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Die Welt · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
I. Congreßtag
Date
1898-09-02
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 35 jüdische Volk war ja todt und verschollen. Wir aber hatten dunkel gefühlt, bevor es in unser Bewusstsein trat, dass dies nicht wahr sei. Der Tod ist ja das Ende aller Leiden; woher kam es also, dass wir litten? So hat sich uns der Spruch des Denkers gewandelt: „Ich leide, also bin ich!" Und allmählich, von Unbill zu Unbill, nahm diese Erkenntnis festere Formen an, bis das Volksbewusstsein fertig dastand, auch noch nicht Gemeingut aller, aber mit einer starken Fähigkeit ausgestattet. sich zu verbreiten. Und wirklich, es drang weiter. Köpfe und Herzen ergreifend, alt und jung werbend, und der erste Congrefs der Zionisten war bereits eine Kundgebung dieses ins Leben zurückgekehrten Volksbewufstseins. Aber es gab manches ernste und schwere Bedenken gegen die Einberufung einer solchen Versammlung von Bürgern verschiedener Länder. Würde nicht von unseren Feinden die Beschuldigung erhoben werden, dass wir einen internationalen Bund gegen unsere christlichen Mitbürger schließen wollten, würde dadurch nicht unsere Lage in den einzelnen Ländern noch verschlimmert werden? Dem gegenüber haben wir von Anfang an mit aller Deutlichkeit betont, haben es durch jede unserer Handlungen erhärtet, dass wir durchaus keinen internationalen Verein, sondern nur die übernationale Discufsion wollen. Und das sei hier noch einmal zum ewigen Gedächtnis wiederholt: cs kann sich bei uns nicht um Bündeleien, geheinw Interventionen und Schleichwege handeln, sondern nur um eine offene Besprechung unserer Gegenwart und Zukunft unter der beständigen Coutrole der öffentlichen Meinung. Es muss der Ton der Wahrheit in unseren Worten gewesen sein; denn der Congrefs hat vielfach Theiluah-ue hcrvvrgerufen selbst bei denjenigen, die den Juden vorher glcichgiltig oder unsteundlich gegeuübergestaudeu. Jedes ehrliche Vvlksthum, das sich nicht unter fremden. Masken verbirgt, hat ein natürliches Recht auf Achtung und Duldung seitens der anderen Völker, wenn es diese nicht bedroht. Vergessen wir selbst in unseren vom Antisemitismus verdüsterten Tagen nicht, dass eine großmüthigere Zeit vorhergegangeu war, in der uns alle Culturvölker die Gleichberechtigung schenkten. Der Wille war zweifellos ein guter, aber der Erfolg war kein genügender. Lag es an uns, oder lag es au den anderen? Wahrscheinlich an beiden oder vielmehr in den von lange her gewordenen Umständen, die sich durch Gesetze und Verordnungen nicht abschaffen ließen. Die Gesetze waren freundlicher, als d-c Gewohnheiten. Und wir erlebten den Rückschlag, diese colossalc Regung der Reue bei den Völkern, die uns soeben in Gnaden ausgenommen hatten. — Aber aus der Emancipation, die ja doch nicht rückgängig zu machen, und aus dem Antisemitismus, der ja doch nicht wegzuleugneu ist, ergab sich für uns eine neue, große Folgerung. Es konnte nicht der geschichtliche Sinn der Emancipation sein, dass wir aufhören sollten, Juden zu sein; denn wir wurden zurückgestoßeu, als wir uns mit den anderen vermischen wollten. Der geschichtliche Sinn der Emancipation musste vielmehr fein, dass wir unserem befreiten Volksthum eine Heimstätte bereiten sollten. Das hätten wir früher nicht vermocht; wir können es jetzt, wenn rvir es mit aller Kraft tvoüen. Es genügt nicht, dass wir uns als ein Volk fühlen und erkennen; nach dem Volksbewusstfein muss auch der Bolkswillc erwachen. Aus diesem Punkte gab und gibt es aber manche Schwierigkeit. In einem langen Elend haben wir uns des consequenten Wollens entwöhnt, und Aspirationen, die jedes andere Volk nicht nur nicht verbirgt, sondern als die größte gemeinschaftliche Ehre pflegt, wagten wir bisher nicht laut werden zu lassen. Da wir es nun endlich thun, finden wir den passiven Widerstand von Leuten, die jeder Veränderung abhold sind und auch die unbequemste Lage aus Trägheit beibehalten wollen, ja wir stoßen sogar auf die Feindseligkeit gewisser, sozusagen officieller Kreise des Judenthums. Diese Erscheinung war namentlich in den Protesten. einiger