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Die Welt · 1898-01-01 · 35 (2.9.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
Rede des Herrn Dr. Max Mandelstamm
Date
1898-01-01
Page
None (sequence 4)
Language
German
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berechtigt, als Palästina, diese vielumworbene Braut, ein Länderstrich ist, der eine fast zehnfach geringere Bevölkerung in sich fasst, als er beherbergen kann, und zwar hauptsächlich eine Bevölkerung, die uns stammesverwandt, semitisch ist, mit der wir uns also schon vertragen würden! Unsere Ansprüche sind auch insoferne nicht unbescheiden, als wir nicht den gewöhnlichen, durch Eisen mit Blut gedüngten Weg der Eroberung, der Annectierung gehen wollen; wir wollen eben nicht aus Mangel an Tiefe in die Breite gehen, sondern aus Ueberfluss an Breite — aus der Zerstreuung in die Tiefe gehen, uns concentrieren, einen kleinen Flecken auf dem weiten Erdenrund finden, wo wir unsere Culturarbeit verrichten und uns als Volk a u s l e b e n könnten, niemanden zum Schaden, uns selber zum Nutzen. Wir wollen ein geistig und körperlich arbeitendes Volk werden, aber auch ein ethisches Volk; wir sind zu dieser Leistung befähigt und imstande sie durchzuführen. Und sollten wir auch in unserer Nachbarschaft eine kulturell-ethische Epidemie verbreiten, wir würden uns daraus nicht das geringste Gewissen machen. Nicht nur, dass wir bei unserem Streben auf das Wohlwollen und Entgegenkommen der ottomanischen Regierung hoffen, die uns übrigens stets eine bessere Behandlung zutheil werden ließ, als so manche europäische Macht, — wir hoffen auch auf die Sympathien der edlen oberen Zehntausend der christlichen Nationen, die mit uns mitfühlen und im Namen der höheren Gerechtigkeit uns helfen müssen. Und nun bin ich an das?unckurri saliens meiner Aufgabe gelangt, an die Frage, wie wir dieselben theoretischen Erwägungen ins Praktische umzusetzen, wie wir die Behandlung einzuleiten haben? Bevor ich nun diese Frage beantworte, sei es mir gestattet, mich kurz mit den sogenannten „Zionsfreunden", den „Chowewe-Zion-Vereinen" zu verständigen. Mit dem unserem Volke eigentümlichen krittelnden, haarspaltenden Verstände haben es unsere Feinde und Freunde richtig zustande gebracht, zwischen den Chowewe- Zion-Vereinen und uns Misshelligkeiten und Differenzen hervorzurufen, wo eigentlich keine vorhanden sein sollten, wo wir als intimste Freunde zusammen marschieren sollten. Man hat uns in zwei feindliche Lager geschieden undsogar mit den schlauen Namen praktische und politische Zionisten getauft; geht man aber der Sache tiefer auf den Grund, so ergibt sich's dass der politische Zionismus, den man auch als rein idealistischen, utopistischen als unausführbaren Herzlionismus bezeichnet, bis nun nichts unternommen hat, was nicht praktische Bedeutung haben sollte, während der praktische Zionismus in so Manchem gar unpraktisch vorgegangen und meiner Anschauung nach, die reinste Sisyphusarbeit, im Sinne der nationalen Wiedergeburt verrichtet hätte, wenn ihm nicht der politische Zionismus durch sein Erscheinen bloß neues Leben eingehaucht hätte. Unbedingt müssen wir nun anerkennen, dass die Chowewe-Zion-Vereine uns Allen einen unzweifelhaften Dienst erwiesen haben, indem sie uns den Beweis erbracht haben, dass Juden, einmal aus dem Ghetto heraus in gesunde Lebensbedingungen versetzt, in kurzer Zeit sich hauten und tüchtige, fleißige, nach jeder Richtung hin brave Menschen werden können. Dieser Beweis war übrigens nicht so wohl für unsere Feinde, als für uns selbst nöthig, indem wir in unserer S e l b st v e r a ch t u n g bereits so weit gehen, dass wir zu zweifeln beginnen, ob mit den Juden des Ghetto überhaupt noch etwas anzufangen sei? Alsdann aber haben sie uns einen noch größeren Dienst erwiesen, die Chowewe- Zion, indem sie äs facto die Keimbildung eines nationalculturellen Zentrums besorgt und dasselbe sogar bis zum Embryo ausgebrütet haben, der