Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- Rede des Herrn Dr. Max Mandelstamm
- Date
- 1898-01-01
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
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ob die Gerste oder der Weizen in Palästina gedeiht und ob die Seidenzucht oder das Zuckerrohr — so kämen wir aus dem Experimentieren nicht heraus. Wir zweifeln nämlich nicht im geringsten, dass die Bibel die Wahrheit sprach, als sie sagte: „Palästina sei ein Land, wo Milch und Honig fließt". Nur Arbeit, ehrliche, angestrengte Arbeit muss uns zu Hilfe kommen, um das verwahrloste Land zum Aufblühen zu bringen und die Culturmittel, die uns jetzt zu Gebote stehen, vermögen Sandwüsten in blühende Gärten zu verwandeln, — wofür die Russen in Turkestan das beste Beispiel geliefert haben. Selbstverständlich muss die Colonisation im großen Stile mit der größten Umsicht begonnen werden, und eine speciell zu ernennende Commission von tüchtigen Fachkennern das Land auf feine Ertragfähigkeit, nach jeder Richtung hin prüfen. Auch dürfen wir mit dem ferneren Colonisieren nicht eher beginnen, bis wir uns nicht den Boden, auf welchem wir uns einrichten wollen, öffentlich-rechtlich gesichert haben. Uebrigens kann ja vorläufig, bei dem streng beobachteten Einwanderungsverbot, das in ganzer Kraft besteht, von einem Colonisieren mit neuen Juden nicht die Rede sein, höchstens von einem Einschmuggeln derselben. Schmuggeln aber wollen wir nicht; wir wollen uns nicht als Contrebandisten einschleichen, sondern die Gewißheit haben, dass wir uns für immer einrichten und ein Heim, sichern können. So lange wir den ersten Programmpunkt nicht erreicht haben, eine öffentlich-rechtliche Sicherheit nicht erwirkt haben, wollen wir drittens uns mit der Versorgung derjenigen Juden, die in Palästina und Syrien schon ansässig sind, befassen: diese bedürfen nur unserer Unterstützung, in der Form eines billigen Credits. um die Quantität tüchtigen, produktiven Menschenmaterials zu steigern. Und endlich wollen wir viertens die innere jüdischeVolkserziehung in den jeweiligen Vaterländern so intensiv wie möglich betreiben. In erster Linie trachten wir darnach, die nationale Regeneration, das nationale Selbstbewußtsein überall da zu heben, wo Juden in größeren oder geringeren Massen wohnen und wo organisierte Zionistengruppen vorhanden. Ohne in einen Chauvinismus zu verfallen, der nicht nur lächerlich, sondern auch schädlich, wollen wir es fürs erste so weit bringen, dass der Jude aufhöre, sich seiner Abstammung zu schämen, dass die jüdischen Mütter keinen besonderen Stolz darauf setzen, wenn ihre Kinder keine Judengesichter haben. Diese Hebung des jüdischen Nationalbewusstseins kann nur auf die Weise erreicht werden, dass die Jugend sich mit der glorreichen Vergangenheit, mit dem Martyrium ihres Volkes vertraut macht und edle Vorbilder für ihre eigenen Handlungen in ihren Geist und ihr Gemüth ausnimmt. Deshalb legen wir den größten Werth darauf, dass der Unterricht der Jugend, der männlichen sowohl als auch der weiblichen, in jüdischer Geschichte und hebräischer Sprache so intensiv wie möglich gefördert werde.' Die hebräische Sprache ists, die der Heranwachsenden Generation den Schlüssel zum Eindringen in den Nationalgeist des Judenthums in die Hand drückt. Diese Aufgabe wird allerdings den Juden des Westens viel schwerer zu erfüllen sein als den Juden des Ostens; aber Großes lässt sich überhaupt nur durch Energie und Consequenz erreichen. Eine einzusetzende Schulcommission hätte für die Beschaffung von nützlichen Jugendschristen in hebräischer Sprache zu sorgen. Diese innere Arbeit