer Nationen nicht missfallen. Und in dieser fteien Stadt, die uns Gastfteundschaft gewährt, erhielten wir dafür einen ersten Beweis. Vorgestern, am Sanct Jacobstage, kamen abends die Scharen vom Feste . zurück. Man konnte au die schöne Geschichte vom Fähnlein der sieben Aufrechten denken, von Gottfried Keller, dem herrlichen Schweizer Dichter. Lauter Fähnlein aufrechter Leute, die im gesunden Leib einen männlichen Sinn pflegen wollen. An unserem Congresshause zogen sie vorüber. Da schwenkte eine unserer verehrten Damen grüßend ihr Tuch, und das war das Zeichen zu einer Kundgebung, die wir wohl niemals vergessen werden. Die Fähnlein grüßten im Vorbeigehen unsere Leute, die ihnen zujubelteu, und von der Straße herauf brauste ein neuer, unerwarteter Ruf: „Hoch die Juden!u . . . Da ist es vielleicht manchem von uns heiß in die Augen gequollen. Man kann in einem solchen Momente die Fassung verlieren, die man unter Bedrückungen aller Art, unter den ungerechtesten Anklagen zu bewahren gelernt hat. Ist in diesem Rufe von Basel schon der Anfang freundlicherer Zeiten? Das können wir nicht wissen. Aber wir können uns vornehmen, solcher Zurufe würdig zu werden. Wir waren

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