schon mit unbewaffnetem Auge in der Gestalt von einigen tausend Weinbauern und Ackerbautreibenden wahrzunehmen ist. Das hat nun den allergrößten Wert für uns, den wir nie unterschätzen werden. Was wir aber an dem edlen Werke vermissen, das war und ist der nationale Gedanke, der ihrer Thätigkeit zu Grunde liegen sollte. Die Chowewe-Zion des Westens vermieden und vermeiden es geflissentlich bis nun, diesen Hauptgedanken hervorzukehren, geben vielmehr ihrer gesammten Thätigkeit den Anstrich eines philanthropischen Werkes; die Chowewe-Zion des Ostens, die seit Pinsker diesen nationalen Gedanken wohl auf ihre Fahne geschrieben, haben ihn in den lebten Fahren bis zur Unkenntlichkeit verflacht. Und das rächt sich dadurch, dass, trotz 1 üjähriger Arbeit, sie das Volk ^kühl und kalt, gelassen haben Ms ans Herz hinan". Wenn auch einzelne Menschen sich gerne durch reiche Leute bemuttern lassen, ein Volk kann und darf man nicht mit Almosen füttern und nur in der Selb st Hilfe liegt der Sporn zur Hebung des nationalen Bewusstseins und zu fruchtbringender That. Es ist ja möglich, dass die Chowewe- Zion des Westens erst in letzter Zeit sich zum nationalen Gedanken emporgerungen und denselben in seiner ganzen Bedeutung erfasst haben und nur in der Art und Weise im Tenrpo des Fortschreitens, von den Zionisten abweichen. Ja, dann sollen sie es offen aussprechen. Aber wie dem auch sei, wir machen ihnen keinen Vorwurf daraus; es wäre ja unbillig zu verlangen, dass Männer, die Gutes thun, noch Besseres thun sollen. Uns Zionisten stört ihre Thätigkeit, selbst in der Form, wie sie bis jetzt geübt wurde, durchaus nicht; wir betrachten die Chowewe Zion als kleineren Theil eines größeren Ganzen und dass wir es loyal und ehrlich mit ihnen meinen, beweisen wir dadurch, dass wir Zionisten, die wir aus einstigen Chowewe- Zion Zionisten geworden, nicht aufgehört haben, regelmäßig unsere Beiträge für die Colonisation Palästinas zu zahlen. Alle sammt und sonders. — Diese Loyalität verlangen wir auch von den Chowewe-Zion und sprechen den Wunsch aus, dass sie auch uns nicht im Ziehen unserer Kreise stören mögen, dass sie uns nicht insofern diskreditieren mögen, als sie, in der ewigen Furcht, wir plaudern zuviel aus der Schule, den Leuten einreden, wir schaden der Sache, wir zerstören das von ihnen mit solcher Um- und Vorsicht begonnene Werk. Das ganze Gegentheil ist nämlich richtig und seitdem der Zionismus ins Volk gedrungen, sind, in Russland wenigstens, die Beiträge für die Colonisation bedeutend gewachsen und das ist auch sehr natürlich: der Volksinstinkt hat es viel besser als die Chowewe-Zion begriffen, dass zwischen der Thätigkeit des Einen und der der Andern kein Unterschied gemacht werden müsse. Um nun endlich das Programm unsrer Bewegung zu formulieren, so wiederhole ich nochmals, dass wir 2 Zwecke verfolgen: l. den Zweck, die jüdische Nation als solche aus der Lethargie zu neuem Leben wach zu rufen und 2. einen größtmöglichen Theil unseres verkommenden Proletariats einem menschenwürdigen Dasein zuzuführen. Um dieses Ziel zu erreichen, wollen wir das vorjährige Baseler Programm einhalten, und zwar: - 1. Alles, was in unfern Kräften steht, aufbieten, um für das jüdische Volk eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina zu beschaffen. 2. Wollen wir durch Gründung einer Nationalbank die Colonisation in Palästina in viel größerem Maßstabe fördern und vermitteln, als es bis jetzt geschehen ist und uns durchaus nicht damit begnügen, aus den Juden einige tausend Bauern zu machen; wir wollen vielmehr in Palästina industrielle Betriebe jeglicher Art fördern und die jüdische Vielseitigkeit nach jeder Richtung hin culturell entfalten. Mit dem gar zu langsamen „immer langsam voran!" kommen wir nicht vorwärts. Im Verlaufe der 16 Jahre haben wir mit dem Weinbau experimentiert, der gelang. Sollten wir nun jetzt ebenso lange experimentieren.

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