muss sich nun, je nach dem Lande, in welchem Juden leben, verschieden gestalten. Was den Verhältnissen des einen Landes entspricht, das passt vielleicht dem anderen nicht. Und da muss nun, wie es auch bei der Behandlung einzelner Kranker der Fall ist, jedesmal individualisiert werden. Während es für Deutschland z. B. schon jetzt angemessen sein würde. außer dem Unterricht in hebräischer Sprache, außer Sprachübung in derselben, außer der Erlernung der jüdischen Geschichte und Literatur in ihren Hauptzügen — jüdische Turn- und Geselligkeitsvereine ins Heben zu rufen, wo sich die Juden zwanglos den Uebungen des Körpers und des Geistes hingeben könnten; — während sie in Deutschland durch Wort und Schrift, durch Wanderredner. das nationale Bewusstsein heben könnten, müssten wir im Osten — wo das nationale Bewusstsein noch intensiv vorhanden — uns mit viel elementareren Dingen beschäftigen, mit der Creirung von Musterelementarschulen, M u st e r ch e d e r s, an denen es uns fast ganz fehlt, und mit der Beschaffung guter Lehrer, die überhaupt zu unterrichten imstande wären, da bis nun unsere Schullehrer zumeist in der hebräischen Sprache, in Grammatik und Literatur sehr schlecht gesattelt sind. Wir müssten überall, wo Zionistengruppen vorhanden — und deren gibts schon eine stattliche Zahl — für gute, frische Luft in den Cheders und Talmud- Thoras, und dafür sorgen, dass die kränkliche, in Elend und Armut verkommene Jugend, durch Gymnastik jeglicher Art g e st ä h l t und widerstandsfähig gemacht werde. Ferner müssten bei uns im Osten diejenigen Aerzte, die Zionisten sind, so oft und so viel wie möglich populäre Vorträge über Hygiene, über Sauberkeit und Reinlichkeit in Haus und Hof halten; denn zu meiner Betrübnis muss ich eingestehen, dass die breiten Volksschichten des Ostens, durch Armut und Entbehrungen jeglicher Art dazu bereits gekommen si:O. die elementarsten Vorschriften der mosaischen ReinlichkcUr-lehre zu vernachlässigen und dadurch Krankheiten dutzendweis zu züchten. b) Ferner wollen wir durch Wort und Schrift, durch Einberufung von Versammlungen, auch diejenigen Juden, die nicht Zionisten sind, zur Errichtung von Fachschulen, wo es eben geht, anfeuern, und, um dem Elend der Massen schon jetzt nach Kräften zu steuern, alles aufbieten, um die jüdische Bank, die wir jetzt projectieren. auch zu realis uren und Filialen in denjenigen Ländern: zu eröffnen, wo es Noth thut, zur Beschaffung eines billigen Credites für Gewerbetreibende und landwirtschaftliche Unternehmungen jeglicher Art. 9hm bin ich auch mit dem zweiten Theil meiner Beweisführung fertig und glaube gezeigt zu haben, dass die Behandlungsweise, die wir vorschlagen, um das kranke jüdische Volk zu retten, auf rationellerer Basis beruhe, als Assimilationsversuche und Taufe. Aus dem, was ich gesagt, geht zur Evidenz hervor, dass wir Zionisten nicht einseitig verfahren, dass wir sowohl symptom a t i s ch. als auch radical, nach innen und außen, im Lande selbst und auch in Palästina alles thun wollen, was zu thun ist. Indem ich nun schließe, will ich blos noch die Bemerkung machen, dass das national-jüdische Programm, welches wir Zionisten aufgestellt, wie eine wahre Erlösung aus die jüdische Volksseele gewirkt hat. Es ist kaum zu schildern, welch mächtige Bewegung der Zionismus in den breiten Volksschichten der Juden des Ostens he.rvorgerusen; man muss das selbst mit erlebt haben, um es in seiner ganzen Tragweite zu würdigen. Da wir für das Volk, für das arme, von Gott und Menschen scheinbar verlassene Volk arbeiten wollen, so ist diese Volksbegeisterung unser Trost und auch unsere Hoffnung!