Rabbiner auffällig. Es wird immer zu den großen Merkwürdigkeiten gehören, dass die Herren gleichzeitig um Zion beten und gegen Zion auftreten. Der Widerspruch dürste aus ihrer anfänglichen Unsicherheit zu erklären sein, ob denn die Gemeinde auch mit dem neuen Zionsruf einverstanden sei. Indessen kann eine Idee wie die unserige nicht aus das Verständnis der bisherigen Cultusvorsteher und die Nützlichkeits-Erwägungen ihrer Seelsorger angewiesen bleiben. Fast überall sind die breiten Schichten für uns. Diese bilden und erhalten die Gemeinde. Folglich muss auch in ihrem Sinne gehandelt werden. Wir haben den Gegensatz bisher aus brüderlicher Schonung nicht hervorgekehrt; aber schließlich ist es nothwendig, darin Wandel zu schaffen. Es kann nicht länger so bleiben, dass in jüdischen Cultusgemeinden gegen Zion agitiert wird. Es ist ein widersinniger, unmöglicher Zustand. Wir müssen ihm ein Ende bereiten. An allen Orten, wo der Vorstand nicht schon ohnehin zu den Unsrigen gehört, muss eine Wahlcampagne begonnen werden. Männer, die würdig und fähig sind, solche Ehrenämter zu bekleiden, und die uns in der Gesinnung nahestehen, müssen auf den Schild gehoben und in die Gemeindestube getragen werden, im Namen der nationalen Idee. Die Autorität der Cultusgemeinde, die Mittel, über die sie verfügt, die Personen, die sie erhält, dürfen nicht gegen den Bolksgedanken verwendet werden. Darum glaube ich in Ihrem Sinne zu sprechen, geehrte Congressmitglieder, wenn ich als eines unserer nächsten Ziele die Eroberung der Gemeinden hinstelle. Es ist dies auch der loyale und legale Weg, den zionistischen Bolkswillen in die Erscheinung treten zu lassen, nicht nur in der jährlich einmaligen Berathnug, die uns hier versammelt, sondern auch in einem Wirken aller Tage und gleichzeitig auf allen Punkten, wo Juden wohnen. Es genügt nicht, dass w i r davon wissen, in welchem Umfange der zionistische Gedanke die Judenheit ergriffen hat; die Thatsache muss auch gezeigt werden. Ter Wahlzettel ist dafür das geeignete, völlig einwandfreie Mittel. Außerhalb des Judenthums haben unsere Bestrebungen bereits viele wertvolle Sympathien, und es regen sich nur Zweifel, ob denn wir Zionisten nicht ein vereinsamtes, wunderliches Häuflein seien, dessen Versicherungen und Absichten nicht ins Gewicht fallen können. Die Eroberung der Gemeinden wird bewerfen, was wir vermögen. Wenn wir die Sympathien der nichtjüdischen Welt für unsere Bestrebungen herbeiwünschen, Herbeirusen, so findet man auch daran etwas auszusetzen. Ja, dieselben Leute, die uns den Vorwurf machen, dass der Zionismus neue Scheidegrenzen zwischen den Menschen aufrichte, mäkeln daran, dass uns die Freundschaft christlicher Zionisten willkommen ist. Uns ist es aber nicht etwa eine niedrige Sache der Nützlichkeit, wenn wir die uuS so freundlich entgegengestreckten Hände drücken. Es zeigt sich darin vor allem, dass dem Zionismus eine versöhnende Kraft innewohnt. Gedanken, rein von Hass, erstarken aus diesem Boden. Wir halten unverbrüchlich au unserem Judenthum fest und gewinnen dennoch Freunde von edelster Uneigennützigkeit. Ist das so schlimm? Wir, die angeblich neue Unterschiede schaffen, bringen durch einen milden Versuch die Menschen einander näher. Wir wenden dazu keinerlei Künste an; wir geben uns nur als das, was wir sind; wir sagen einfach die Wahrheit. Und die Wahrheit ist es auch, dass wir solche Freunde brauchen. Das Werk, das uns vorschwebt, wollen wir zwar aus eigener Kraft thun; aber viel Wohlwollen muss uns dabei umgeben, sonst kann es nicht gelingen. Wodurch verdienen wir uns dieses Wohlwollen? Dadurch, dass wir eine ohne unser Hinzuthun nicht lösbare Frage lösen, die aus mehreren Ländern lastet. Denn die Judenfrage sucht manche Staaten schwer heim. Sie werden bei der Besprechung der allgemeinen Lage im verwichenen Jahre hören, wie zahlreich die Beweise für die Nothwendigkeit des Zionismus leider auch Heuer gewesen sind. Bald da und bald dort, jetzt im Süden und jetzt im Norden, springt der Judenhass auf; kein Culturland ist so westlich gelegen, dass es diese alte Hetze nicht be-

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